Grenzgänger

Marianne Zückler:

Marianne Zückler, 1960 in Berlin geboren, studierte Germanistik, Erziehungswissenschaft und Theaterpädagogik. Ihre künstlerische Prägung erfuhr sie unter u. a. durch ihre Mitarbeit bei Ariane Mnouchkine, Théâtre du Soleil, Paris, und Harry Kupfer an der Komischen Oper Berlin. Seit 1994 arbeitet sie als freie Autorin mit den Rundfunkanstalten der ARD zusammen und ist seit Jahren als Dozentin für dokumentarisch-biografische Theaterarbeit tätig. Ihre Hörspiele wurden mehrfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman „Der Blanke Hans und seine Frauen“, erschien 2015 im Husum-Verlag. Sie interessiert sich besonders für die Verschränkung von Erfahrungs- und Erinnerungsräumen sowie für die transgenerationelle Weitergabe von Kriegs- und Gewalttraumatisierungen.
Osteuropa Express
Erzählungen über Freiheit, Liebe, Sexualität und Ausgrenzung


Vom Leben und Lieben neben der Heterosexualität
Die Lebensfäden von acht Protagonisten verweben sich zu einem großen Teppich, in dem Einschüchterung und Ausgrenzung, aber auch Liebe und Freiheit ineinandergehen. Sie gewähren uns Einblicke in eine Welt, in der viele Menschen wegen ihrer sexuellen Identität verfolgt werden und gegen Anfeindungen und Diskriminierung ankämpfen müssen.

„Osteuropa Express“ führt mitten hinein in ein Thema, das so sozialpolitisch drängend wie menschlich packend ist. Die Erzählungen vermitteln realistische Eindrücke vom Alltag in Polen, Ungarn, Litauen und Lettland, wo Anfeindungen und Schikane im Beruf, in der Kirche und auch in der Familie keine Seltenheit sind, wenn es um sexuelle Selbstbestimmung geht. Die Protagonisten zeigen ihren Weg heraus aus der Opfer-Rolle – Wege voller Mut, Beharrlichkeit und Selbstvertrauen.

Die Erzählungen beruhen auf Recherchen und Interviews, die Marianne Zückler über 3 Jahre hinweg geführt und zu Erzählungen verwoben hat – ein Buch für alle die sich für mutige Identitätskämpfe begeistern.

238 Seiten, Klappenbroschur
EuropaVerlag 2017, Berlin, München, Zürich, Wien
ISBN: 978-3-95890-079-0
auch als eBook erhältlich

Bildergalerie „Hinter einer alltäglichen Fassade verbergen sich ein gnadenloser Anpassungszwang und Gewalt."

Das Leben von LGBTs in Osteuropa packte mich bei meiner Teilnahme an der Europride 2010 in Warschau. Der Hass und die Ablehnung, die mir damals bei der ersten Europride in Osteuropa im Umgang mit von der Norm abweichenden Geschlechtsidentitäten begegneten, waren bestürzend.

Damals ahnte ich noch nicht, dass mein Interesse mich in ein Labyrinth führen und heftigen Erschütterungen aussetzen würde. Doch genau in diesen „Schmerzpunkten“ liegen die schöpferischen Quellen.

Recherchezeitraum: 2014 / 2015
Meine Recherchen führten mich nach Lettland, Litauen, Ungarn und Polen. Häufig gestalteten sich die Kontakte zu meinen Gesprächsparter*innen schwierig. Vereinbarte Treffen kamen oft nicht zustande, oder fanden erst nach vertrauensbildenden Kontakten statt. Ich konnte mir diese plötzlichen Umschwünge zunächst nicht erklären. Verbarg sich hinter dem Rückzug die Skepsis, ob man mir vertrauen konnte, wenn man mir intime Details erzählte? War es die Angst, dass das Gesagte in falsche Hände geraten könnte?

Je weiter die Recherchen vorankamen, desto mehr verdichtete sich der Eindruck, dass hinter der nach Westen sich ausrichtenden Fassade eine beklemmende und autoritäre Welt mit Ausgrenzung und Gewalt verbarg.

