Aktuelles
Aktuelle Themen 2016

Im Dialog mit der Ukraine

Nach den Maidan-Protesten und dem Sturz von Präsident Janukowitsch ist die Entwicklung in der Ukraine noch immer ungewiss. Um zu einem friedlichen Zusammenleben zurückzufinden und eine starke Zivilgesellschaft aufzubauen, braucht das Land die Unterstützung des Westens.

Deshalb vermittelt die berufsbegleitende Weiterbildung "Ukraine Calling" deutschen Akteuren aus Politik, Verwaltung, Kultur und Zivilgesellschaft fundierte Kenntnisse zur Ukraine. Mit ukrainischen Partnern entwickeln die Teilnehmer gemeinsame Projekte.

Im Interview stellen vier Teilnehmerinnen ihre Projekte vor:
 

Anna Lysiak - Jugend in der Ukraine

Für das Deutsch-Polnische Jugendwerk ist die Ukraine eines der wichtigsten Partnerländer. Deshalb schafft das Projekt "Jugend in der Ukraine" ein Deutsch-Polnisch-Ukrainisches Forum, das Begegnungen zwischen jungen Menschen aus den drei Ländern fördern und Experten aus der Jugendarbeit zusammenführen soll.

"In der aktuellen Situation ist es wichtiger denn je, dass ukrainische Jugendliche Beziehungen zu jungen Polen und Deutschen aufbauen."

Sarah Reinke - Menschenrechtsorganisation für alle Minderheiten in der Ukraine

In der Ukraine leben viele verschiedene Ethnien, die zum Teil stark benachteiligt werden. Das Projekt "Menschenrechtsorganisation für alle Minderheiten in der Ukraine" will Kultur und Identität der Gruppen schützen und zugleich ein gemeinsames ukrainisches Nationalgefühl schaffen.
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"Wenn sich die Minderheiten in einer Organisation zusammenschließen, können sie mit einer Stimme sprechen, internationale Verbindungen aufbauen und sich gegenseitig stärken."
Interview mit Sarah Reinke
  • Worum geht es bei Ihrem Projekt?

Reinke: Die Ukraine ist ein multinationales und multireligiöses Land: In der Verfassung sind 13 Minderheiten anerkannt, zwischen denen es immer wieder zu Spannungen kommt. Die Projektidee ist, dass sich die Minderheiten zu einer Menschenrechtsorganisation zusammenschließen. So wollen wir den partikulären Nationalismus überwinden und zugleich die jeweils eigene Identität, Sprache und Kultur der Minderheiten schützen - in einem gemeinsamen ukrainischen Staat.

Langfristig wollen wir die Einhaltung der Minderheitenrechte mit Monitoringberichten kontrollieren, die wir beispielsweise an die OSZE und die EU weitergeben.

  • Warum braucht ausgerechnet die Ukraine eine solche Organisation?

Die Minderheiten in der Ukraine sind sehr unterschiedlich: Es gibt Gruppen wie die Ungarn oder die Deutschen, die zum Teil von ihren Heimatländern unterstützt werden. Andere Minderheiten wie die Krimtataren oder die Karaimen haben kein Mutterland. Am schlechtesten geht es sicherlich den Roma, die massivem Antiziganismus und im Osten des Landes sogar Pogromen ausgesetzt sind.

Wenn sich die Minderheiten in einer Organisation zusammenschließen, können sie mit einer Stimme sprechen, internationale Verbindungen aufbauen und sich gegenseitig stärken. Das könnte den Demokratisierungsprozess und den Pluralismus in der Ukraine fördern. Außerdem würde es dann beispielsweise Russland schwerer fallen, Interventionen wie die im Donbass und auf der Krim mit dem Schutz der russischen Minderheit zu rechtfertigen.

  • Wobei hat Ihnen das Programm "Ukraine Calling" geholfen?

