Wissenschafts-Journalismus heute

Jana Wuttke: Stasi Verhöre und Falsche Geständnisse – Zwei Audiofeatures und eine VR Experience

Wie fühlt es sich an, in einem  Verhör der Staatssicherheit der DDR zu sitzen? Wie wurden Methoden der sogenannten "operationellen Psychologie" in den Verhören umgesetzt? Um das Ziel eines "Geständnisses" zu erreichen, hatten die Vernehmer der Stasi ein ganzes Arsenal psychologischer Methoden und bedienten sich dabei auch wissenschaftlicher Erkenntnisse. Auch bei der heutigen polizeilichen Vernehmungstätigkeit ist die Balance zwischen "Geständnisproduktion" und Wahrheitsfindung entscheidend. Denn die Befragungsmethoden haben erheblichen Einfluss darauf, wie Erinnerungen und damit auch falsche Geständnisse erzeugt werden können. Jana Wuttke geht diesem Thema in einem zweiteiligen Audio-Feature und einer Virtual Reality-App nach.

 

Umsetzungs- und Kooperationspartner

Martin Hartwig (Deutschlandradio Kultur), Stephan Gensch und Linda Rath Wiggins (VRagments ), Jens Brandenburg (3D Artist), Florian Conrad (Fachgebiet Creative Media an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) , Behörde des Bundesbeauftragten für Unterlagen der Staatsicherheit (BStU)

Jana Wuttke studierte Philosophie, Physik und Informationswissenschaften. Sie arbeitete mehrere Jahre als freie Wissenschaftsjournalistin und Lektorin für Sachbuchverlage. 2006 gründete sie eine Medienproduktionsfirma in Berlin. Seit 2010 arbeitet sie hauptberuflich als Wissenschaftsredakteurin für Deutschlandradio Kultur u.a. für die Sendereihe "Zeitfragen" und das Medienmagazin "Breitband". Ihr besonderes Interesse gilt neuen Audioformaten im Netz und Anwendungen für Brain-Computer-Interfaces.
  • Wie ist die Idee des Projekts entstanden?

Verhöre sind Konstellationen, in denen bewusst und unbewusst Macht ausgeübt wird. Ein lineares Erzählen der psychologischen Methoden macht diese Ebene nur beschränkt erfahrbar. Virtual Reality (VR) schafft gegenüber klassischen Vermittlungsformen mehr Empathie und Interpretationsspielraum, die Nutzerszenarien sind jedoch noch sehr unterschiedlich. Letztendlich interessierte mich auch die Audioebene in diesen neuen Bereichen des Wissenschaftsjournalismus: Das Audio führt den Nutzer durch den VR-Raum. Über welche Trigger steuere ich den Nutzer und ermutige ihn zur Interaktion? Wie bette ich analoge Dokumente und Archiv-Audio bzw. Video in den virtuellen Raum ein?

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Es gab wenig Projekte, an denen man sich orientieren konnte. Zwar gibt es mittlerweile etliche journalistische VR-Anwendungen, aber größtenteils als 360 Grad Umsetzung und vor allem mit nachträglich aufgenommenem oder inszeniertem Audio. Dabei ist die Integration von Originalquellen gerade für Museen und Ausstellungen interessant.         

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Die Klassiker: Zeit und Geld. Das "Bauen" eines VR-Raumes ist aufwendig und teuer. Mit der Gestaltung von Avataren und Objekten kann man wochenlang beschäftigt sein, und doch sind sie nur ein Teil der Geschichte, die entstehen soll. Das Storyboard war ständig in Bearbeitung: Was darf man zeigen, was geht zu weit? Wie stellt man in einer Szene notwendige Kontextinformationen zur Verfügung? Was macht man, wenn die Qualität der Audios aus dem Archiv stark schwankt? Und letztendlich: das ganze Projekt lief neben dem Tagesgeschäft in der Redaktion, auch die Entwickler hatten viele andere Deadlines und Projekte. Ein Kraftakt für alle Beteiligten.   

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Den Aufwand und die Kosten von VR-Projekten abschätzen. Gelassen bleiben, wenn im Slack hitzig über "avatar_ramp_dingens",  "rottig komprimierte PVRTC" oder nicht funktionierende "post shader" debattiert wird.          

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Die Zusammenarbeit in einem Team aus Entwicklern, Designern, Dokumentarfilmern, Wissenschaftlern und Archivaren hat mir inspirierende, neue Sichtweisen ermöglicht. Die begeisterte Arbeit an den Inhalten, das Diskutieren und Abwägen war eine enorme Bereicherung. Gleichzeitig hat mich ich die langwierige Recherche in der Stasiunterlagenbehörde lange beschäftigt. Es war sehr bewegend, in die verschiedenen Leben und Geschichten hineinzuhören, um die Vorgehensweisen und Methoden zu analysieren. Eine Möglichkeit, die man bei aktuellen Fällen von Vernehmungen leider nicht.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein hat?

Bestimmen Sie einen externen Projektmanager, bei dem alle organisatorischen Fragen wie Zeitplan, Budget, Kooperationen, Marketing zusammenlaufen.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Gerade im Wissenschaftsjournalismus ist die Balance wichtig und schwierig zugleich: Auf der einen Seite gilt es, die Komplexität der Forschung zu vereinfachen, zu erklären, zusammenzufassen; auf der anderen Seite muss man eine Erzählform wählen und eine Geschichte entwickeln. Man möchte stets beides zugleich, doch jedes Medium hat für dieses Verhältnis zwischen Erklären und Erzählen spezifische Bedingungen. Für lineare Erzählweisen steuere ich das Interesse des Publikums ganz anders als in interaktiven Räumen von Spielen oder Virtual Reality. Die Kompetenz, spannende Geschichten zu erzählen, wenn der Nutzer selbst Tempo und Inhalte der Geschichte bestimmt, ist unabdingbar.