Wissenschafts-Journalismus heute

Christian Schwägerl, Leiter der Masterclass

"Wissenschaftsjournalisten sind als Kritiker der Wissenschaft und als unabhängige Moderatoren gefragt" - Zur Rolle des Wissenschaftsjournalismus in der Gesellschaft
  • Herr Schwägerl, wie haben Sie die zweite Masterclass erlebt? 
    Sehr positiv und vor allem intensiv. Wir haben das gemeinsame Arbeiten an den Projekten im Vergleich zur ersten Masterclass nochmal verstärkt und auch das Mentoring ausgebaut. Gerade freien Journalisten, aber auch den Redakteuren, hat es sehr gut getan, über ihre Vorhaben in einer geschützten und zugleich offenen Atmosphäre zu reden und sie zusammen mit anderen entwickeln zu können. Und unsere Mentoren von außerhalb des Journalismus wie Heike Gfrereis, die Leiterin des Literaturarchivs Marbach oder der Filmemacher Dietrich Brüggemann, aber auch die Journalisten Mercedes Riederer vom Bayerischen Rundfunk und Ariel Hauptmeier vom Reporter Forum haben wichtige Impulse geben können. Im Rückblick bin ich auch sehr froh, dass wir am Anfang 30 Bewerbern die Möglichkeit angeboten haben, Einblicke in innovative Erzählformate wie Virtual Reality und Gaming zu bekommen. Das Verfahren war dadurch ein bisschen aufwändiger, aber die zehn Stipendiaten sind schon mit einem viel klareren Verständnis, was sie erwartet, an die Arbeit gegangen. Das war in der ersten Masterclass, als es um Multimedia ging, noch viel mehr ein Sprung ins kalte Wasser. 
  • Was hat Ihnen besonders gut gefallen und gab es auch Überraschungen? 
    Ich fand und finde den Mut der Teilnehmer toll, aus ihren eingeübten Formaten auszubrechen und etwas Neues zu wagen. Jeder, der sich auf so etwas einlässt, weiß, dass da nicht nur Anstrengung wartet, sondern auch Frust und sogar das Risiko des Scheiterns. Das anzunehmen, weil man dazulernen will und weil man damit experimentieren möchte, neue digitale Wege des Erzählens zu erkunden, ist wegweisend. Unsere Branche muss sich einerseits auf alte Tugenden besinnen, aber zugleich auch hochinnovativ sein und alle neuen Wege erkunden, Menschen zu erreichen und von unserer journalistischen Art des Arbeitens zu überzeugen. Die Masterclass-Projekte sollen ein Beitrag dazu sein. Toll war auch, wie Teilnehmer der ersten Runde ihre Erfahrungen an die neuen Bewerber weitergegeben haben. Ich könnte mir vorstellen, dass es später auch Projekte von Masterclass-Stipendiaten aus verschiedenen Runden im neuen Bosch-Alumni-Netzwerk geben wird.
  • Mal ganz praktisch gefragt: Wissenschaft wird immer komplexer und kleinteiliger, die Menge der spezifischen Entdeckungen, Erfindungen, Veröffentlichungen, Studien nimmt weiter zu. Wo und wie entdecken die Masterclass-Stipendiaten überhaupt ihre spannenden Themen?
    Nicht so sehr beim Blick in die Journale auf die allerneuesten Publikationen, sondern beim Blick in die Gesellschaft und auf ihre Interessen und Bedürfnisse. Das Virtual-Reality-Projekt von Jana Wuttke über Verhörmethoden der Stasi hat unglaubliche Relevanz. Ein >Spiel zum Thema Tierhaltung aus der Perspektive eines Bauern ist angesichts der hitzigen Diskussion um Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft hochaktuell. Und wenn >Martina Keller von der Wissenschaft erzählt, mit der der Fußball vermessen und planbar gemacht wird, hat auch dies eine hohe gesellschaftliche Relevanz - und zudem steckt darin die tiefsinnige Frage, ob eigentlich alles vermessen und geplant werden kann. Das ließe sich jetzt für jedes der Projekte durchspielen - wir haben ein tolles Spektrum, das den Wissenschaftsjournalismus in die Gesellschaft trägt. Und so haben die Masterklässler auch ihre Themen entdeckt: indem sie einerseits viel Ahnung von der Sache haben, aber andererseits ein waches Gespür dafür, was insgesamt los ist in der Welt. 
  • Genetik, Nuklearforschung, Militärforschung: Manchmal stehen ganze Disziplinen in der Kritik. Soll sich der Wissenschaftsjournalismus zu ethisch-moralischen oder zumindest gesellschaftlichen Fragen dezidiert äußern? 
