PORT Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung

Berlin-Neukölln

In Berlin gibt es viele Ärzte. Aber nicht überall. In der Rollbergsiedlung, einem Viertel im Stadtteil Neukölln mit einem hohen Anteil an Migranten und Sozialhilfeempfängern, sind Ärzte und passende Angebote zur Gesundheitsversorgung Mangelware. Genau hier wird das Gesundheitskollektiv Berlin e.V. ein PORT-Zentrum errichten, in dem zusätzlich zur medizinischen Versorgung auch die sozialen Lebenswelten der Menschen intensiv betrachtet und berücksichtigt werden sollen.
 
PORT-Standort

Eigentlich sind es nur ein paar Häuser und Straßen im Süden Berlins, nicht weit vom Rathaus Neukölln entfernt, in denen viele Sprachen gesprochen werden. An den Geschäften stehen Angebote ganz selbstverständlich auf arabisch, deutsch und türkisch, die Bäckereien verkaufen Krapfen und Baklava. Die Rollbergsiedlung ist international, hat aber auch viele Probleme.

Um die 5700 Menschen leben hier im Norden des Berliner Bezirks Neukölln, zwischen Rollbergstraße und Mittelweg. Ihre Mischung sticht hervor: Etwa 70 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, mehr als jeder Vierte ist jünger als 18 Jahre. Höchste Anteile – verglichen mit dem Rest Berlins – gibt es auch an Arbeitslosen, Empfängern von Transferleistungen und Kinderarmut. Niedrig hingegen ist die Anzahl an Ärzten im Viertel. Dazu kommen eklatante Morbiditätsdaten: Viele chronisch und mehrfach Erkrankte sowie eine hohe Säuglingssterblichkeit.

Der Bedarf an einer umfassenden gesundheitlichen Versorgung in der Rollbergsiedlung und den angrenzenden Wohnblöcken ist groß. Deshalb möchte sich das 2014 gegründete Gesundheitskollektiv Berlin e.V. (GeKo) hier engagieren, ein multiprofessionelles Netzwerk aus Fachkräften vor allem des Gesundheits- und Sozialwesens. Sie alle haben sich zusammengetan, um das Gesundheitssystem anders zu denken: Sie fordern einen Zugang zu einer guten Kranken- und Gesundheitsversorgung für alle – und sehen in der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen einen Schlüssel für eine Förderung der allgemeinen Gesundheit.

In den kommenden Jahren möchte das Kollektiv mit einem Sozial- und Gesundheitszentrum auf das Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei ziehen. Hier wird die Agora baut eG mit Unterstützung der Schweizer Stiftung Edith Maryon ein Gebäude errichten, in dem gemeinschaftlich genutzte Wohnungen und Räume für Organisationen und Vereine aus dem Viertel entstehen sollen. Als PORT möchte das GeKo Berlin von diesem Standort aus etwa 20000 Menschen gesundheitlich versorgen und zusammen mit ihnen ihre Lebenswelten gesundheitsförderlicher gestalten.
PORT-Zentrum

Noch ist wenig zu sehen auf dem Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei am Rande der Rollbergsiedlung in Berlin-Neukölln. Neben dem alten Sudhaus stapeln sich ein paar Holzpaletten vor Sand- und Schutthaufen. Nur eine einzelne Baggerkralle deutet daraufhin, dass auf der großzügigen, leeren Fläche gebaut werden soll. Unter anderem ein Gebäude für Stadtteilinitiativen, neue Wohnformen und soziale Einrichtungen, in das 2019 auch das Gesundheitskollektiv Berlin e.V. (GeKo) mit seinem PORT-Gesundheitszentrum einziehen möchte. Das etwa 20-köpfige Kollektiv aus Ärzten, Psycho- und Physiotherapeuten, Pflegekräften, Heilmittelerbringern, Gesundheits- und Rechtswissenschaftlern, Sozialarbeitern und Pädagogen strebt eine interprofessionelle und hierarchiearme Arbeit an, die sich stark am lokalen Bedarf orientiert, die sozialen Einflüsse auf Gesundheit berücksichtigt und Bewohner teilhaben lässt und einbindet. Praktisch soll das PORT-Zentrum später in vier Säulen wirken: der primärmedizinischen Versorgung, der Beratung, der Forschung und der Gemeinwesenarbeit.

Kommt ein Patient oder Betroffener in das Zentrum, wird er nach einer Ersteinschätzung passend versorgt, in und zwischen verschiedenen Bereichen der Versorgung vermittelt.Fallbesprechungen und eine elektronische Akte unterstützen diese Prozesse. Bis dahin geht es aber in den ersten Schritten des Projekts darum, mehr über die Lebenswelten und Gesundheitssituation der Menschen in der Rollbergsiedlung herauszufinden und Möglichkeiten der Verbesserung zu entwickeln. Dazu arbeitet das Kollektiv aufsuchend und partizipativ: Die Mitglieder gehen zusammen mit Bewohnern in ihr Viertel, zu Vereinen, Initiativen und Treffen. Sie hören zu, informieren über bestehende Angebote und erweitern so ihr regionales Netzwerk. Weitere anlaufende Maßnahmen sind eine mobile Gesundheitsberatung, das Angebot einer „Übersetzung“ von Arztbriefen und der Aufbau einer Lotsen- und Multiplikatorengruppe. Am Ende sollen die Menschen ein Interesse daran und auch die Möglichkeiten dafür haben, sich selber für ihre Gesundheit einzusetzen. Dabei möchte das Gesundheitskollektiv sie umfassend unterstützen.

Darum machen wir mit:

Fotos: Tobias Bohm  
Dorit Philipps, Assistenzärztin und Referentin für Gesundheitsförderung und Gemeinwesenarbeit
Die angehende Allgemeinmedizinerin war in den vergangenen Monaten viel im Rollbergkiez unterwegs: „Um mit den Menschen im Kiez in Kontakt zu kommen, müssen wir zu ihnen gehen“, erklärt sie ihre Netzwerkarbeit in der Rollbergsiedlung. „Nur dann können wir herausfinden, was den Leuten hier am Herzen liegt und wo es hakt.“ Eine der vielen Ideen will sie als einen der ersten PORT-Schritte umsetzen: „Wir werden u.a. anbieten, Arztbriefe so zu übersetzen, dass der Patient sie wirklich versteht.“ Von strengen Hierarchien hält die Medizinerin nicht viel, von einer gleichberechtigten und respektvollen Zusammenarbeit umso mehr.