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"Ihr seid die Gegenwart und Zukunft des Balkans"

Wie attraktiv die EU in Zeiten der Krisen für die Westbalkanländer ist, stand im Mittelpunkt der Diskussion im Berliner Zentrum für Kunst und Urbanistik. Auf dem Podium: Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Medien. Im Publikum: Rund 120 Studenten aus den Ländern des westlichen Balkans, Teilnehmer des Programms "Europa erfahren".

Wie wichtig Reisen gerade für junge Menschen aus dem Westbalkan ist, wurde gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Helge Tolksdorf, Direktor der Abteilung EU-Erweiterung für Osteuropa und die Türkei beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erzählt von seinen eigenen Erlebnissen. "Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, meine allererste Reise führte mich nach Bulgarien". Hört man, wie begeistert Tolksdorf von seinen Reisen und lebenslangen Freundschaften erzählt, die dadurch entstanden sind, ist es kein Wunder, dass er sich heute dafür einsetzt, dass die Westbalkanländer Mitglieder der Europäischen Union (EU) werden können. Visaerleichterungen sind eine seiner Errungenschaften, die die Studenten gerade erfahren.

Sladan, 24, Serbien

"Wir haben von Pegida gehört und wollen wissen, warum Menschen, die in der EU leben, gegen die EU sind. Wir auf dem Balkan sehen so viele Vorteile in einer EU-Mitgliedschaft - politische, kulturelle, die Reisefreiheit. Die meisten von uns sind noch nie gereist. Jetzt wollen wir so viel wie möglich von Europa kennen lernen."
Wie beschwerlich das Reisen zwischen den einzelnen Balkanländern heute immer noch ist, berichtet Adelheid Wölfl, Südosteuropa-Korrespondentin der österreichischen Tageszeitung Der Standard. Sie lebt in Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas und reist für ihre Recherchen viel auf den Flüchtlingsrouten durch den Balkan.

"Sie glauben gar nicht, wie schwierig es ist, mit dem Zug oder Auto von einem ins andere Land zu kommen." Auch die Kommunikation sei nicht leicht. "Ich habe mehrere Mobiltelefone und SIM-Karten, für jedes Land brauche ich eine eigene". Sie hofft auf einen baldigen EU-Beitritt der Westbalkanländer, damit sich das ändert. Oft werde sie von Einheimischen gefragt, warum die Flüchtlinge aus den arabischen Ländern in die EU dürften und sie selbst nicht.

Yllka, 23, Albanien

"Berufliche Qualifikation ist für mich das Attraktivste an der EU. In Albanien ist sie sehr teuer und wir können nicht einfach unseren Wunschberuf lernen. Am Zweitwichtigsten sind für mich Politik und Wirtschaft, die liegen bei uns beide am Boden. Es wäre toll, wenn wir da von Westeuropas Erfahrungen lernen würden."
Vom Reisen führt die Diskussion zu Wirtschaft und Politik im Westbalkan. Wie pro-europäisch sie ist, betont auch Alida Vračić, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Seit 2007 ist sie Geschäftsführerin und Mitbegründerin des Think Tanks "Populari" in Sarajevo, der junge Menschen zum Umdenken ermutigt. "Wir brauchen dringend einen Wandel in Politik und im Sozialen". Deshalb sei der EU-Beitritt auch so wichtig. Man müsse sich nur mal die Zahlen im Weltbankreport anschauen. In Bosnien beispielsweise liege die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 35 und 60 Prozent, das Wachstum des Bruttosozialprodukts zwischen Null und 0,3 Prozent. Vračić fordert die Studenten zur Mithilfe auf, "denn ihr seid die Gegenwart und Zukunft des Balkans. Überlegt euch deshalb genau, was ihr wollt, und vor allem, was ihr ändern wollt!".

Vier Wochen haben die Studenten nun Zeit, Europa kennen zu lernen und sich darüber Gedanken zu machen. Die erste Station war dabei Berlin selbst. Bei individuellen Stadtführungen, den "Local Heroes Tours", lernten sie besondere Menschen und Institutionen kennen und setzten sich mit wichtigen Fragen iherer Europareise auseinander. Die meisten haben zum ersten Mal die Chance, durch die Länder der EU zu reisen. Nach zwei Tagen in Berlin reisen sie in Kleingruppen mit dem Zug weiter nach Amsterdam und in andere europäische Städte.
(Text: Ellen Köhrer)
 

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