Grenzgänger

Stefanie Schweiger:

Stefanie Schweiger, 1979 in Deutschland geboren, lebt in Berlin, Peking und Shanghai. Sie studierte Fotografie bei Roger Melis und graduierte 2002 in Berlin. Sie arbeitet für zahlreiche Magazine in Europa und Asien, wie z.B. ZEIT MAGAZIN, DIE ZEIT, NZZ, NZZ MAGAZIN, DAS MAGAZIN, VISION MAGAZIN u.a. Neben ihrer Arbeit für internationale Medien verfolgt Schweiger nach wie vor auch eigene Projekte. Seit ihrem Umzug nach Peking 2012 wird ihre derzeitige Arbeit stark von chinesischen Traditionen, ihren Begegnungen mit chinesischen Künstlern sowie dem sozialen Wandel, mit dem sie konfrontiert sind, beeinflusst.

CHICKEN ARE NOT NAKED

Wie begegnen sich Menschen? Wie sieht ein Mensch Menschen? Wie kann man Leben fotografisch porträtieren, Lebensmomente festhalten? Wie nahe kann man Menschen mit einer Kamera kommen? Wann hindert eine Kamera echte Begegnungen? Oder fördert die Kamera Begegnungen vielleicht auf eigene Weise?

In Stefanie Schweigers Projekt „Chicken are not naked“ geht es um Begegnungen von Menschen, um Zeit, um Austausch und um Nähe zu Menschen, zu Künstlern. Seit 2014 begleitet die Fotografin chinesische Künstler, rückt nah an sie heran, folgt ihren Spuren. Durch diese Nähe schafft Stefanie Schweiger unmittelbare, fotografische Porträts von Menschen, die ihre eigenen Wege gehen, ihre innere Freiheit ausloten und stilgebend sind. Begegnungen zwischen West und Ost. Zwischen Deutschland und China. Zwischen Berlin und Peking. Peking als ein Nucleus des chinesischen Kunstsystems, bündelt die neuesten Strömungen von Kunstproduktion in sich und spiegelt somit auch gesamtgesellschaftliche Veränderungen wider. Ein solch nahes, unmittelbares und einfühlsames Porträt einer Künstlergeneration gab es zuvor noch nicht aus westlicher Sicht. Begegnungen zwischen Menschen durch und mit der Kamera, die nicht hindert, sondern fokussiert.

Das Projekt ist ein Annäherungsprozess einer deutschen Fotografin an China. „Eine Momentaufnahme, deren subtile Ernsthaftigkeit Spuren des essenziellen Wesens eines Menschen zur Sichtbarkeit verhilft. Entstanden sind Arbeiten, deren Schönheit auch daher rührt, dass man das Gesehene fühlen kann, zu hören und riechen vermeint, deren feingesponnene Atmosphäre es dem Betrachter erlaubt, anwesend zu sein. Nicht als Voyeur, vielmehr als Mitreisender einer Fotografin, deren Wahrnehmung still und fein und kraftvoll ist und es ermöglicht, ihn zum Zeugen eines Augenblicks werden zu lassen.“ (Esther Gallodoro, Redakteurin, LETTRE Magazin)

Porträtierte Künstlerinnen und Künstler:
Bian Yuan, Boer, Dong Dong, Gao Ping, Gao Yanjinzi, Li Binyuan, Liu Donghong, Tong Kunniao, Zhai Yongming

DISTANZ-Verlag September 2016
336 Seiten, Hardcover
Englisch/Deutsch/Chinesisch
30 x 25 cm, Querformat
ISBN 978-3-95476-137-1

Bildergalerie

Fotos: Stefanie Schweiger
CHINA, 2014 - 2016
2012 begann ich in China zu leben und zu arbeiten, reiste durch das Land, fotografierte Reportagen und Porträts zu verschiedenen Themen für Magazine und Zeitungen.

Für mich war China so viel mehr als das, was so oft transportiert wird. Ein Land, so groß und so vielfältig und unterschiedlich wie es Einwohner zählt. Die gängige Sicht des Westens war mir zu oberflächlich, ich wollte tiefer graben und mehr von diesem Land mitbekommen, als nur den Spiegel, den der Westen China so oft vorhält. Auf meinen Reisen durch China habe ich viel Unterschiedliches gesehen.

Das Land hat meinen Blick weit gemacht, in seiner ganzen Schönheit aber auch in seiner ganzen Absurdität. China ist beides. Beide Seiten sind real und wahr. Ich hatte mehr und mehr das Bedürfnis, "mein China" zu teilen.

Außerdem sehnte ich mich danach, verstanden zu werden und zu verstehen. Anfang des Jahres 2014 begann ich Menschen zu suchen, die das tun, was sie tun möchten.

Menschen, die sich Gedanken machen, über ihre Wünsche, über die Gesellschaft, Politik, Alltagsfragen, Existenz. Die, die nicht nur dem gesellschaftlichen Bild von sich entsprechen wollen, sondern die, die unabhängig sind. Die, die frei denken, nicht vor politischen Diskussionen zurückschrecken und die, die ihre eigenen Haltungen umsetzen und leben.

Ich fand Menschen. Wahrscheinlich ist es in China wie überall auf der Welt so, dass besonders Menschen in der Kunst- und Musikszene sich solche Fragen stellen. Die Umgebung war mir vertraut. Manche Begegnungen waren intensiver, manche weniger intensiv. Die intensiveren Begegnungen wollte ich festhalten, mit meinem Mittel, der Kamera.

Ich schätze die Arbeit aller Charaktere sehr, sie leben weitgehend unangepasst und inspirieren andere. Es begann ein langer Weg zusammen, Austausch, Verstehen, Missverständnisse, Bereicherung und auch Freundschaft.

Mein Projekt CHICKEN ARE NOT NAKED wurde irgendwann auch zu einem Porträt dieser Szene, der Kunst- und Kulturszene Beijings.

Ich wurde mit auf eine Reise genommen. Eine ins Innere, eine durch China.

Die lange Zeit des Begleitens machte meinen Blick immer klarer, mein Verständnis wuchs. Mit ihnen sein, aber auch den Blick von außen immer wieder heraufzuholen. Um mich selbst zu überprüfen. Das Projekt hatte Zeit, es geschah alles ohne Eile. Es hat meine Augen geöffnet und im gegenseitigen Austausch wohl auch manchmal ihre. Ich versuchte meine Begegnung mit diesem für den Westen relativ unbekannten China in meinen Bildern und persönlichen Texten über diese Begegnungen erlebbar zu machen.

Meine Reise führte mich nach Manchester, Spiekeroog, verschiedene Orte in Hunan, nach Dunhuang im Norden Gansus, Shanghai, Chongqing, des Öfteren nach Chengdu, nach Shanxi, Hebei, Dali in Yunnan und natürlich Beijing, wo ich lebte.