Jede Idee braucht einen Realitätsabgleich: Wer sind mögliche Kontaktpersonen und Kooperationspartner? Wer hat überhaupt Interesse an einer Zusammenarbeit? Der Aufenthalt in Kiew erlaubte mir, diesen Fragen nachzugehen und Experten vor Ort kennenzulernen.
Außerdem haben wir erkannt, dass einzelne Minderheiten mehr Raum und ganz individuelle Unterstützung brauchen. Viele Roma und auch Krimtataren fürchten, in einer gemeinsamen Organisation zu kurz zu kommen.

  • Wie geht es für Sie und das Projekt weiter?

Ich möchte möglichst viele Vertreter der Minderheiten zu einer Reise nach Deutschland und hier zu Workshops einladen. Dabei sollen die Bedürfnisse der Minderheiten, aber auch die Strukturen in Deutschland im Mittelpunkt stehen: Vielleicht kann das ein oder andere, das für uns selbstverständlich ist, in der Ukraine als Inspiration dienen - und wir lernen etwas von den Gästen aus der Ukraine.

Cécile Druey - Zivilgesellschaftliche Perspektiven auf den ukrainisch-russischen Friedensprozess

Viele Ukrainer stehen dem "Minsker Abkommen" kritisch gegenüber, manche sehen den Friedensprozess sogar als gescheitert. Das Projekt "Zivilgesellschaftliche Perspektiven auf den ukrainisch-russischen Friedensprozess" untersucht, wie dieses Bild zustande gekommen ist, und wirbt für Vertrauen zwischen den zivilgesellschaftlichen Akteuren.

"Ein nachhaltiger Friedensprozess ist nur möglich, wenn alle Parteien ihn wollen. Derzeit fühlen sich einzelne Bevölkerungsgruppen noch ausgeschlossen."

Jutta Sommerbauer - MediaLab Donbass

Eine funktionierende Demokratie braucht unabhängige und kritische Medien. In den Workshops des "MediaLab Donbass" erlernen junge Menschen journalistische Grundkenntnisse. Langfristig soll damit auch die Zivilgesellschaft gestärkt werden.
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"Immer mehr Bürger wünschen sich eine Kontrollinstanz. Sie wollen wissen, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht oder wie öffentliche Gelder verteilt werden."
Interview mit Jutta Sommerbauer
  • Worum geht es bei Ihrem Projekt?

Wir veranstalten veranstalten dreitägige Workshops, in denen wir jungen Menschen aus dem Donbass journalistische Fertigkeiten beibringen. Dabei stellen wir die Frage: In was für einer Stadt wollt ihr leben? Wir konzentrieren uns auf lokale Themen, um den Blick auf die unmittelbare Umgebung zu schulen. Damit wollen wir auch Anregungen für soziale Veränderungen geben.

  • Welche Rolle nimmt der Lokaljournalismus in der ukrainischen Presselandschaft ein?

Es gibt sehr viele lokale Zeitungen, Radio- und TV-Sender. Ihre Berichterstattung ist oft jedoch eingeschränkt, da sie im Staatsbesitz sind oder einflussreichen Privatpersonen, etwa Vertretern der lokalen Wirtschaft, gehören. Doch nach den Umbrüchen von 2013/14 haben sich auch neue Lokalmedien – meistens im Online-Bereich – gegründet, die genauer hinschauen: Was passiert in der Bürokratie und in der Verwaltung? Wo gibt es Korruption? Immer mehr Bürger wünschen sich eine solche Kontrollinstanz. Sie wollen wissen, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht oder wie öffentliche Gelder verteilt werden. Zu diesen Lokaljournalisten haben wir Kontakte knüpfen können.

  • Wie haben Sie selbst von der Vorbereitung des Media Labs profitiert?

Zu vielen Lokaljournalisten vor Ort haben wir neue Kontakte knüpfen können. Außerdem haben wir vom Wissen unserer Partner vor Ort, die mit uns den Workshop organisieren, profitiert: Es gab Anregungen zur Gestaltung der Öffentlichkeitsarbeit oder zur Verbesserung der Werbung. Die Menschen dort freuen sich auf uns, und wir freuen uns natürlich auch!

(Interviews: Philipp Wurm, November 2016)