PORT Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung

Büsum

Hoch im Norden möchte die Gemeinde Büsum mit ihrem PORT-Projekt ein Gesundheitsnetz auswerfen, das die Bewohner vor Ort mit sämtlichen medizinischen Aspekten versorgt – von der regelmäßigen Impfung bis hin zur Pflegebetreuung.
 
PORT-Standort

Gute Luft, ganz viel Wattenmeer, frische Krabben von bunten Kuttern und jede Menge weites Land. Davon hat die Gemeinde Büsum im Landkreis Dithmarschen reichlich zu bieten. Aber eine Ressource drohte im drittgrößten Ferienort an Schleswig-Holsteins Nordseeküste auszugehen: Ärzte. Vor ein paar Jahren näherten sich vier der fünf Büsumer Hausärzte dem Rentenalter – und fanden für ihre Praxen in der abgelegenen Provinz keine Nachfolger. Eine Katastrophe für die etwa 4800 Bewohner, von denen heute bereits die Hälfte mehr als 60 Jahre alt und damit vermehrt von Krankheiten und körperlichen Leiden bedroht ist. Der Bedarf an medizinischer Versorgung wächst in Büsum kontinuierlich. Nicht nur bei der überalternden Bevölkerung, sondern auch in den Sommermonaten. Dann kommen täglich bis zu 20.000 Urlaubsgäste in das Nordseebad etwa 100 Kilometer nordwestlich von Hamburg. Ein einzelner Hausarzt wäre für Büsum nicht ausreichend.

2015 beschloss der Gemeinderat zu handeln: Er bot den Hausärzten an, ihre Praxen zu übernehmen und sie anzustellen. Die Mediziner sagten ja, die Gemeinde kaufte und modernisierte das bestehende Ärztehaus gleich hinter dem Deich und eröffnete 2016 das erste kommunale Hausarztzentrum Deutschlands. Inzwischen sind zwei der älteren Ärzte in Rente gegangen – und junge Nachfolger eingestellt. Diese schätzen die geregelten Arbeitszeiten, den Austausch mit Kollegen, die Möglichkeit der Teilzeit-Arbeit und damit die Vereinbarkeit von Beruf, Freizeit und Familie. Trotzdem weiß man in Büsum, dass noch mehr getan werden muss, um das Gesundheitswesen auf gesunde Beine zu stellen, Ärzte und Fachpersonal langfristig zu gewinnen und zu halten – und die Patienten rundum und aus einer Hand zu versorgen. Nach den ersten Erfolgen des Ärztezentrums, zu dem auch eine Apotheke und eine Physiotherapiepraxis gehören, und der Auswahl als PORT-Projekt blickt die Gemeinde positiv in die Zukunft ihres Gesundheitswesens. Neuen Ideen und Methoden gegenüber ist man hier aufgeschlossen. Wer aus dem etwa 130 Kilometer entfernten Hamburg nach Büsum reist, kann sich bereits unterwegs ein Bild davon machen: Wenn irgendwann links und rechts der Autobahn mehr Windräder als Häuser zu sehen sind, dann ist man angekommen im hohen Norden, wo der Wind kräftig bläst – und heute ebenso kräftig Strom liefert.
PORT-Zentrum

Mangel macht erfinderisch und effektiv. Diese Erfahrung hat man in Büsum gemacht. Vor zwei Jahren zeigte die Gemeinde zwischen Watt, Deich und plattem Land Mut und Experimentierfreude, als sie vier Hausarztpraxen übernahm, ein modernes Gesundheitszentrum errichtete und damit die drohende Verarmung an medizinischer Versorgung in Büsum stoppte. Finanziert, angestellt und organisiert von der Gemeinde arbeiten heute zwei Hausärzte in Vollzeit, zwei in Teilzeit und ein Nachwuchsarzt in Weiterbildung im Gesundheitszentrum Büsum. Der flache Neubau, gesäumt von weißen Ruhebänken und Holzterrassen mit Strandkörben, beherbergt neben den gemeinschaftlich genutzten Praxisräumen auch eine Physiotherapie- und Naturheilpraxis, Trainingsräume, eine Pflegeberatungsstelle und eine Apotheke.

Als ausgewählte PORT-Initiative möchte die Gemeinde in den kommenden Jahren ihr Gesundheitswesen weiter nachhaltig verbessern. Dafür wird sie zunächst das Gebäude aufstocken und Schulungsräume schaffen. Ab Januar 2017 sollen hier regelmäßig Schulungen für chronisch Kranke, Kinder, Jugendliche und Pädagogen, ehrenamtlich Tätige und gesundheitsinteressierte Bürger stattfinden. Neben diesen präventiven Maßnahmen möchte das Seebad die Gesundheitsversorgung insgesamt verbessern. Dazu stellt sich PORT Büsum multiprofessionell auf: So genannte NäPas (Nichtärztliche Praxisangestellte) entlasten die Hausärzte, indem sie – nach entsprechender Weiterbildung – Aufgaben wie Kontrollmessungen, Blutentnahmen und Hausbesuche übernehmen dürfen. Außerdem möchte die Gemeinde in den kommenden Monaten einen Case Manager einstellen, der die Patienten in Empfang nimmt, die Krankengeschichte erfasst, erste Untersuchungen anstellt, bei Bedarf Folge- und Kontrolltermine organisiert, Angebote für Schulungen oder Programme macht und Kontakt zur Pflegeberatung herstellt. Ein weiterer Punkt der PORT-Entwicklung ist die stärkere Einbindung von Telemedizin. So könnten mit einer speziellen Kamera hochaufgelöste Bilder beispielsweise während eines Hautscreenings gemacht und an den Facharzt übermittelt werden.

Werden alle Ziele erfolgreich umgesetzt, erhofft man sich in Büsum, nicht nur ein attraktiver Gesundheitsstandort für die Bürger zu sein, sondern auch für die Erbringer von Gesundheitsleistungen. Damit im Nordseebad kein medizinischer Mangel entsteht.

Darum machen wir mit:

Fotos: Tobias Bohm  
Harald Stender, Koordinator ambulante Versorgung Kreis Dithmarschen
Harald Stender kämpft als „Koordinator ambulante Versorgung“ gegen die medizinische Verarmung im Kreis Dithmarschen – und für die Umsetzung des PORT-Projekts in Büsum. „Das, was PORT jetzt fördert, ist vorausschauend. Wir werden einen großen Bedarf und zugleich Mangel an Ärzten bekommen“, prophezeit er. „Dann werden wir genau das brauchen, was wir mit PORT heute schon in Ansätzen nach vorne bringen: mehr Entlastung der Ärzte durch NäPas und Case Manager, die Einbindung von Sozialarbeitern und ehrenamtlichen Helfern, mehr Präventionsmaßnahmen und vor allem eine auf den Menschen zugeschnittene, verbindliche Beratung.“