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Der Pionierjahrgang verlässt das United World College

Vor zwei Jahren kamen sie aus 71 Ländern der Welt nach Freiburg, um ein neues United World College (UWC) mitzugestalten, jetzt wurden sie in einer feierlichen Zeremonie verabschiedet: die Schüler des Pionierjahrgangs des UWC Robert Bosch College.

In seiner Rede an die Schulgemeinschaft fragte Dr. Christof Bosch: Wie können wir Menschen weltweit vereinen, für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit? Keiner, so Bosch, kenne diese Antworten. "Erst im kreativen Prozess unseres Lebens werden diese Fragen geformt, Antworten gibt es nicht vorformuliert, wir können sie nicht googlen. Die Antwort, die wir geben, ist das Leben, das wir leben. Jetzt seid ihr dran!"

Aus Zusammenleben wird Freundschaft

Die Abgänger Luizer aus Kenia und Lucius aus den USA reflektierten in einer abschließenden Rede über die beiden letzten Jahre: "Wir haben mit eigenen Augen erlebt, wie Menschen, die aus sich feindselig gegenüberstehenden Gesellschaften kommen, friedlich zusammenleben und tatsächlich sehr tiefe Freundschaften entwickeln können."

Auch für Rektor Laurence Nodder war der Abschied von den Pionieren ein bewegender Moment: "Ebenso wie unser ehemaliger Ehrenpräsident Nelson Mandela glaube ich nach wie vor daran, dass Bildung das mächtigste Werkzeug ist, um die Welt zu verändern. Es ist ein langsamer Prozess, aber der wirksamste, den ich kenne."

So geht es für die Schüler weiter

Von den 102 Schülerinnen und Schülern werden die meisten in den USA (40%), Deutschland (7%), Großbritannien (7%), Kanada (5%) oder einem anderen Land studieren. Der Rest nimmt sich Zeit für ein Gap Year oder strebt eine Ausbildung an. Sieben Schüler werden an einer Ivy League Universität wie Princeton, Brown, Columbia und Yale studieren.

Lernen Sie drei der Schüler kennen:
Fatou Diop, 18, ist im Senegal, in Rufisque aufgewachsen, einer Stadt etwa von der Größe Freiburgs, sie beschreibt die Region als ländlich: "Als ich herkam, war schon klar: Ich will später mal Umwelt-Ingenieurin werden mit Schwerpunkt Energie. Hier verstand ich, wie wenig ich über die Tragweite von diesem großen Begriff "Umwelt" wusste. Wie wir Energie verbrauchen, weil wir Fleisch essen, weil wir Fliegen und so weiter. Hier habe ich verstanden, dass es nicht nur um clevere Energie-Konzepte geht, auch nicht nur um die große Politik, sondern um das Bewusstsein jedes Einzelnen. Es hat gut zusammengepasst, dass wir unseren unglaublich sinnvollen gemeinsamen Lernprozess im Austausch miteinander hier in Freiburg erlebt haben. Freiburg ist ein inspirierendes Modell dafür, wie die Stadt der Zukunft aussehen kann. Eine Fahrradstadt, in der die Menschen sehr sorgsam und klug mit der Umwelt umgehen. Ich habe ein Stipendium an einer US-amerikanischen Uni und werde dort Chemie-Ingenieurswesen studieren und später dann mehr in Richtung Umwelt gehen. Ich will eines Tages der Dorfbevölkerung bei uns helfen, selber initiativ dafür zu sein, dass sie Strom erzeugen können. Es bringt nichts, immer auf den Staat zu warten, dass der was tut – lieber macht man sich davon unabhängig. In zehn Jahren würde ich gerne schon dazu beitragen, das Leben bei uns auf dem Land besser zu machen. Wir brauchen das, denn wegen der Landflucht fehlen uns landwirtschaftliche Produkte. Im übrigen bin ich in zehn Jahren hier: Da feiern wir zehnjähriges Jubiläum!"
(Julia Littmann, Badische Zeitung)
Daniel Dejapin, 21, kam vor zwei Jahren aus Manila ans UWC Robert Bosch College in Freiburg. In der philippinischen Hauptstadt lebte Daniel mit seiner Familie in ärmsten Verhältnissen. Als Kind lebte er sechs Jahre alleine auf der Straße. Zur Schule ging der begabte Junge aber trotzdem jeden Tag und schaffte vor zwei Jahren die Aufnahme am UWC. Zu Beginn waren die fremden Gepflogenheiten eine Herausforderung für Daniel. Nicht nur die Unterschiede zwischen der deutschen und der philippinischen Kultur, sondern auch die Unterschiede zu den Gewohnheiten der anderen Schüler waren groß: „Anfangs wusste ich manchmal nicht, wie ich mich verhalten oder was ich sagen sollte. Darum war ich bei allem, was ich tat, sehr vorsichtig.“ Aber am UWC Robert Bosch College bemerkte er schnell, dass alle seine Mitschüler gekommen waren, um sich auszutauschen, mehr über die Lebensgeschichten der Anderen zu erfahren und um voneinander zu lernen, „das ist es, was ich den UWC Spirit nenne“. Die Schule habe ihm geholfen, Themen im globalen Kontext zu sehen. Das Ziel des Absolventen ist es, nach seiner Ausbildung, selbst Kindern in Manila zu helfen. Darum wird er ab Herbst 2016 Psychologie am Luther College in den USA studieren. „Ich habe hier gelernt kritisch zu denken und Dinge zu hinterfragen“, er ist sich sicher, dass ihm das auf seinem weitern Weg helfen wird.
Zawer Sulaiman, 19, stammt aus Damaskus in Syrien. Seine Familie floh nach Russland, dort ist er aufgewachsen - und bewarb sich schließlich ans UWC: "Ich wollte mit Leuten von überall her zusammenleben und lernen. Von der Schule hatte ich über Facebook erfahren – und das klang gut. Ich nahm dann in Istanbul an einem Shortcourse, einem Kurzkurs teil und das war genau so: gut! Was mich hier am meisten beeindruckt hat, war das Unerwartete. Zum Beispiel hat man sich hier mit Leuten befreundet, von denen man sich im Traum nicht hätte vorstellen können, dass man sie überhaupt je trifft. Was meine beruflichen Interessen angeht, kam ich etwas unentschlossen her – und das bin ich noch immer. Nur hätten mich bis vor zwei Jahren eher die Naturwissenschaften gereizt – und das hat sich hier in Richtung Soziales verändert. Ich gehe im August mit einem Stipendium nach Kanada an die University of Columbia und studiere Philosophie, Politik und Wirtschaft. Vorher mache ich hier am Robert-Bosch-College noch beim Shortcourse mit: Ich will dazu beitragen, dass auch andere die Chance für diese Erfahrung haben. Was ich in Zukunft machen möchte? Ich belaste mich nicht mit konkreten Zielen, sondern lebe auf das Leben zu. Ich würde gerne schreiben – am liebsten fürs Fernsehen. Aber vielleicht lande ich eines Tages auch bei einer NGO, einer Nicht-Regierungs-Organisation. Das wäre auch prima. Und eine Familie? Oje, die werde ich sicher nicht haben, bevor ich 30 bin."
(Julia Littmann, Badische Zeitung)