Aktuelle Themen 2017

Warum ist der Populismus so populär?

Eine internationale Journalistengruppe geht rund um die Präsidentschaftswahl in Frankreich auf Spurensuche: Warum ist die Idee von Europa gerade so in Gefahr? Die erste Veranstaltung des Bosch Alumni Network zeigt, dass unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema die eigene Sicht bereichern - und dass die Vernetzung den Alumni neue Möglichkeiten eröffnet.
Eva Wolfangel | Mai 2017
Internationale Journalisten in Frankreich machen sich Notizen
Foto: Eva Wolfangel
Ivan Fischer hat die Zerschlagung seiner Heimat, Nationalismus, Krieg, Hass, Wut und persönliches Leid in der Familie erlebt. Nach all dem ist der 37-jährige kroatische Journalist überzeugt, dass die Entwicklung, für die seine Ex-Heimat Jugoslawien steht, genau die falsche für Europa ist: "Balkanize steht dafür, ein Gebiet in viele kleinere aufzuteilen", sagt er und seufzt leise, als kurz darauf ein junger Kandidat des Front National im Interview lapidar sagt "Die EU war ein Fehler". Als Journalist beschäftigt sich Fischer "mit der europäischen Angelegenheit", wie er es nennt. Jetzt ist er mit Kollegen aus der ganzen Welt nach Frankreich gereist, um dem auf die Spur zu kommen, was Nationalismus und Populismus derzeit einen solchen Aufschwung verschafft.
 

Auftakt für das Bosch Alumni Network

Die Frankreich-Wahl ist ein guter Anlass, um sich auf Spurensuche zu begeben, und gleichzeitig eine entscheidende Wahl, wenn es um die Zukunft der Europäischen Union geht. Diese Überlegungen führten zu einer Studienreise für Journalisten, der ersten Veranstaltung des neuen Bosch Alumni Network, in dem sich Absolventen aller Programme der Stiftung vernetzen können. Beworben haben sich 50 Journalisten, 20 wurden ausgewählt. Sie sprechen in Frankreich unter anderem mit Polizeivertretern, mit Stiftungen, mit Vertrauten Macrons und mit Kandidaten des Front National. Organisiert wurden diese Begegnungen und die gesamte Reise vom Deutsch-Französischen Institut (dfi).

Internationale Journalisten über das Bosch Alumni Network

Maksim Melnyk, 34, Ukraine
Fotos: Eva Wolfangel 
Maksim Melnyk, 34, Ukraine: "Ich war Teilnehmer des Medienmittler-Programms und profitiere noch heute von den Kontakten, die ich dort geknüpft habe. Ich habe beispielsweise mit einer Kollegin vom Deutschlandradio ein Feature aus Donbas gemacht. Ich finde, wir sollten die internationalen Kontakte noch besser pflegen, beispielsweise mit Reisen wie dieser. An der Idee des Netzwerks gefällt mir, dass es dazu beiträgt, dass wir Journalisten immer jemanden finden können, der uns in einem anderen Land helfen kann: Gemeinsame internationale Recherche kann viel bewegen."

Von Frankreich nach Holland und zurück

Was also treibt die Leute an? In einer Pause tauscht sich Ivan Fischer bei einer Tasse Kaffee mit Miriam Pepper aus, einer erfahrenen US-amerikanischen Journalistin. "Der wachsende Populismus ist ein globales Problem in den meisten entwickelten Ländern", sagt Pepper. "Die Menschen fühlen sich, als ob ihre Stimme nicht mehr zähle. Es ist unsere Verantwortung, die Menschen besser zu informieren und ihr Vertrauen zurückzugewinnen." Nur wie? Sie ist auch gekommen, um die Gemeinsamkeiten zu untersuchen, die zwischen Trump- und Le-Pen-Unterstützern bestehen. Jeder der Teilnehmer bringt eine eigene Perspektive mit, so wie Fischer, der angesichts der Geschichte seiner Heimat dazu beizutragen möchte, dass „balkanize“ in Europa nicht Schule macht. Oder wie Maksim Melnyk aus der Ukraine, der aus einer ganz anderen Geschichte heraus die gleichen Schlussfolgerungen zieht wie Fischer: "Wir glauben an die europäische Idee", sagt er. "Es schmerzt mich, dass sie im Herzen Europas immer weniger wertgeschätzt wird."

