Aktionen für eine Offene Gesellschaft

Hate Speech und Fake News vergiften unsere Demokratie

"Alternative Fakten" und öffentliche Hasstiraden in sozialen Medien sind Teil der alltäglichen Kommunikationsflut geworden. Was kann jeder Einzelne dagegen tun? Und welche Verantwortung trägt die Zivilgesellschaft für eine achtsame öffentliche Gesprächskultur? Antworten gab eine Diskussion der Initiative für eine Offene Gesellschaft gemeinsam mit dem Schauspielhaus Stuttgart und der Robert Bosch Stiftung.

Muhterem Aras wird regelmäßig mit Hate Speech und Fake News konfrontiert. Auf der Podiumsdiskussion berichtet die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, dass in ihrem Postfach immer häufiger heftige E-Mails landen, in denen sie aufgrund ihrer politischen Position, ihrer Herkunft und vermeintlichen Religion bedroht wird. Ebenso erlebe sie, wie auch Abgeordnete mit "alternativen Fakten" die Stimmung aufheizen und sachliche Diskussionen erschweren.

Was wollen Verfasser von Falschnachrichten eigentlich erreichen? Muhterem Aras antwortet auf diese Frage sehr bestimmt: "Mit Fake News lügen sie eine andere Gesellschaft herbei." Sie verdrehten Tatsachen, manipulierten bestimmte Zielgruppen durch Hassreden, um so beispielsweise ihr Wahlverhalten zu beeinflussen, erklärt sie. Muhterem Aras warnt davor, dass "alternative Fakten" und Hassreden den öffentlichen Meinungsaustausch und damit unsere Demokratie vergiften.

Die Diskussion um die Motive entfacht auch im Publikum. Eine Teilnehmerin berichtet von ihrer Beobachtung, dass Hassredner in sozialen Medien kriminelle Einzeltaten nutzen, um sie auf eine gesamte Gesellschaftsgruppe wie die der Flüchtlinge zu übertragen. Damit möchten sie Angst und Wut gegen diese Gruppe schüren und sie so aus der Gesellschaft ausgrenzen, erklärt sie.
 

Hate Speech und Fake News funktionieren in sozialen Medien besonders gut

Mit auf dem Podium sitzt Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung. Sie macht deutlich, dass Fake News und Hate Speech in sozialen Medien besonders gut funktionieren. "Je anonymer das Umfeld ist, desto emotionaler und dynamischer scheint die Meinungsäußerung zu sein", erklärt sie. Neben ihr auf dem Podium sitzt Prof. Dr. Mark Eisenegger, Kommunikationswissenschaftler und  Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft. Auch er begründet, dass sich Falschnachrichten in sozialen Medien so rasend schnell verbreiten, weil Menschen dort "emotional, impulsiv und kurzfristig reagieren".

Jeder betreibe in den sozialen Netzwerken auch Identitätsmanagement, so Prof. Dr. Mark Eisenegger. "Geteilt wird das, was zu uns passt. Dabei bleiben wir in einer Filterblase, in der wir uns von anderen Meinungen und Ansichten isolieren." Er mahnt, dass diese Filterblasen gefährlich seien, denn zu einer offenen Gesellschaft gehöre es auch, sich mit anderen Standpunkten auseinander zu setzen.

Was gegen Hate Speech und Fake News hilft: Kontern!

Junge Menschen aus ihren Filterblasen holen und ihnen zeigen wie wichtig es ist, zu diskutieren - das ist das Ziel der Podiumsteilnehmerin Franziska von Kempis. Als Chefredakteurin des "Mesh Collective" dreht sie gemeinsam mit jungen Menschen YouTube-Videos, um sie dafür zu begeistern, sich zu gesellschaftsrelevanten Themen eine eigene Meinung zu bilden. Für seine innovativen Online-Formate zur politischen Bildung und Jugendbeteiligung wurde "Mesh Collective" mehrfach ausgezeichnet. Die Robert Bosch Stiftung unterstützte das Projekt in seiner Anfangsphase.

Während der Podiumsdiskussion schaut Franziska von Kempis auffordernd ins Publikum und fragt: "Wie viele von Ihnen diskutieren mindestens einmal die Woche in sozialen Medien oder reagieren auf hetzerische, beleidigende Hasskommentare unter öffentlichen Posts?" Nur drei Personen melden sich und das wundert sie nicht. Franziska von Kempis ist der Meinung, dass man auch online Lügen und Hass nicht einfach unkommentiert stehenlassen kann. Dem Publikum präsentiert sie ihr YouTube-Video "Hass gegen Frauen: #JetztistSchluss", in dem sie zeigt, wie man auf sexistische Anfeindungen gegenüber Frauen reagieren kann. Franziska von Kempis beweist, wie jeder Einzelne Verantwortung übernehmen und dem Hass im Netz entgegentreten kann: Sie erhebt ihre Stimme und widerspricht statt stehenzulassen.

Diese Art von zivilisiertem Streit sei für die Gesprächskultur in einer demokratischen Gesellschaft wichtig, darüber sind sich alle Teilnehmer einig. Kommunikation in Zeiten von Hate Speech und Fake News erfordere die Bereitschaft sachlich und offen, auch außerhalb der eigenen Filterblase zu diskutieren. Die Rolle der Zivilgesellschaft dabei sei, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern und ihn nicht von den wenigen lauten Hassrednern vergiften zu lassen.