Wissenschafts-Journalismus heute

Eva Wolfangel: Training für den Weltraum - Eine mobile Reportage über Heldentum

Der klassischen Reportage droht im digitalen Zeitalter Gefahr. Nicht weil lange Texte online nicht gewünscht sind, wie irrigerweise immer wieder behauptet wird, sondern weil Reportagen falsch aufbereitet werden, was sie insbesondere auf dem Smartphone oft unlesbar macht. Entweder als langer, unübersichtlicher Scrolltext oder mit zu vielen, sich inhaltlich wiederholenden Multimedia-Elementen, die den Leser aus dem Text ziehen, oft lange Ladezeiten brauchen und die Bilder im Kopf unmöglich werden lassen.

Eva Wolfangels modulare Mobilreportage geht gegen diese Kinderkrankheiten an und lässt Reportagelesen auf dem Smartphone wieder zum Genuss werden. Anhand  ihres Protoyps - einer Reportage über den Astronauten Alexander Gerst und dessen Ausbildung im geheimnisumwobenen russischen Sternenstädtchen - zeigt Eva Wolfangel, wie Leser wählen können, ob und welche Multimedia-Inhalte sie zusätzlich zum Text genießen wollen.

Geschickt komponiert Eva Wolfangel Text, Bilder und Film zu einer Multimedia-Version, so dass sich kein Inhalt doppelt und der Spannungsbogen erhalten bleibt. Leser und Leserinnen können zudem eine reine Text-Variante wählen, oder die Multimedia-Inhalte im Anschluss betrachten. Zudem bekommen sie eine unaufdringliche grafische Orientierung, die das räumliche Gedächtnis unterstützt und zeigt, wo sie sich im Stück befinden.

Partner: Simon Sticker (Videojournalist); Der Spiegel (Medienpartner)
Eva Wolfangel ist Wissenschafts- und Reportagejournalistin und schreibt unter anderem für Die ZEIT, Bild der Wissenschaft, spektrum.de, Technology Review Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Neue Züricher Zeitung und diverse Tageszeitungen. Ihre Schwerpunkte im Wissenschaftsjournalismus sind zukünftige Technologien und wie sie unseren Alltag verändern, Virtual Reality, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, Daten und was man alles mit ihnen machen kann, Chancen und Grenzen künstlicher Intelligenz sowie Raumfahrt. Außerdem betreibt sie das Datenjournalismusprojekt "Debate Explorer".

Eva Wolfangel zog 2003 nach ihrem Studium der Europäischen Ethnologie, Geschichte und Germanistik an der Berliner Humboldt-Universität nach Stuttgart, wo sie volontierte und anschließend einige Jahre als Redakteurin arbeitete. 2008 machte sie sich auf der Suche nach größerer Recherche-Freiheit selbstständig und schloss sich der Reportageagentur Zeitenspiegel an, wo sie 2013 in die Geschäftsführung gewählt wurde. Ende 2015 löste sie sich von Zeitenspiegel und genießt seither die Freiheit, beruflich nur für sich selbst verantwortlich zu sein.

Auszeichnungen: "Mein Leben als Avatar" - die weltweit erste Reportage aus der virtuellen Realität – war 2016 für den Deutschen Reporterpreis (Kategorie Beste Reportage) nominiert; Journalistenpreis Informatik (Hauptpreis Print 2016), Shortlist Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus 2015, Deutscher Journalistenpreis für Luft- und Raumfahrt (Hauptpreis Print 2008).
  • Wie ist die Idee des Projekts entstanden?

Reportagen zu schreiben ist meine Leidenschaft, ebenso sie zu lesen. Ich selbst lese gleichzeitig immer mehr mobil und bin überzeugt, dass guter Journalismus nicht zwangsläufig an Papier gebunden ist. Allerdings fiel mir dabei auf, dass die meisten Online-Reportagen dem Genre nicht im geringsten gerecht werden: wir können doch gerade bei der Reportage nicht auf die Bilder im Kopf verzichten! Das tun wir aber, wenn wir sie wahllos mit Videos ergänzen, die teilweise lange Ladezeiten haben, über die man oft kaum hinwegscrollen kann oder die ungefragt anfangen loszulaufen.

