Wissenschafts-Journalismus heute

Martina Keller: Der Code des Clásico

Wissenschaftler suchen in Millionen von Daten nach der Formel für den Erfolg im Fußball. Schon jetzt mangelt es nicht an Statistiken ­- keine TV-Übertragung ohne Passquote, Zweikampfquote, Ballbesitzquote. Doch diese Informationen sagen wenig aus, erlauben keine Prognose, welches Team am Ende gewinnt. Genau das soll sich ändern.

Coach und Computer sind in der neuen Welt des Fußballs ein Team. Die Basis der neuen Analysen sind die 3,1 Millionen Positionen, die seit Sommer 2011 in jeder Partie der beiden oberen Spielklassen ermittelt werden - von allen 22 Spielern und dem Ball.

In ihrem interaktiven und animierten Projekt geht Martina Keller folgenden Fragen nach: Gewinnt Software Spiele? Was macht das mit dem Sport, den die Fans lieben? Wird Fußball zum Rasenschach?

Martina Keller schaut dafür Alexander Schmalhofer, vom Institut für Fußballmanagement, über die Schulter; er präsentiert im virtuellen Studio einen neuartigen, datenbasierten Ansatz und veranschaulicht über Animationen charakteristische Spielweisen der Kontrahenten im deutschen Classico, Borussia Dortmund und Bayern München.
Martina Keller hat Geschichte und Philosophie studiert und anschließend bei einer Tageszeitung volontiert. Vier Jahre war sie Redakteurin beim Öko-Test Magazin im Ressort Berichte und Reportagen. Seither arbeitet sie als freie Journalistin, Themenschwerpunkt Medizin und Wissenschaft, neuerdings auch Fußball (alte Leidenschaft). Sie schreibt vornehmlich Reportagen und Dossiers für Zeit, Geo oder Spiegel und produziert Hörfunk-Features für ARD-Sender und das Deutschlandradio. Ein Schwerpunkt sind investigative Recherchen.

Für die WDR-Sendereihe "story" war Martina Keller Ko-Autorin zweier Fernsehdokumentationen. 2008 erschien ihr Buch "Ausgeschlachtet. Die menschliche Leiche als Rohstoff." 2012 gehörte sie einem Team des International Consortium of Investigative Journalists an, das die Verflechtungen des internationalen Leichenhandels recherchierte. Sie ist Gutachterin beim Medien-Doktor, einer Initiative für mehr Qualität im Medizinjournalismus.

Stipendien ermöglichten ihr mehrmonatige Recherchen in Frankreich und an der Elfenbeinküste sowie 2013 einen vierwöchigen Studienaufenthalt als Duke Fellow in den USA. Mehrere Arbeiten wurden mit Preisen ausgezeichnet, etwa dem Feature-Preis der Stiftung Radio Basel 2010 und dem Peter-Hans-Hofschneider Recherchepreis 2011. 2012 bekam sie den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus in der Kategorie Text.
  • Wie ist die Idee des Projekts entstanden?

Für den Deutschlandfunk und GEO hatte ich mich mit Spielanalyse im Fußball beschäftigt - und stieß auf ein Gebiet im Umbruch, das weitere Recherche verdient:

Noch sichten Videoanalysten Fußballspiele stundenlang am Laptop, um die Taktik des kommenden Gegners zu entschlüsseln, einen Matchplan zu entwerfen und nach dem Spiel die Leistung der eigenen Mannschaft zu bewerten. Spitzenclubs beschäftigen gleich ein halbes Dutzend solcher Experten.

In Zukunft sollen computerbasierte Analyseprogramme ihre Arbeit beschleunigen, verfeinern, objektivieren und womöglich neue Erkenntnisse  zutage fördern. Der "Co-Trainer Spielanalyst" hat sich zu einem eigenen Beruf entwickelt. Trainerteams erhoffen sich von datenbasierten Taktik-Analysen für die Zukunft entscheidende Wettbewerbsvorteile.

Die Millionen von Spieldaten werden mithilfe von Programmen analysiert, die man aus anderen Wissensgebieten kennt, etwa der Klimaforschung. Um sie für den Sport nutzbar zu machen, müssen Fußballexperten mit Informatikern zusammenarbeiten. Die einen liefern das Know-how zu interessanten Konstellationen auf dem Platz - die anderen setzen diese Informationen in Mathematik um. Ergebnisse werden visualisiert, teils durch Animationen, um sie dem Trainerteam zu präsentieren  - eine ideale Voraussetzung für eine Darstellung im Netz. Dachte ich jedenfalls.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Ich ahnte schon, dass datenbasierte Taktikanalysen im Fußball komplex sind, war aber doch überrascht, wie sehr das Gebiet noch in den Anfängen steckt. Konzerne wie SAP sind an diesem Zukunftsmarkt interessiert, haben aber noch keine Lösungen. Am weitesten fortgeschritten sind kleinere Wissenschaftlerteams, die ihre Ansätze im Auftrag der Deutschen Fußball Liga vorangetrieben haben. Dazu zählen der Mainzer Informatiker Jürgen Perl und der Kölner Kognitionswissenschaftler Daniel Memmert, die Entwickler der sogenannten Soccer-Software. Anders als ich es erwartet hatte, taugt Soccer aber nur bedingt für die optische Darstellung. Es ist ein Expertentool, und die dafür entwickelten Visualisierungen sind nicht selbsterklärend. Sie in allgemeinverständliche Infografiken und Animationen zu übersetzen, hätte die Möglichkeiten meines Projekts überschritten - auch finanziell. Zudem liegt etwa hinter der animierten Darstellung von "Raumkontrolle" in Soccer ein Code, den die beiden Entwickler nicht offenlegen können, weil sie damit ihr Know-how preisgeben würden.

