Grenzgänger

Michaela Vieser:

Michaela Vieser wurde 1972 in Durlach geboren, machte ihren High-School-Abschluss in New York in den Fächern Science-Fiction und amerikanische Literatur. Sie studierte Japanologie und Orientalische Kunstgeschichte an der SOAS in London und erhielt ein 18-monatiges Forschungsstipendium für die Tohoku Universität in Sendai, Japan. Sechs Jahre blieb sie in Japan: über ihren einjährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster im Süden Japans schrieb sie das erzählende Sachbuch „Tee mit Buddha“ und arbeitete später als Produzentin in Tokyo/LA/NY. 2002 wandte sie sich Deutschland zu: sechs Monate lang fuhr sie mit dem VW durch die Provinz, auf der Suche nach einer unbekannten Heimat, die sie in dem Buch „Übersehene Sehenswürdigkeiten“ festhielt und damit 15 Monate lang eine Kolumne in der FTD fütterte und mehrere Preise erhielt. Seit 2003 lebt sie in Berlin, schreibt Bücher und bringt Geschichten im Radio zum Klingen. Sie unterrichtet gerne, z.B. bei den Chaospiloten, an der UDK, in Ankara und produzierte das Hörspiel „Emil und die Detektive“ mit Kindern im Kibera Slum, das erste Hörspiel auf Swahili für Kinder.

Preise und Auszeichnungen: Mombusho Stipendium, Auswahl beste Designer unter 40, Preis des französischen Botschafters in Pärnu für den Dokumentarfilm „Tokyo Love Stories“, Förderung durchs Auswärtige Amt für die Ausstellung Tokyo-Berlin; ihr letztes Buch über die Liebe („Für Immer und Jetzt“, gemeinsam mit der Illustratorin Irmela Schautz) wurde am Weltbuchtag ausgewählt und dem Bundespräsidenten überreicht.

Auf der Suche nach dem verheißenen Land
Das Altai-Gebirge als Ort utopischer Sehnsüchte


Belovod'ye, auf russisch Weißes Wasser, ist ein verborgenes Land, über das bereits im 11. Jahrhundert der wandernde Mönch Sergius dem König Vladimir I. berichtete. Er hatte davon in byzantinischen Klöstern gehört: Es handle sich um ein Land weit im Osten, in dem Freiheit, Gleichheit und Wohlstand herrschten. Im 17. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Verfolgung der Alt-Orthodoxen, tauchten die ersten Reisebeschreibungen zu diesem Land auf und lokalisierten es in der Region Altai, einem entlegenen Winkel Russlands an den Grenzen zu Sibirien, Kasachstan und der Mongolei. Wer es bis dahin schaffte, mag dort tatsächlich ein sozial-utopisches Land gefunden haben. Die Region war durch einen Seitenarm mit der Seidenstraße verbunden und seit alter Zeit reisten viele Kulturen durch die saftigen Altai-Täler. Gleichzeitig war die Region aber von Nomadenvölkern umgeben, sodass sich nie

Königreiche oder Dynastien gründeten. Es war ein freies Land und daher ideal, um ein neues Leben zu starten. In romantischen Erzählungen des 19. Jahrhunderts erscheint die Region Altai als eine Welt, in der die Menschen in Harmonie mit sich und der Natur leben. Selbst während des strengen Regimes der Sowjetunion war man hier relativ sicher vor Verfolgungen. Der Altai war jenseits jeden Moskauer Radars. Der Altai als verheißenes Land - heute wird er kapitalistisch vermarktet: Sanatorien, Skiresorts und Käsefeste wechseln sich ab mit pseudo-traditionellen Festen.

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Dorfjugend in Verch-Uimon
Das Tal am Kattun-Fluss: nach fünf Tagen und Nächten im Zug, sowie zwei weiteren Tagen mit dem Auto, endlich da.
Republik Altai, Sommer 2016

Michaela Vieser hörte von einem geheimnisvollen Land namens Belowodje, das irgendwo im Altai versteckt liege. Sie wollte den Weg der Suchenden, die seit dem 9. Jahrhundert immer wieder dorthin aufbrachen, nicht mit dem Flugzeug abkürzen und legte die Strecke mit der Transsibirischen Eisenbahn zurück: fünf Tage lang durch Sibirien, dann weiter auf Schotterpisten. Anhand alter Aufzeichnungen folgte sie dem Fluss Kattun zu einem Tal, wo das verheißene Land liegen solle und fand dort Nachkommen der Pilger von früher. Insgesamt drei Wochen lang war Michaela Vieser unterwegs und sammelte Interviews mit Nachfahren der Alt-Orthodoxen sowie modernen Aussteigern. In ihrem Feature malt sie ein Bild des Sehnsuchtsortes Altai.