Ich habe mich immer wieder ertappt, wie ich dann eben doch mit der großformatigen Zeitung am Esstisch saß anstatt mit dem Tablet oder Smartphone auf dem Sofa, was viel bequemer gewesen wäre - weil diese Kinderkrankheiten den Reportagegenuss enorm stören und Bilder im Kopf verunmöglichen. Weil ich Reportagen liebe, habe ich beschlossen, sie im digitalen Zeitalter zu retten und ein Format zu kreieren, das Reportagen auch auf dem Smartphone und dem Tablet zum Genuss werden lässt.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Mich hat es überrascht, wie perfekt sich Text und Multimedia-Inhalte ergänzen können, wenn man all seine kreative Energie hineinsteckt, um die Elemente wohldurchdacht zusammenzuflechten. Für mich als klassische Schreiberin hat die kreative Arbeit bisher meist damit geendet, dass ich Redaktionen eine durchdachte, wohlkomponierte, kreativ geschriebene Reportage abgeliefert habe. Mit der Gestaltung hatte ich allenfalls zu tun, wenn es um Bildunterschriften ging. Videos habe ich noch nie selbst in meinen Text integriert.

Und das ist glaube ich ein klassischer Fehler in vielen Online-Reportagen: eine schreibt, eine fotografiert, eine Dritte fügt es zusammen. Wenn das Ergebnis richtig gut werden soll kommen wir nicht umhin, dass sich eine tief hineinkniet in das Gesamtmaterial und aus der Kenntnis von allem, was es gibt, sorgfältig auswählt, welche Form für welchen Inhalt geeignet ist und das Material kreativ und dramaturgisch sinnvoll komponiert. Das Denken dahinter, der Aufbau, die Dramaturgie an sich unterscheidet sich kaum von dem, was hinter einer klassischen geschriebenen Reportage steckt: auch sie arbeitet schließlich mit Szenen und Bildern - wenn auch mit solchen, die im Kopf entstehen durch die Beschreibung.

Überrascht hat mich zudem, dass es gar nicht so einfach ist, den Leser da abzuholen, wo er heute steht: angesichts von so viel schlechter Umsetzung, wie sie heute auf dem Markt ist, sind wir es gewohnt, dass man Multimedia-Inhalte getrost überscrollen kann: sie wiederholen ja meist nur das, was schon im Text stand. Ist eine Reportage hingegen auf diese Weise durchkomponiert wie meine mobile Multimediareportage, dann wiederholen sich Inhalte in den verschiedenen Formaten nicht. Deshalb dürfen LeserInnen sie aber auch nicht einfach auslassen, denn dann ergibt die Reportage keinen Sinn mehr. Nur: wie macht man ihnen das klar, wo sie es doch anders gewohnt sind? Womöglich müssen wir in einer Übergangsphase sehr direkt darauf hinweisen, beispielsweise mit einem Überleitungssatz zwischen den Elementen.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Die größte unerwartete Hürde war sicherlich die russische Bürokratie und vor allem die der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos: Mir war klar, dass es nicht einfach werden würde, eine Akkreditierung für das Sternenstädtchen bei Moskau zu bekommen. Die Stadt ist seit ihrer Gründung zu Gagarins Zeiten für die Öffentlichkeit geschlossen. Nahezu alle deutschen und englischen Artikel, die ich über sie finden konnte, waren im Rahmen offizieller Pressereisen der Esa oder der Nasa entstanden. Aber für die Reportage wollte ich gemeinsam mit dem Videojournalisten Simon Sticker hinter die Kulissen schauen, wir wollten eben keine Presse-Vorführung, kein Artefakt, sondern echtes Leben. Uns ging es auch darum, die Geschichte des Städtchens zu beleuchten und den Kontrast zwischen Tradition und Moderne, das riskante Leben der alten Kosmonauten im Gegensatz zur heutigen Hightech-Raumfahrt, die für jede Eventualität fünf Backup-Strategien hat.

Ich bin bei vielen bekannt für meine Hartnäckigkeit, aber an Roskosmos wäre ich beinahe gescheitert: Es hat ein halbes Jahr und hunderte Mails und Telefonate gebraucht, um eine Akkreditierung zu bekommen. Was ich bis zum Schluss nicht durchsetzen konnte, war unsere geplante Recherchedauer von vier Tagen. "Wir laden Sie zwei Tage ein, das wird ja wohl genügen", endete eine Mailschlacht, an deren Ende wir uns nicht wirklich eingeladen fühlten. Allerdings stellte sich am Ende auch heraus, dass das stimmte, womit mich viele im Vorfeld beruhigen wollten: Wenn du mal da bist, sind die Russen gar nicht so. Und in der Tat: vor Ort war dann doch vieles einfacher als befürchtet. Und mit etwas Hartnäckigkeit haben wir dann doch das meiste von dem erreicht, was uns ursprünglich vorgeschwebt war.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Was ich wirklich gelernt habe, ist, Entscheidungen zu treffen selbst dann, wenn noch vieles unklar ist. Bei so großen Projekten muss man manchmal einfach handeln ohne genau zu wissen, wie es am Ende ausgeht. Abwägen ohne alle nötigen Informationen zu haben ist zäh und unbefriedigend, aber hin und wieder musste ich trotz fehlender Informationen etwas entscheiden, beispielsweise weil die Zeit drängte. Ich musste lernen, aus den verfügbaren Informationen die beste Entscheidung zu treffen ohne damit zu hadern, dass sie vielleicht anders ausfallen könnte, wenn ich in die Zukunft schauen könnte (was natürlich die beste Lösung wäre!).