Was Europa ausmacht, das verdeutlichen den Beteiligten einmal mehr die unterschiedlichen Perspektiven. Beispielsweise beim Gespräch mit einem hochrangigen Polizeivertreter über Sicherheit und Terrorismus. "Ich kann es noch immer nicht glauben", sagt der tunesische Journalist Karim Ben Said. "Ich bin von Frankreich nach Holland und zurück nach Frankreich und wurde kein einziges Mal kontrolliert. Ist das nicht gefährlich?" Nein, offene Grenzen innerhalb der EU sollten eigentlich nicht gefährlich sein, erwidert der Beamte. "Offene Grenzen sind ganz normal für uns." Natürlich, so räumt er schließlich ein, würden mehr Kontrollen die Polizeiarbeit erleichtern, "aber sie widersprechen der Idee von Europa, der wir dienen".
 

Sagen, was gut an der EU ist

Diese Idee von Europa, warum ist sie gerade so in Gefahr? Diese Frage schwebt über der gesamten Studienreise. "Manche Politiker nutzen die Angst", hat Karim Ben Said beobachtet. "Mir fällt auf, dass die europäischen Politiker selten sagen, warum die EU gut für die Leute ist. Sie warnen immer nur: Ohne die EU gibt es eine ökonomische Krise." Das könnte ein Fehler sein. Vielleicht sollten sie mal mehr davon reden, was gut ist.

So wie es Marine Le Pen macht. Nur andersherum und inhaltlich falsch. "Sie sagt zu den Bauern: Wenn wir austreten, bekommt ihr mehr Unterstützung", erklärt Arnaud Rousseau, Präsident der Französischen Landwirtschaftsunion und Bürgermeister des 300-Seelen-Dorfes Seine et Marne. Schon 70 Kilometer weg von Paris sind die Einwohner mehrheitlich LePen-Anhänger. Warum ist die Landbevölkerung so offen für Populismus, wollen die Journalisten vom Bauernvertreter wissen. "Es ist schwer geworden, von der Landwirtschaft zu leben", erklärt der. Verarbeitende Betriebe und Discounter drücken die Preise. "20 Prozent der Bauern in schwieriger ökonomischer Situation sehen die Relevanz der EU nicht mehr." Dafür müsse man mehr tun, als nur die direkten Zahlen zu vergleichen, mehr als das, was Frankreich in Euro bekommt und was es bezahlt.
 

"Es gibt keinen Grund sich zurückzulehnen"

"Wie wollen Sie es Ihren Schülern später erklären, dass sie nicht mehr frei reisen und nicht mehr ungehindert Geschäfte treiben können, wenn Ihre Partei eines Tages dafür sorgt, dass Frankreich aus der EU austritt?", will der Ukrainer Melnyk von einem Front National Kandidaten einige Orte weiter wissen. Ein Austritt werde das Reisen nicht beeinträchtigen, antwortet der - und im Übrigen sei er sehr optimistisch, dass sich seine Partei spätestens bei der nächsten Wahl durchsetze. "Die jungen Leute stehen hinter uns, wir werden wachsen."

Gibt es nach der Wahl ein Weiter-wie-bisher? "Es gibt keinen Grund sich zurückzulehnen", warnt ein enger Vertrauter von Wahlsieger Emmanuel Macron im Hintergrundgespräch mit den Journalisten: "Es kommen Wahlen in Italien. Wir müssen den Menschen vermitteln, dass Europa sicher ist." Die Journalisten nicken nachdenklich. "Das ist die zentrale Frage", sagt Ivan Fischer schließlich. "Wird der Aufstieg des Populismus stoppen, bevor er ernsten Schaden anrichtet?" Es ist nochmal gut gegangen. Aber die Menschen von den Vorteilen Europas zu überzeugen, das bleibt viel Arbeit.