Grenzgänger

Amélie Losier:

Amélie Losier, geboren in Frankreich, studierte deutsche Literatur und Kultur in Paris und Berlin und nahm Zeichenunterricht an der École des Beaux Arts in Paris. Sie studierte anschließend Dokumentarfotografie bei Prof. Arno Fischer an der Schule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ in Berlin. Seit 2001 lebt und arbeitet sie als freiberufliche Fotografin in Berlin für internationale Zeitungen und Zeitschriften, Kulturinstitutionen und Corporate Publikationen. Sie liebt Porträts und Street Photography und produziert selbst Reportagen und Multimedia-Geschichten. Eines ihrer Hauptinteressen ist das Leben der Frauen.

Losier unterrichtet Jungendliche und Erwachsene in Reportage- und Porträtfotografie, seit 2011 ist sie Mitglied des Vereins für Fotojournalismus FREELENS. Sie erhielt für ihre Arbeiten verschiedene Förderungen und Stipendien (Akademie der Künste, VG Bild Kunst, Grenzgänger). Ihre Arbeit wurde in mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt sowie in Büchern veröffentlicht (u.a.: „Wenn die Stadt schläft“, Lehmstedt Verlag; „Just like a Woman“, Nimbus, Kunst und Bücher).
SAYEDA, Frauen in Ägypten. Women in Egypt. Femmes d'Égypte

Wie in vielen arabischen Umbruchländern ist die Gesellschaft in Ägypten tief gespalten: Hier die revolutionäre Sehnsucht nach westlicher Prägung, dort das Streben nach streng-religiöser Restauration; dazwischen das Militär, das sich die zentrifugale Situation zunutze macht, um ein neues autokratisches Regime zu legitimieren. Teilweise verdeckt von den machtpolitischen Auseinandersetzungen, gewinnt ein grundlegender Konflikt an Bedeutung: derjenige zwischen den Geschlechtern.

Auch wenn die wenigen Frauenrechtlerinnen noch wenig Gehör finden, so ist die Botschaft dennoch klar: Solange die Rechte der Frauen missachtet werden, kann es keinen wirklichen gesellschaftlichen Fortschritt geben. Vor diesem Hintergrund ist die Fotografin Amélie Losier mehrfach nach Ägypten gereist, um mit der Kamera der Frage nachzugehen: Was bedeutet es heute, eine Frau in Ägypten zu sein? Sie hat Frauen aller sozialen Schichten und Altersgruppen getroffen: Verheiratete und unverheiratete, religiöse und säkulare, städtische und ländliche, verschleierte und unverschleierte, Frauen mit und ohne berufliche Ausbildung. Sie hat sie porträtiert und interviewt, war bei ihnen zu Hause und mit ihnen unterwegs auf den Straßen. Ihre Fotos und Interviews geben einen tiefen, facettenreichen Einblick in eine Welt jenseits der gängigen politischen Nachrichten.

Nimbus, Kunst und Bücher, 2017
Fotografien und Interviews
Beiträge von Hoda Salah und Franziska Schmidt
Deutsch, Englisch und Französisch
30 x 21,5 cm
288 Seiten, Fadenheftung, Broschur
ISBN 978-3-03850-037-7
Erscheint im September 2017

Buchpremiere Deutschland: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse und in Berlin, Oktober 2017
Buchpremiere Schweiz: 26. Oktober 2017, „Zürich liest“ bei Modissa
Ausstellung: Januar 2018 im „Haus am Kleistpark“, Berlin

Weitere Informationen

Seit dem arabischen Frühling 2011 durchlebt Ägypten eine heftige politische und ökonomische Krise. Ein Teil der Bevölkerung kämpft für Meinungs- und Versammlungsfreiheit, für das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz, und klagt laut und deutlich Verletzungen von Menschen- und vor allem Frauenrechten an. Wie die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy in ihrem im April 2012 in der Zeitschrift "Foreign Policy" erschienenen provokativen Artikel "Why do they hate us?" kritisiert, spielen Frauen in arabischen Ländern und insbesondere in Ägypten meist nur eine Nebenrolle und sehen sich Mobbing, ehelicher Gewalt und sexuellen Aggressionen ausgesetzt.

Einige Frauen kämpfen in Ägypten gegen den traditionellen Verhaltenskodex, der für sie eine andere Rolle und einen anderen Status vorsieht als für Männer. Viele hoffen auf einen Mentalitätswandel der Gesellschaft, auch wenn sie in ihrem Alltag oft selbst wenig unternehmen können. Wer sind diese Frauen?

In meiner Arbeit als Fotografin interessiere ich mich immer wieder für Einzelpersonen oder bestimmte Gruppen von Menschen, oft Frauen, die am Rande einer Gesellschaft leben oder einen nur sehr marginalen Teil von ihr darstellen, sei es durch ihre Tätigkeit, ihren Glauben oder ihre Situation, sei es, dass sie sich bewusst dafür entscheiden oder weil sie stigmatisiert werden. Mit meiner digitalen Kleinbildkamera versuche ich durch Reportage und Porträts in die Welt dieser Menschen einzutauchen, anhand von Interviews möchte ich mehr über ihre Lage erfahren oder ihre Motivationen verstehen.

Auf diese Weise habe ich mich den ägyptischen Frauen genähert, deren jeweilige Position in der Gesellschaft von ihrer Religion, Ausbildung, Alter und sozioökonomischen Lage abhängt: Ich habe sie in ihrem Zuhause besucht und porträtiert. Ergänzend zu meinen Bildern habe ich die Gedanken und Wünsche jeder Frau in einem Interview aufgenommen. Meine in Kairo, im Delta und im Fayoum ausgeführte Arbeit zeigt zuerst eine Serie von Porträts, die eine repräsentative Auswahl verschiedenster ägyptischen Frauen bilden. Dazu habe ich auch beobachtet und fotografisch festgehalten, wie Frauen und Männer sich in der ägyptischen Gesellschaft bewegen: Welche Berufen üben die Frauen aus, welche die Männer? Wo sind die Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen, wo nicht? Diese Street Photography und die Interviewtexte der Porträtierten bringen eine ergänzende Erklärung zu den unterschiedlichen Themen, die von den Frauen angesprochen werden. Daraus ergibt sich eine mögliche Antwort auf die Frage: Was bedeutet es heute, eine Frau in Ägypten zu sein?

Meine Recherchen für diese Arbeit wurden unterstützt von der Stiftung VG Bild-Kunst und dem Grenzgänger-Programm des Literarischen Colloqiums Berlin und der Robert Bosch Stiftung. Dank dieser Förderungen sowie auch der Unterstützung des Goethe Instituts in Kairo konnte ich zwischen 2014 und 2016 mehrmals nach Ägypten reisen.

Mit der Ausstellung, dem dazugehörigen Fotofilm (ein Film mit Fotografien und Tonaufnahmen aus den Interviews) sowie dem Foto-Text-Buch, die die persönlichen Geschichten meiner Protagonistinnen wiedergeben und sie in Einzelporträts zeigen, möchte ich ein möglichst breites Publikum auf dieses Thema aufmerksam machen.

Amélie Losier, Mai 2017