Ich habe die Angst vor solchen Entscheidungen verloren - beispielsweise einen Videojournalisten und Flüge und Hotels zu buchen und als Projektleiterin bei begrenztem Budget jede Menge Geld auszugeben trotz der Zweifel, ob es nicht noch bessere Bedingungen geben könnte, ob es sich nicht lohnt, noch zu warten und weiter Überzeugungsarbeit auf Seiten von Roskosmos zu leisten. Ich habe gelernt beherzt zu sagen: "Schluss mit den Zweifeln! So machen wir es jetzt auf meine Verantwortung, es wird schon werden." Ich habe gelernt, die Angst vor dem Scheitern zurückzustellen, Risiken einzugehen und auf die eigene Stärke zu vertrauen, aus einer Situation das Beste zu machen.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Der kreative Prozess: ich kenne das bereits vom Reportage-Schreiben, wie beglückend dieser Flow sein kann, wenn sich die Reportage und die Szenen entwickeln, wenn Bilder entstehen, die gut passen, wenn man einen roten Faden spinnt und die Dramaturgie passt. Überrascht hat mich, dass es mit vielfältigem Material ganz ähnlich ist: mir hat es Spaß gemacht, für jede Szene und jedes Bild das passende Material - sei es Text, Bild oder Video - zu finden und zu kombinieren.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres (multimediales) Projekt vorgenommen hat?

Im Rahmen des kreativen Prozesses lohnt es sich, gerade für Kollegen wie ich, die bisher vorallem auf Textseite Zuhause waren, sich eine gute Struktur und sinnvolle Vorgehensweise zu überlegen, um mit den Bergen an Material umzugehen. Mir hat es geholfen, mir erst die Dramaturgie der fertigen Geschichte zu überlegen und in weiten Teilen aufzuschreiben, und schon dabei zu überlegen, welches Videomaterial welche Textstelle ersetzen könnte. Erst dann habe ich das Material systematisch gesichtet und die geeigneten Stellen samt Timecode bzw. Bildnamen direkt in die Storyline gefügt.

Global würde ich raten, sich seine Ziele sehr genau zu überlegen und daran festzuhalten. Sich nicht abbringen zu lassen, auch wenn andere alles besser wissen (bzw. nur auf jene zu hören, von denen man überzeugt ist, dass sie es tatsächlich besser wissen) - und sich darauf einstellen, dass es am Ende mehr Arbeit ist als man sich gedacht hat. Aber dass es Spaß macht.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Dass wir keine Angst vor der Digitalisierung haben müssen und dass wir getrost etwas mutiger sein können, was neue, kreative Formate betrifft. Wenn wir unseren Job gut machen und unsere Formate sinnvoll und gut ins Digitale übertragen, wenn wir den Menschen zeigen, welchen Mehrwert sie von gutem Journalismus haben, dann werden sie bereit sein, dafür zu bezahlen. Wir müssen uns allerdings auf eine Durststrecke gefasst machen, bis das alle Leser gelernt haben und bis die Verlage aufhören, hochwertige Inhalte zu verschenken.

Was wir dabei nicht machen dürfen: um jeden Preis an Altem festhalten. Gerade bei der Arbeit an und der Recherche zu meinem Projekt ist mir aufgefallen, dass wir häufig versuchen zu sehr festzuhalten an dem, was wir kennen. Es nutzt aber keinem etwas, wenn wir beispielsweise Gewohnheiten aus dem analogen Lesen übernehmen, die sich digital anders viel einfacher abbilden lassen. Andere Gewohnheiten wiederum mögen sinnvoll sein und brauchen eine neue Heimat in der digitalen Umsetzung. Nur ein Beispiel: Das Umblättern von Seiten digital nachzubilden, halte ich beispielsweise für überflüssig: es ist umständlich, da sollten wir auf unser flexibles Gehirn setzen und uns umstellen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass unser räumliches Gedächtnis irgendeine Form der Orientierung braucht jenseits des Scroll-Balkens. Mein Projekt zeigt eine Möglichkeit, es gibt sicherlich andere.

Und nicht zuletzt halte ich es für wichtig, dass der Wissenschaftsjournalismus kreativer wird: dass wir mutiger sind, neue Formate auszuprobieren, dass wir neue, kreative Genres zulassen - angefangen bei einer guten Umsetzung der klassischen Reportage, die aus meiner Sicht im Wissenschaftsjournalismus viel zu kurz kommt, obwohl sie so eine wertvolle Form ist und so viel transportieren kann.