Wissenschafts-Journalismus heute

Johannes Kaufmann: Phagentherapie - Hoffnung im Kampf gegen resistente Keime

Die Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika ist ein Problem, das nicht mehr nur die Forschung an Universitäten und in Pharmaunternehmen beschäftigt, sondern auch die Gesundheitsversorger vor Ort erreicht hat. Antibiotikaresistenz ist somit ein Thema, das vom lokalen bis zum globalen Maßstab reicht. Damit ist es ideal geeignet für die Verknüpfung regionaler Berichterstattung in einer regionalen Tageszeitung wie der "Braunschweiger Zeitung" mit einem Menschheitsproblem.

Johannes Kaufmann verfolgt diesen Weg vom Lokalen ins Globale am Beispiel der Phagentherapie, also des Einsatzes von Viren, die Bakterien infizieren. Die Multi-Media-Reportage beginnt bei der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen in Braunschweig (DSMZ), wo Phagen aus der Umwelt gesammelt und katalogisiert werden, und endet am Eliava-Institut in Tiflis, wo Phagen (anders als in der EU) bereits als Medikament eingesetzt werden.

Johannes Kaufmann arbeitete mit Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaften Ostfalia in Salzgitter zusammen, die für das Projekt einen Trickfilm und eine interaktive Karte erstellten.
Aufnahme mit einem Raster-Elektronenmikroskop des Infektionszyklus eines G7-Phagen bei Bakterien der Gattung Acinetobacter baumannii mit Adsorption und Infektion (links, Mitte) und Lyse (rechts).
Johannes Kaufmann hat Chemie, Germanistik, Geschichte und Philosophie (Wissenschaftstheorie) an der Technischen Universität Braunschweig studiert. Nach seinem Abschluss begann er eine Promotion in Neuerer Geschichte über die Militär-Medien-Beziehungen in Israel, wo er für rund ein Jahr lebte. Nach vier Jahren brach er die Promotion ab, um 2012 ein Volontariat als Wissenschaftsjournalist zu beginnen. Diese Ausbildung absolvierte er bei der Braunschweiger Zeitung und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB). Seit April 2014 arbeitet er als Wissenschaftsredakteur in der Zentralredaktion der Braunschweiger Zeitung.

Zu seinen Themenschwerpunkten zählen unter anderem Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung und die Geschichte des Nahostkonflikts. Neben den Naturwissenschaften beschäftigt er sich auch mit politischen Themen.
  • Wie ist die Idee des Projekts entstanden?

Im Juli 2014 hielt die renommierte Phagenforscherin Elizabeth Kutter auf Einladung der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig einen Vortrag über den Einsatz von bakterienfressenden Viren (Bakteriophagen) bei bakteriellen Infektionskrankheiten. Ich hatte davon bisher noch nie gehört und war fasziniert. Angefangen von der Beschreibung der Wirkweise bis zu den therapeutischen Möglichkeiten war das Thema allerdings so komplex, dass ich nicht wusste, wie ich das Thema im üblichen Format einer einzelnen Zeitungsseite angemessen behandeln sollte. Seitdem trug ich das Thema mit mir rum in der Überzeugung, irgendwann einmal "etwas Großes" dazu zu machen. Die Ausschreibung für die Masterclass holte das Thema wieder aus meiner Ideenbox.

Hilfreich für mich war dabei die Tatsache, dass Braunschweig ein stiller Knotenpunkt im internationalen Phagennetzwerk ist. Die DSMZ verfügt über eine der größten Phagensammlungen Europas und hat seine Forschungsaktivitäten auf diesem Gebiet zuletzt weiter ausgebaut. Das ist außerhalb der Forscherwelt aber kaum bekannt. Dadurch gewinnt die Geschichte eine regionale Relevanz, die sie auch für die "Braunschweiger Zeitung" interessant macht. Der großzügige Zeitrahmen und die Fördermittel der Bosch-Stiftung ermöglichen mir einen interessanten Spagat zwischen Regionalbezug und großer Forschungsgeschichte.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Ich arbeite mit Studenten einer Hochschule aus der Region zusammen. Sie sollten für mich einen Film und eine interaktive Karte für die Multi-Media-Reportage anfertigen. Ich war mir anfangs nicht sicher, wie viel Anleitung und Betreuung nötig sein würde und auf wie viel Eigeninitiative ich setzen könnte. Nach einer kurzen Vorstellung meines Projekts waren die Studenten aber so begeistert und motiviert, dass es lediglich noch eines einzigen weiteren Treffens und ein paar E-Mails bedurfte. Der Rest lief von ganz allein. Der Film war bereits fertig, bevor ich die erste Zeile des eigentlichen Artikeltextes geschrieben hatte. Und er ist toll geworden.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Aus einem Besuch der Phagoburn-Studie, die derzeit den Einsatz von Phagen bei der Behandlung von infizierten Brandwunden an Kliniken in der Schweiz, in Frankreich und Belgien untersucht, wurde leider nichts. Der Studie fehlen die Patienten. Die Kommunikation per Mail mit Wissenschaftlern im Ausland stellte sich als mühsamer raus als erwartet.

Leider hat es nicht geklappt, einen Hühnerstall zu besuchen, in dem mit Phagen in der Tränke experimentiert werden. Landwirte reagieren mittlerweile offenbar sehr reserviert auf Anfragen von Journalisten, die ihre Ställe betreten wollen - und wenn dann auch noch Viren im Spiel sind…

Eine erwartbare Hürde war die Arbeitszeit: Als fester Redakteur einer personell alles andere als üppig ausgestatteten Tageszeitung komme ich kaum dazu, mich um das Projekt zu kümmern.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Aufgrund meiner Erfahrungen mit den Studenten habe ich nun mehr Vertrauen, dass Aufgaben, die ich an andere abgebe, am Ende so bearbeitet werden, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Dass ich nicht nur andere (Studenten, die sicher genug mit dem Stress ihres Studiums zu tun hatten) für mein Projekt interessieren konnte, sondern diese anschließend auch Initiative zeigten und eigene Ideen entwickelten, die das Projekt verbessert haben, hat mich sehr gefreut.

Außerdem war die Recherche in Tiflis eine faszinierende Erfahrung. Sie lieferte einen spannenden Kontrast: Ein ärmliches und auch in seiner Bausubstanz arg mitgenommenes Institut in Georgien, das auf einem Forschungsfeld führend ist, das in der EU gerade erst wirklich entdeckt wird.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein hat?

Bleib realistisch. Den großen Wurf zu planen und am Ende daran zu scheitern, dass der Alltag Priorität hat, kann frustrierend sein. Es ist sicher sinnvoll, von vornherein von einem kleinen Zeitbudget auszugehen - und davon dann für die Planung noch einmal etwas abzuziehen, weil man wahrscheinlich noch immer zu optimistisch war.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Ich habe für mich selbst einiges gelernt. Damit bin ich schon zufrieden.