Der Sportwissenschaftler Alexander Schmalhofer vom Institut für Fußballmanagement in Ismaning hat im Auftrag der Deutschen Fußball Liga einen weiteren datenbasierten Ansatz und eine Animationssoftware entwickelt. Auch diese Programme sind für Experten gedacht. Die Animation aus der Vogelperspektive ist jedoch anschaulich und auch für fußballinteressierte Laien verständlich. Schmalhofer erklärte sich bereit, für mein Projekt die Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Bayern München zu analysieren. Wir konnten für die Präsentation ein virtuelles Studio seines Instituts nutzen, eine Chance, aber auch eine Herausforderung: Das Setting in so einem Studio weckt Assoziation an aufwändige Produktionen, etwa für das "Aktuelle Sportstudio" des ZDF, mit denen sich unser kleines Team selbstverständlich nicht messen kann. Eins steht für mich nach vielen Stunden Interview mit den verschiedensten Experten fest: Den einen Schlüsselparameter für den Erfolg im Fußball wird es wohl nicht geben. Das Gute daran: Fußball wird nicht zum Rasenschach. Das Schlechte: Auch in Zukunft wird mein Lieblingsclub Borussia Dortmund bestimmt mal wieder gegen Darmstadt 98 verlieren…

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Im Fußball kostet alles Geld und ist mit Rechten belegt. Schon vor Projektbeginn war klar, dass wir keine Spielszenen im Video würden zeigen können, weil die Fernsehrechte vergeben und außerdem nicht erschwinglich sind. Von anderen Hindernissen wurde ich überrascht. Als FAZ-Autorin hatte ich mich für das Spiel Borussia Dortmund gegen Bayern München akkreditiert. Eine Idee war, Fangesänge und Atmosphäre im Stadion aufzunehmen, für unser Projekt. Ich erfuhr jedoch: Als Reporterin eines Printmediums brauche ich nicht nur für die Audio-Aufnahme eine Extra-Genehmigung, sondern auch für die zeitlich unbegrenzte Nutzung auf der Webseite der FAZ. Im ersten Anlauf bekam ich die Erlaubnis nicht. Dank der Unterstützung der Deutschen Fußball Liga hat es am Ende doch noch geklappt.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Ich kann besser einschätzen, wie aufwändig so ein Projekt ist, wie viel Koordinationsarbeit  dahintersteckt, wenn man mit Bilderstrecken, Audios, Videos, Animationen arbeitet. Das sieht immer so einfach aus, wenn es fertig ist…

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Ich bin großer Fußballfan, von klein auf, und habe mir deshalb lange nicht erlaubt zum Thema Fußball zu arbeiten (damit mein Horizont nicht auf Ballformat schrumpft…). Für dieses Projekt durfte und musste ich aber. Erfreuliche Erkenntnis: Ich habe viele kluge Experten von Universitäten, Verbänden, Sportdienstleistern und Clubs getroffen und bin kein bisschen dümmer geworden. Zum Beispiel weiß ich jetzt um die Schönheit von Algorithmen und die naheliegende Gefahr, künstliche Intelligenz zu überschätzen. Ein großer Spaß war es natürlich auch, die gelbe Wand in Dortmund mal live zu erleben.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres (multimediales) Projekt vorgenommen hat?

So ein Projekt ist Teamarbeit. Aber die anderen im Team haben womöglich noch etwas anderes zu tun, als nur dieses eine Projekt voranzutreiben. Ich wurde bestens unterstützt, stelle es mir aber schön vor, wenn man so ein Projekt zu zweit managt, mit einem Kollegen oder einer Kollegin, die mit gleicher Intensität an der Sache arbeiten kann. Wie das zu bezahlen wäre ist eine andere Frage.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Digitaler Journalismus ist schon jetzt wichtig und wird noch wichtiger. Das zeigen die Probleme vieler traditioneller Medien und Daten zum Nutzerverhalten. Als freie Journalistin hatte ich bislang nur einmal eine kleinere Geschichte fürs Internet recherchiert und geschrieben, weil die Bezahlung unanständig schlecht ist. Andererseits eröffnen sich gerade für Wissenschaftsjournalisten wunderbare neue Möglichkeiten im Netz, und ich habe seit dem Masterclass-Projekt erst recht Lust, dafür Geld aufzutreiben und noch mehr auszuprobieren.