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War da was? China erinnert sich nicht gerne an die Kulturrevolution

50 Jahre ist es her, dass Mao Zedong die "Große proletarische Kulturrevolution" ausrief. Anlässlich dieses Jubiläums lud die Robert Bosch Stiftung zu einer Veranstaltung aus der Reihe "China im Gespräch". In der Berliner Repräsentanz ging es dabei um Geschichtsdeutung und Erinnerungskultur im heutigen China. Moderiert von der ZEIT-Journalistin und ehemaligen China-Korrespondentin Angela Köckritz diskutierten die Autorin Xujun Eberlein, Professor Guobin Yang, University of Pennsylvania, und Sebastian Veg, Professor an der Pariser "School of Advanced Studies in Social Sciences" und Honorary Professor an der Universität Hongkong.

Zur Einführung erinnerte Christian Hänel, Leiter des Themenbereichs Völkerverständigung Amerika und Asien der Stiftung, an die Anfänge der Kulturrevolution: "Es begann mit einer zweijährigen Gewaltorgie der Roten Garden, die Lehrer, Parteikader, politische Gegner und sogar Familienmitglieder einsperrten, folterten und töteten". Schulen und Universitäten mussten schließen, Kulturdenkmäler und Kunstwerke wurden zerstört. Als Mao erkannte, dass ihm die Kontrolle über seine Anhänger entglitten war, entsandte er Millionen junger Städter aufs Land, wo sie von den Bauern lernen sollten. Einer von ihnen: der heutige Staatspräsident Xi Jinping.

Junge Städter erlebten Realität des ländlichen Sozialismus: Hunger

Wie hat das Jahrzehnt der Kulturrevolution diese Menschen geprägt? Guobin Yang forscht in den USA über die Generation der Roten Garden. Auch, wenn ihre Lebenserfahrung nicht allein aus dieser Zeit resultiert, so ist für Yang klar, dass die Jahre der Kulturrevolution prägend waren: Viele kannten das bäuerliche Leben nur aus Büchern und Filmen, plötzlich erfuhren sie, was ländlicher Sozialismus wirklich bedeutete. "Was sie erlebten, war Armut", sagte Yang. Xi Jinping war damals in Shaanxi, einer von Hunger besonders stark betroffenen Provinz. Wie wirkt sich das auf die heutige Politik aus? Guobin Yang begründet den starken Fokus der Staatsführung auf Kontrolle und Sicherheit sowie soziales Management mit den Erfahrungen in ihrer Jugend. "Sie wollen unter allen Umständen politische Instabilität und Aufstände vermeiden." Auch die zunehmende ideologische Kontrolle, die sich in den vergangenen drei Jahren beobachten lässt, deutet er als Konsequenz. "Menschen, so die Erfahrungen der heutigen Politikergeneration, lassen sich besser mobilisieren, wenn sie in einer Ideologie verankert sind".

Die Kommunistische Partei erklärte die Kulturrevolution 1981 als Fehler. Zum 50-jährigen Jubiläum gab es in diesem Jahr keine staatliche Erinnerungsveranstaltung. "Aber kann Geschichte einfach weggesperrt werden? Und wie zukunftsfähig kann eine Gesellschaft sein, wenn Erinnerung nur im Rahmen eines staatlich vorgegebenen Diskurses stattfindet?", fragte Christian Hänel.

"Es gab viele Kulturrevolutionen"

Die Autorin Xujun Eberlein, die in Chongqing geboren wurde und heute in Boston lebt, hat die Kulturrevolution als Teenagerin miterlebt. Sie hat ihre Erfahrungen in der preisgekrönten Anthologie "Apologies Forthcoming" verarbeitet. Persönliche Geschichten und Erinnerungen gibt es in China millionenfach. Guobin Yang wies darauf hin, dass, es nicht  die Kulturrevolution gebe. "Es gibt ganz unterschiedliche, je nachdem, welche individuellen Erfahrungen gemacht wurden." Heute gehe jeder anders damit um: Manche seien traumatisiert, andere nostalgisch, manche besännen sich auf Traditionen wie Konfuzianismus und Kalligraphie, andere drängten ihre Kinder zu mehr Bildung, weil ihnen diese selbst in der Jugend verwehrt worden war.

Sebastian Veg kritisierte, dass es in China keinen öffentlichen Raum gebe, um über die verschiedenen Interpretationen sprechen zu können. Auch Xujun Eberlein sieht darin ein Problem. Sie stellte aber auch fest, dass zu viele Ältere ihre Erfahrungen vor Kindern und Enkeln verschwiegen und die Erlebnisse verdrängten. Dieses Phänomen, so Veg, sei jedoch auch aus anderen historischen Kontexten wie etwa Nachkriegsdeutschland bekannt. Gerade deshalb seien öffentliche Gedenkorte und Diskussionen wichtig. Auf unterer Ebene sei dies in China auch möglich: Einige seiner chinesischen Studenten dokumentierten die Erinnerungen ihrer Verwandten auf Video und veröffentlichten sie auf einer Webseite, die noch immer online sei. Außerdem inszenierten sie Theaterstücke zum Thema.

Wieso lese man überwiegend Berichte von Opfern, aber kaum welche von Tätern, wollte ein Zuschauer wissen. Einige Mitglieder der Roten Garden hätten sich tatsächlich öffentlich entschuldigt, seien dafür aber heftig kritisiert worden, erläuterte Xujun Eberlein. Außerdem sei die Unterteilung in Opfer und Täter schwierig: "Viele waren eben nicht reine Opfer oder Täter, sondern beides". Auch deshalb sei die Aufarbeitung schwierig, sagte Veg. "Diese zehn Jahre lassen sich nicht einfach aus der Geschichte herauslösen".

(David Weyand, Juli 2016)