    Grundsätzlich sind wir zwischen Planckschem Wirkungsquantum und den Grenzen des bekannten Universums für alles zuständig. Wir haben unter allen journalistischen Themenbereichen eindeutig den größten Bereich, zumal es zu fast jedem Aspekt des Lebens auch Forschung gibt. Da über neue Ergebnisse von Forschung zu schreiben, ist nur eine Dimension von Wissenschaftsjournalismus. Eine weitere ist es, wie Wissenschaft und Gesellschaft zusammenwirken oder wie im aktuellen Fall Trump eine politische Bewegung letztlich die Aufklärung in Frage stellt. Wissenschaftsjournalisten können fast jedes Thema bereichern. Dezidiert muss nicht immer heißen, seine Meinung zu präsentieren, sondern sollte vor allem bedeuten, den Kenntnisstand, die Ressourcen und die reflektierten Debatten aus der Wissenschaft der Gesamtgesellschaft zu erschließen. Ethisch-moralische Fragen gehören da integral dazu, wie die Debatte um Stammzellen oder CRISPR zeigt. 
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RiffReporter - "das neue Ökosystem für freien Journalismus"
  • Verschwörungstheorien nehmen gefühlt zu. Es wird von Pseudoforschung gesprochen, manche verneinen als gesichert geltendes Wissen. Glauben Sie, dass wir eine grundsätzliche Debatte über Wissenschaft brauchen? Und wenn ja, welche Rolle könnte der Wissenschaftsjournalismus in dieser Diskussion einnehmen?
    Bedrohlicher als irgendwelche versponnenen Theorien finde ich die Wissenschafts-, ja Aufklärungsfeindlichkeit, die wir jetzt in der US-Regierung erleben. Es besteht die Gefahr, dass aus diesen Kreisen nach dem Vorwurf der "Lügenpresse" der Vorwurf der "Lügenwissenschaft" nicht nur beiläufig, sondern dauerhaft in Umlauf gebracht wird - mit dem Ziel, Erkenntnisse wie die der Klimaforschung zu diskreditieren. Dabei hilft auch eine diffuse Kritik an "Eliten", zu denen Wissenschaftler gezählt werden. Wenn die Wissenschaft das verschläft, kann sie in einer sehr feindseligen Welt aufwachen. Und hier braucht es in der Tat eine grundsätzliche Debatte über die Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft. Wissenschaftler müssen ihre Arbeitsweisen noch transparenter machen, aus Wissenschaftskommunikation sollte Wissenschaftskonversation werden, und zwar auf Augenhöhe. Zudem sollte sich Wissenschaft stärker mit den Schwachen und Ausgegrenzten verbünden statt mit Großkonzernen und Mächtigen. Wir Wissenschaftsjournalisten sind hier als Kritiker der Wissenschaft und als unabhängige Moderatoren gefragt. Wir sollten nicht nur das aufschreiben, was neu in den Journalen steht, sondern zum Beispiel in einer strukturschwachen Regionen erkunden, wie Wissenschaft und Forschung zum Lösen von Problemen beitragen könnten. Die politischen Umbrüche in den USA rücken uns Wissenschaftsjournalisten zusätzlich ins Zentrum des Geschehens, wir sollten uns quer durch alle Ressorts zu Wort melden. 
  • Braucht es hier dann auch gemeinnützigen Wissenschaftsjournalismus? 
    Es ist aus meiner Sicht gut vertretbar, dass bestimmte Aspekte von Journalismus an sich als gemeinnützig anerkannt werden. Dazu zählen publizistische Vielfalt und Tiefe, Projekte zu Themen, die der Gesetzgeber selbst als gemeinnützig definiert, und dazu gehört auch unsere Kontroll- und Informationsfunktion zum Beispiel für die Wissenschaft, die ja selbst als gemeinnützig definiert ist. Zugleich denke ich, dass es gut ist, wenn Journalisten versuchen, am Markt zu arbeiten. Ich hoffe, dass neue Mischformen der Finanzierung entstehen, die unsere journalistische Unabhängigkeit garantieren und zugleich gesellschaftliche Mittel, auch von Stiftungen, etwa für Recherche, Expertiseausbau, Faktenprüfung und Aktivitäten der Medienbildung mobilisieren. So eine Struktur schaffen wir gerade bei RiffReporter. Wir wollen damit erreichen, dass freier Journalismus, der der Gesellschaft und der Demokratie dient, aus gemeinnützigen Quellen mit unterstützt werden kann. 
  • Die Digitalisierung schreitet weiter voran: Welche neuen Möglichkeiten haben sich in den letzten zwei Jahren für den Wissenschaftsjournalismus ergeben? 
    Es tut sich erfreulich viel, sowohl in technischer Hinsicht als auch in Form neuer Möglichkeiten des Kooperierens. Ich versuche selbst mit RiffReporter eine Plattform mitzugründen, auf der freie Journalisten aus den Bereichen Wissenschaft, Gesellschaft, Umwelt und Technologie in einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur kooperieren, publizieren und ihre Arbeit vermarkten können. Spannend finde ich auch die Ansätze, beim Factchecking stärker menschliche Arbeit mit automatisierten Abläufen zu verbinden und zum Beispiel Daten aus verifizierten Artikeln in öffentliche Datenbanken zu überführen. Digitalisierung ist für den Journalismus nicht nur eine Gefahr bei den Erlösmodellen, sondern auch eine riesige Chance – uns geht der Stoff für künftige Masterklassen nicht aus.