Aktuelle Themen 2017

Fundament für den Frieden

Krieg und Konflikt wirken noch lange nach dem Ende der Kämpfe in einer Gesellschaft nach. Wie wichtig die Aufarbeitung von Konflikten ist, wird dabei oft unterschätzt. Beim "Berlin Seminar: Truth, Justice and Remembrance" kommen Teilnehmer aus mehr als 15 Ländern weltweit zusammen, diskutieren mit deutschen Experten und besichtigen hiesige Gedenkstätten.
von Julia Rommel | Januar 2017
Christop_Kreutzmueller_Fuehrung
Foto: Tobias Bohm
Krieg und Konflikt hinterlassen Spuren in einer Gesellschaft - und das noch lange, nachdem die Kämpfe beendet sind. Wie wichtig die Aufarbeitung von Konflikten ist, wird dabei oft unterschätzt. Die Auseinandersetzung mit vergangenem Unrecht und mit Gewalt ist für alle Beteiligten schmerzhaft. Gleichzeitig ist sie nötig, damit aus unterschwelligen Konflikten nicht neue gewalttätige Auseinandersetzungen entstehen. Beim "Berlin Seminar: Truth, Justice and Remembrance" kommen Vertreter zivilgesellschaftlicher und staatlicher Organisationen und Journalisten aus mehr als 15 Ländern zusammen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen. Sie diskutieren mit deutschen Experten und besichtigen Gedenkstätten, die an verschiedene Phasen der jüngeren deutschen Geschichte erinnern. Denn Deutschland gilt international als beispielhaft für die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Christoph Kreutzmüller, wissenschaftlicher Berater des "Berlin Seminar" und Leiter der Besichtigungen, regt zu einem durchaus kritischen Blick auf die Denkmale und Gedenkstätten an: Zu hinterfragen, ob und warum sie gelungen sind, was sie bezwecken und was sie beim Betrachter auslösen. Einige Teilnehmer kommen aus Ländern, die sich noch mitten in einem Konflikt befinden oder ihn gerade durchlebt haben: aus Mali, Burundi oder Syrien. Sie bekommen so einen Eindruck davon, wie wichtig die Dokumentation von Verbrechen, die Anerkennung von Opfern, sowie eine konstruktive Erinnerung an vergangenes Unrecht ist - und wie langwierig und mühsam der Weg dorthin sein kann.
 

Persönlichen Mut zeigen

Zweiter Baustein des zweiwöchigen Programms ist die persönliche Weiterbildung und gegenseitige Beratung der Teilnehmer. Dazu bringen sie schwierige Fälle aus ihrer Arbeit mit, stellen sie in der Gruppe vor und bearbeiten sie gemeinsam unter Anleitung von Beratern. Die Auseinandersetzung mit Unrecht, Gewalt und Versöhnung erfordert Führungsqualitäten, gerade wenn ein Konflikt noch schwelt oder kürzlich erst beendet wurde. Die Engagierten müssen dann nicht nur bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und sich auch gegen Widerstände für ein schwieriges Thema einzusetzen, sondern oft auch persönlichen Mut zeigen.

Wie die Teilnehmer von diesen Workshops profitiert haben, schildert Patricia Degueldre, Mitarbeiterin der Robert Bosch Stiftung: "Gerade der Austausch über kleine Erfolge oder Momente des Scheiterns mit Teilnehmern aus anderen Ländern weitet den Blick auf die eigenen Herausforderungen, ermöglicht Schlussfolgerungen über den eigenen Konflikt hinaus und ermutigt dazu, auch unter schwierigen Umständen weiterzuarbeiten." Entstanden sind zudem konkrete Ideen, auch über das Seminar hinaus zusammenzuarbeiten und voneinander zu lernen - zum Beispiel in einem internationalen Netzwerk von Experten der Friedensarbeit und Erinnerungskultur.

Eindrücke einiger Teilnehmer des Berlin Seminars:

Eindrücke einiger Teilnehmer

Fotos: Tobias Bohm 
Tecla Namachanja (2.v.r.), Friedensaktivistin aus Kenia: "Ich war Teil der kenianischen Wahrheitskommission. Aber damals habe ich nicht wirklich verstanden, was Erinnerungskultur bedeutet. Ich weiß jetzt, dass wir mehr dokumentieren müssen, mehr Fakten brauchen, mehr Gesichter der Opfer zeigen müssen. Ich bedauere, dass ich die Geschichten der vielen jungen Männer, die kastriert wurden, die Geschichte der Frau, die nur den Kopf ihres Mannes zurückbekommen hat, nicht aufgeschrieben habe. Während in unserem Land der Wahrheitsfindungsprozess in Gang kam, hat nur die GIZ uns unterstützt und darauf hingewiesen, wie wichtig der Umgang mit Vergangenheit ist. Ich weiß jetzt, weshalb: Wegen der deutschen Geschichte."

Berlin Seminar: Truth, Justice & Remembrance

Seit 2009 richtet die Robert Bosch Stiftung Studienreisen zur Erinnerungskultur und dem Umgang mit Vergangenheit in Deutschland aus. Das Programm ermöglicht Vertretern zivilgesellschaftlicher Organisationen und Journalisten Einblicke in Herangehensweisen, Methoden und aktuelle Herausforderungen der Vergangenheitsaufarbeitung in Deutschland.