Grenzgänger

Robert Schmidt und Andreas Kebelmann:

Robert Schmidt ist freiberuflicher Regisseur, Schriftsteller, Eventveranstalter und Konzepter. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum, Regisseur am Schauspielhaus Bochum, Hausregisseur und Leitungsmitglied am Schauspielhaus Graz. Seit 2000 freier Regisseur für verschiedene Inszenierungen an Stadt- und Staatstheatern, seit 2011 wieder regelmäßige Arbeit als Autor und Regisseur für verschiedene Radiosender (u.a. SWR, ORF, NDR) und Theater (u.a. Schauspiel Stuttgart, Maxim Gorki Theater Berlin, Vierte Welt Berlin). Schmidt ist Mitglied des Künstlerkollektivs Agentur Kriwomasow, mit dem er innovative Audio- und Theaterformate (u.a. für das Kleist-Festival, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Landesmuseum Hannover) und Projekte für Jugendliche (u.a. Düttmann-Siedlung Kreuzberg) entwickelt.

Andreas Kebelmann ist Radioautor, Regisseur und Produzent. Neben der Arbeit als Theaterregisseur und Hochschuldozent produziert Kebelmann seit 2008 Features und Hörspiele für den SWR, NDR, ORF und den Deutschlandfunk sowie Audioproduktionen für Theater und Museen. Mit dem Autoren- und Produktionskollektiv Agentur Kriwomasow erarbeitet Kebelmann zudem seit über 10 Jahren in enger Zusammenarbeit mit Institutionen und anderen Künstlern Installationen und Inszenierungen an der Schnittstelle von Theater, Film, bildender Kunst und ethnografischer Recherche. 2015 schrieb und produzierte Kebelmann das mit einem Grenzgänger-Stipendium geförderte SWR-Feature „Zwischen Aragatz und Ararat. Eine Reise mit der Autorin Katerina Poladjan nach Armenien“.
Grenzen. Ungarn 1956, 1989, 2016

Am 23.Oktober 2016 wird der 60. Jahrestag des sogenannten ungarischen Volksaufstands von 1956 begangen. Ein Jahr zuvor sind die Hörfunkautoren Robert Schmidt und Andreas Kebelmann im Grenzgebiet von Ungarn und Serbien unterwegs, als sich die letzte Lücke im neuen Grenzzaun schließt. Dabei erinnert sich Robert Schmidt an seinen Vater, der 1956 aus Ungarn geflohen ist. Dessen Aufzeichnungen, die Grenzöffnung Ungarns 1989 und die aktuelle Situation 2016 verdichten sich in ihrem Feature „Grenzen. Ungarn 1956, 1989, 2016“ zu einer Sprach- und Klangerzählung über Grenzen in Europa im 21. Jahrhundert. Zu hören sind die Sprachen der Flüchtlinge und der Ungarn, der Klang der Nächte von Horgoš und Sopron und der Sound des heutigen Ungarn im Zentrum eines zerrissenen Europas.

Produktion: SWR/ORF 2016
Länge: 55 Minuten
Sendetermine:
23.10.2016, 14:05 Uhr, SWR2
26.10.2016, 10:05 Uhr, Ö1

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„Die ganze Nacht habe ich diese Flugblätter geschrieben, damit ich sie am nächsten Morgen überall verteilen konnte, in den Postkästen, in den Hauseingängen, überall, wo ich gerade war und wo man mich nicht dabei gesehen hat. Denn alle hatten Angst und niemand wusste, wie das alles endet.“ (Nándor Schmidt, 1956/2006)                              

Am 23. Oktober 2016 wird der 60. Jahrestag des sogenannten ungarischen Volksaufstands von 1956 begangen. Unter den damaligen Flüchtlingen war auch mein Vater, Nándor Schmidt. Nachdem er Flugblätter gegen das Regime gedruckt und verteilt hatte, musste er mit 17 Jahren plötzlich aus Eger fliehen. An der Grenze zwischen Österreich und Ungarn, bei Sopron, war er damals dem Tod von der Schippe gesprungen: „Der LKW kam immer näher und ich konnte schon seine Scheinwerfer sehen. Wir mussten uns verstecken und ich bin in meiner Panik mitten auf ein dichtes Dornengestrüpp zugerannt. Verzweifelt habe ich versucht, immer wieder dagegen zu springen, habe es aber einfach nicht geschafft und bin dann dort einfach irgendwann kraftlos liegen geblieben.“ (Nándor Schmidt, 1956/2006)

