Grenzgänger

Khalid El Kaoutit und Elisabeth Lehmann

Khalid El Kaoutit, geboren 1975 in Tetouan in Marokko, hat VWL in Köln studiert und anschließend bei der Deutschen Welle volontiert. Er arbeitet als freier Journalist in Berlin u.a. für die Deutsche Welle, taz und Zeit Online.

Elisabeth Lehmann, geboren 1984 in Halle/Saale, hat Russisch, Polnisch und Journalistik studiert und den Großteil ihrer journalistischen Laufbahn in Osteuropa verbracht.

Die vergangenen zwei Jahre haben die Autoren gemeinsam in Kairo gelebt und über Ägypten sowie die Länder der Region berichtet.
"Weißt Du noch, damals auf dem Tahrir... - Die Jugend in Ägypten, Tunesien und Marokko 5 Jahre nach der Revolution"

Regie: Elisabeth Lehmann
Ton: Bernd Bechthold/Venke Decker
Redaktion: Bernard Senn
Länge: 56 Minuten
Erstausstrahlung: 8.4.2016, 20 Uhr, SRF 2 Kultur

"Wir haben so viel Blut und Leid gesehen - wir sind alle irgendwie traumatisiert." Es ist Rafiqs 32. Geburtstag. Eigentlich ein freudiger Tag. Doch auch an diesem Abend kommt das Gespräch irgendwann wieder auf das Thema Revolution. Sie alle hier in der Runde waren 2011 auf dem Tahrir-Platz. Sie gehören zur sogenannten "Revolutionsjugend", arabisch "Shabab at-thaura", eine Gruppe säkularer junger Menschen, die die Proteste auf dem Tahrir-Platz maßgeblich vorangetrieben haben. Abseits von Parteien, gelenkt allein durch ihren Traum von einer Zukunft in Freiheit und Würde. "Wahnsinn, wie naiv wir damals waren. Wir dachten, wenn Mubarak geht, wird alles besser. Aber das ist Geschichte." Die Freunde klingen wie Veteranen, die von einem längst vergangenen Krieg erzählen. Dabei sind gerade einmal fünf Jahre vergangen, seit die arabischen Staaten in Flammen aufgingen.

Auslöser war ein junger Gemüsehändler aus dem bis dahin unbedeutenden Ort Sidi Bouzid in Zentral-Tunesien. Er hat sich am 17. Dezember 2010 selbst verbrannt, weil er keine Genehmigung für seinen Stand bekommen hat. Auslöser für eine Welle des Protests, die nicht nur bis in die Hauptstadt Tunis schwappte, sondern die ganze Region überschwemmte. Auch Marokko. Dort hat der König ziemlich schnell beschlossen, dass er dem Schicksal seiner Diktatorenkollegen, nämlich dem Sturz durch das Volk, entgehen möchte. Er machte Zugeständnisse. Anfangs sah es so aus, als sei Marokko auf einem guten Weg. Doch fragt man die Revolutionäre von einst, wie die Situation heute ist, so winken die meisten nur ab.

Hörprobe

Blogger und Ikone der Revolutionsjugend Alaa Abdel Fattah hinter Gittern im Tora-Gefängnis.
Seit der Revolution wird der Tahrir-Platz in Kairo streng bewacht und abgeschirmt.
Tora ist Hochsicherheitsgefängnis und Gerichtssaal in einem.
Denkmal vor Stadtverwaltung von Sidi Bouzid.
"Theater der Erniedrigten" mit Regisseur Hosni Al Mokhlis (links).
Unsere Recherche erstreckte sich über drei Länder: Ägypten, Tunesien und Marokko. Da wir zwei Jahre in Ägypten gelebt haben, hatten wir dort bereits viele Kontakte und konnten im September 2015 in Kairo mit unseren Aufnahmen anfangen.

Unsere Protagonisten hängen alle mehr oder weniger zusammen. Daher war unsere nächste Station im Oktober Tunesien, wo wir Freunde der Hauptprotagonisten aus Kairo getroffen haben. Wir haben die Zeit in Tunesien aber auch genutzt, um einmal quer durch das Land zu fahren und die wichtigsten Schauplätze der Revolution zu besuchen. Wir wollten sehen, wo vor fünf Jahren alles begonnen hat, nämlich in Zentral-Tunesien, in der Stadt Sidi Bouzid. Wir wollten aber auch einen Eindruck bekommen, wie sich das Land - abseits der großen Städte - verändert hat. Und in der Tat waren die meisten Tunesier viel optimistischer und unbeschwerter als unsere Interviewpartner in Ägypten.

Mit diesem Eindruck haben wir Tunesien Ende Oktober verlassen und sind weiter nach Marokko gereist, dem Land, das von der Revolution wohl am wenigsten betroffen war, aber eine der aktivsten Jugend-Protest-Bewegungen der Region hatte. Wir haben die Akteure von damals getroffen und geschaut, was sie heute machen. Viele haben sich für neue Formen des Protests entschieden, die marokkanische Jugend hat für sich also eine Art Sonderweg gefunden.