Gespräch im Park

Ausnahmesituation oder Normalfall? Die historische Dimension von Migration und was sie uns lehrt

Die Geschichte der Menschheit ist auch die Geschichte von Migration. Das trifft ganz besonders für Europa zu. Von der sprichwörtlichen Völkerwanderung der Spätantike über verfolgte Glaubensgemeinschaften der frühen Neuzeit bis hin zu Vertriebenen und Umgesiedelten im Kontext der beiden Weltkriege - immer wieder haben Menschen auf dem Kontinent Erfahrungen mit Flucht und Fremdheit machen müssen.

Inwiefern ist die aktuelle Zuwanderung also eine Ausnahmesituation, inwiefern ein Normalfall? Diese Frage erörterte Professor Herfried Münkler beim Gespräch im Park. Die Veranstaltung war der Auftakt zu einer neuen Reihe, die sich dem Thema "Flucht und gesellschaftlicher Zusammenhalt" widmet. Der renommierte deutsche Politikwissenschaftler und Bestsellerautor, der an der Humboldt-Universität Berlin den Lehrstuhl für "Theorie der Politik" innehat, sprach vor 70 Gästen im Bosch Haus Heidehof.

Mit zahlreichen Beispielen aus allen Epochen belegte Münkler: Migration ist ein geschichtlicher Normalfall. Immer wieder folgten dynamische Wanderungsbewegungen auf Perioden der Stagnation. Und doch werden die gegenwärtigen Flüchtlingsströme von den Gesellschaften als Ausnahmesituation wahrgenommen. Sie wirkten sogar geradezu schockierend, so Münkler, "denn sie haben unsere Vorstellung der Steuerbarkeit von Migration zerstört". Aufgeben wolle man diese Vorstellung dennoch nicht: "Man will nicht, weil fast alle Zukunftsvorstellungen der wohlhabenden Gesellschaft daran hängen - und man kann nicht, weil die gesellschaftlichen Funktionsmechanismen eher inflexibel sind und nur schwer auf einen größeren Ansturm von Migranten umgestellt werden können."

"Masterplan Integration"

In seinem Referat erteilte Münkler auch konkrete Ratschläge für einen "Masterplan Integration", die der Diskussion mit den Gästen interessante Impulse gaben. Anknüpfungspunkte für Fragen waren unter anderem diejenigen Empfehlungen, die auf eine Änderung der Einstellung zu Flüchtlingen in bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen zielten. Der Politikwissenschaftler verwies deutlich auf den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Zuwanderung, räumte aber zugleich ein, dass Menschen am unteren Rand der Gesellschaft Migranten oft als Bedrohung empfinden. Er riet, in der Flüchtlingsdebatte mehr auf die Effekte von Maßnahmen zu achten und die positiven Wirkungen noch deutlicher herauszustreichen. Dies sei besser, als diffusen Ängsten zu folgen, die das Problem nur vergrößerten. Denn: "Vorerst müssen unsere Gesellschaften sich auf eine anhaltende Migration einstellen und Strategien entwickeln, um daraus das Beste zu machen." Ein Blick in die Geschichte könne dabei durchaus helfen.

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Fotos: Björn Hänssler 
Vor der Veranstaltung auf der Terrasse des Bosch Hauses Heidehof: Wolfgang Malchow von der Robert Bosch Industrietreuhand, Wolfgang Chur, Mitglied des Kuratoriums der Robert Bosch Stiftung, und Adolf Ahnefeld.