Ich denke an die Flucht meines Vaters, während ich mich im September 2015 an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien aufhalte, als die letzte Lücke im Grenzzaun geschlossen wird: „Im Ort hatte ich vergessen einzukaufen. Jetzt hatte ich nur noch eine kleine Flasche Wasser bei mir und keine Ahnung, wie weit es noch war. Ein einsamer alter Mann begleitet mich ein Stück des Wegs, froh, jemandem zum Erzählen zu haben; ein biederes älteres Ehepaar hält neben uns und bietet uns ihre Schleuserdienste an, zwei junge afghanische Flüchtlinge, die es noch geschafft haben, teilen ihr Essen mit mir. Auf dem Bahnhof von Röszke stehen die letzten Züge mit Flüchtlingen abfahrbereit, Ärzte ohne Grenzen versuchen notdürftig, die miserablen hygienischen Zustände zu verbessern und überall prallen die Menschen an den mit schwarzen Uniformen wie zum Krieg gerüsteten Polizisten und Soldaten des ungarischen Militärs ab.“

Die Festung Europa beginnt sich abzuschotten, der Zaun Victor Orbans unterbricht die sogenannte „Balkanroute“ der Flüchtlinge. 1956 flohen die Menschen aus Ungarn nach Österreich, im August 1989 kamen die ersten DDR-Flüchtlinge über die ungarische Grenze nach Westeuropa, jetzt schließt Ungarn als erstes mitteleuropäisches Land die Grenzen, verschließt sich den Hilfesuchenden und Flüchtlingen mit nationalistischer Rhetorik und einem vier Meter hohen, Stacheldraht besetzten, Grenzzaun mitten in Europa. Was würde mein Vater wohl zu dem heutigen Irrsinn sagen?

Im Frühjahr 2016 fahre ich ins ungarisch-österreichische Grenzgebiet. Hier zwischen Fertörákos und Mörbisch ist mein Vater vor fast 60 Jahren geflohen. Na, was würdest du dazu sagen, Väterchen? Du hast Dich davongemacht, bevor wir uns noch einmal verabreden konnten, dort an der Grenze. Aber du hast deine Erinnerungen für mich aufgeschrieben, deine Gedanken an „dein 56“, wie du es immer genannt hast.

Nur einige wenige Hinweisschilder erinnern noch daran, dass sich hier der berüchtigte Eiserne Vorhang, auf ungarisch Vasfügöny, befunden hat. Im August 1989 fand in der Nähe das als Friedensdemonstration geplante Paneuropäische Picknick statt. Heute ist das dicht bewaldete Gebiet Naturschutzgebiet, auf gut ausgebauten Fahrradwegen durchstreife ich die Gegend. In der Fö Utca, der Hauptstraße von Fertörákos auf der ungarischen Seite der Grenze treffe ich Imre Csapó, einen ehemaligen Grenzsoldaten. Er hat seine Grenzerfahrungen in ein Museum in seinem Garten übertragen, samt Grenzzaun und Todesstreifen. Als ich den Stacheldraht im nachgebauten Zaun berühre, erschrecke ich vor einem ohrenbetäubenden Signalton.

Die Erinnerungen meines Vaters über seine Flucht aus Ungarn 1956, die Bilder der DDR-Flüchtlinge 1989 und meine Erlebnisse an den ungarischen Grenzen 2015 und 2016 verdichten sich in dieser Collage zu einer eindrücklichen sprachlich-klanglichen Erzählung über Grenzen in Europa im 21. Jahrhundert: die Sprachen der Flüchtlinge und der Ungarn, der Klang der Nächte von Horgoš und Fertörákos, der Sound des heutigen Ungarn im Zentrum eines zerrissenen und sich selbst suchenden Europas.

Robert Schmidt und Andreas Kebelmann, Berlin/Budapest 2016