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Akrobatik ermöglicht Dialog über Gewalt

Tanz und Akrobatik bringen junge Menschen aus Kambodscha und Ruanda in einen Austausch über ihre konfliktreiche Vergangenheit

Eindrücke der Aufführung "See you yesterday"

 
Auf einem staubigen Platz stehen hunderte afrikanische Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor einer provisorischen Holzbühne. Wegen des großen Andrangs wurde bereits eine nahe gelegene Anhöhe einfach zur Tribüne umfunktioniert. Hinter den Kulissen macht sich eine Gruppe junger Kambodschaner bereit für ihren Auftritt. Sie werden ein Stück über den Genozid in Kambodscha durch die Roten Khmer aufführen. Mit ihrer Vorführung wollen die jungen Kambodschaner zu einem Dialog über Gewalt und Völkermord anregen, doch nicht mit Worten und Schauspiel - sondern mit Akrobatik und Tanz.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu dauerhaftem Frieden ist die Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt im eigenen Land. Doch oft werden Kriegsverbrechen in einer Gesellschaft nur mangelhaft oder gar nicht aufgearbeitet. Besonders schwierig ist das für Kinder und Jugendliche, die den Krieg nicht selbst erlebt haben. Sie wissen nicht, wie sie mit ihrem kulturellen Erbe umgehen sollen, wenn Eltern und Gesellschaft dazu schweigen.

"See you yesterday" in Ruanda

Der Künstler und Filmproduzent Michael Lessac bringt mit Hilfe von Tanz und Akrobatik junge Menschen aus Nachkriegsgenerationen verschiedener Länder zusammen. Sie lernen so nicht nur etwas über die Konflikte eines anderen Landes, sondern werden gleichzeitig angeregt, über die kriegerische Vergangenheit ihrer Heimat nachzudenken. Mit seinem Projekt "See you yesterday", das von der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, bringt Lessac die Bevölkerung in Kambodscha und Ruanda in einen Austausch über ihre konfliktreiche Vergangenheit. Über vier Jahre hinweg hat Lessac dafür mit 19 jungen Straßenkünstlern aus Kambodscha ein artistisches Projekt erarbeitet, das die Gewaltherrschaft der Roten Khmer thematisiert.

"See you yesterday" wurde im Sommer auf dem Ubumuntu Arts Festival in Ruanda uraufgeführt und im Kigeme refugee camp gezeigt. Dort leben seit 2012 fast 19.000 Menschen, die vor den Aufständen der "Bewegung 23. März" aus dem Kongo über die Grenze nach Ruanda geflohen sind. Lessac ist davon überzeugt, dass das Zirkusstück als Türöffner funktioniert und eine Verbindung zwischen jungen Kambodschanern, Ruandern und Kongolesen herstellt. "Der Clown bricht das Eis und bringt beide Gruppen zum Lachen, dann kommen sie miteinander ins Gespräch." Anschließend spielten die Kinder und Jugendlichen Fußball miteinander und studierten gemeinsam Zirkuskunststücke ein. Es entstand ein Dialog nach Lessacs Vorstellung: "Ohne Erwachsene, nur mit jungen Menschen, die miteinander sprechen."

Die Kinder von der Straße werden gefeiert wie Rockstars

Michael Lessac setzt auf die Wirkung, die Kunst bei den Zuschauern hinterlässt. Der künstlerische Direktor von "See you yesterday", Khuon Det, floh als Kind zusammen mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Kambodscha. Ihm halfen Sport und Kunst dabei, im thailändischen Flüchtlingslager zu überleben und sein Kriegstrauma zu überwinden. Dasselbe wünscht sich Lessac auch für die kambodschanischen Jugendlichen: "Diese Kinder kommen von der Straße, werden hier gefeiert wie Rockstars und fangen auf einmal an, selbst zu unterrichten. Wenn sie wieder nach Hause gehen, sind sie nicht länger nur Artisten, sondern Lehrer, Botschafter ihres Landes. Das verändert ihre Identität. Sie sind nicht mehr nur Kambodschaner, die Teil von etwas unvorstellbar Grausamen waren, sondern junge Menschen, die etwas bewegen können."

Sie werden diese Botschaft noch weitertragen. "Wenn wir zurück nach Kambodscha gehen, werden die Jugendlichen mit vielen anderen Jugendlichen dort über ihre Erfahrungen sprechen - und diese Erfahrungen auf ihrer Tournee durch Asien mit einem noch größeren Publikum teilen."

Lessac begleitet das Projekt "See you yesterday" bereits seit der Entstehungsphase mit einem Filmteam, das die Entwicklung der jungen Kambodschaner dokumentiert. Von jeder Station auf der Tournee entstehen Kurzfilme. Am Ende wird ein gleichnamiger Film über die Begegnung verschiedener Postkonfliktgesellschaften stehen.  

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