Viele meiner Gesprächspartner*innen kamen aus ländlichen Gebieten oder kleineren Städten. Diskriminierungs- und Gewalterlebnisse und die Gewissheit, kein gleichberechtigtes Leben dort zu finden, veranlasst LGBTs bis heute in die Hauptstädte zu ziehen bzw. ihre Heimat zu verlassen.

Gelegentlich kam es zu seltsam widersprüchlichen Situationen. So brachte einer meiner Gesprächspartner, ein junger polnischer Schwuler, zu unserem Treffen Gastgeschenke seiner Eltern mit: Eine Flasche Rotwein und ein großes Glas selbst eingelegter Gurken, als Gruß von seiner Mutter. Zwar missbilligten die Eltern die Homosexualität ihres Sohnes, waren jedoch mit dem Interview einverstanden.

Die Ergebnisse meiner Recherchen über die heutigen Lebensrealitäten von LGBTs spiegeln ein vielschichtiges und ambivalentes gesellschaftliches Bild, das in seinen reaktionären Tendenzen allerdings auch erschreckend ist.

Trotz der Demokratisierungsprozesse und europäischen Gleichstellungsgesetze ist in unseren osteuropäischen Nachbarländern eine wachsende Homophobie und zunehmende Gewalt gegen alle und alles zu beobachten, was von einer normierten, heterosexuellen und konservativen bis reaktionären Gedankenwelt abweicht.

Vor dem Hintergrund der stagnierenden wirtschaftlichen Lage, steigender Arbeitslosigkeit, enttäuschter Erwartungen und der sich verschlechternden Lebensverhältnisse werden LGBTs als Bedrohung für Staat und Familie diffamiert und zu Sündenböcken gestempelt. Gezielt schüren reaktionäre Kräfte und führende Politiker homophobe Ängste in der Bevölkerung. In Ungarn und Polen geschieht dies im Zusammenspiel mit der katholischen Kirche, in Lettland mit der angelsächsischen Kirche.

In der staatlich manipulierten Medienberichterstattung und von der Kanzel werden LGBTs als krank kategorisiert und ihre sexuelle Orientierung als Todsünde angeprangert. Sie werden dämonisiert, man macht sie für den Verlust traditioneller Werte, den Zerfall der Familie und für familiäre Gewalt verantwortlich.

Privat und beruflich glauben viele jüngere LGBTs nicht mehr an ein freies und gleichberechtigtes Leben in ihrem Land. Desillusioniert von der politischen Situation und auch aus Angst vor wachsender Homophobie und rechtsradikalen Tendenzen in der Bevölkerung, verlassen sie ihre Familien und Freunde, um sich in Westeuropa ein neues Leben aufzubauen. Doch es gibt auch jene LGBTs, die sich bewusst für ein Bleiben entscheiden oder nach einem längeren Lebensaufenthalt in einem westeuropäischen Land in ihre Heimat zurückkehren. Selbstbewusst und mutig engagieren sie sich dort für ein gleichberechtigtes Leben als LGBT.

Während des Schreibprozesses an „Osteuropa Express“ vergegenwärtigte ich mir oft die Reaktionen meiner Gesprächspartner*innen. Auf meine Frage am Ende jedes Gesprächs: „Was wünscht ihr euch, wenn ich über LGBTs erzähle?“, kamen oft Antworten, die im Hinblick auf die schwierigen Lebensbedingungen mit Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen überraschte. Meine Gesprächspartner*innen wollten, dass ihre Lebenssituation als emanzipatorischer Prozess verstanden wird. Und sie wollten vor allem nicht als „Opfer“ einer heterosexuellen und homophoben Gesellschaft dargestellt werden.

Es war ihnen ein tiefes Anliegen als LGBTs auf Augenhöhe in einem gemeinsamen Europa wahrgenommen zu werden.

Empathie, Solidarität und Zivilcourage beflügeln emanzipatorische Prozesse. Diese Kräfte brauchen LGBTs in Ost wie West. Ob meine Geschichten dazu Mut machen, werden meine Leser*innen entscheiden.