Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Julia Gerlach:

Julia Gerlach, 1969 in Bremerhaven geboren, hat sieben Jahre lang als Korrespondentin aus Kairo über die arabische Welt berichtet. Seit 2015 lebt sie wieder in Berlin. Dort studierte sie auch Politik- und Islamwissenschaften und besuchte die Berliner Journalistenschule. Sie arbeitete für das ZDF in Kairo und bis 2008 als Redakteurin und Autorin für das heute Journal. 2006 erschien "Zwischen Pop und Dschihad - Junge Muslime in Deutschland" bei CH. Links in Berlin. 2011 "Wir wollen Freiheit - Der Aufstand der Arabischen Jugend" bei Herder, Freiburg und 2016 - gefördert durch das Grenzgänger-Stipendium - "Der Verpasste Frühling - Woran die Arabellion gescheitert ist" bei CH. Links in Berlin.
"Der verpasste Frühling - Woran die Arabellion gescheitert ist"

2011 schien in der arabischen Welt eine neue, demokratische Zeit anzubrechen. Der ägyptische Aufstand gegen Mubarak war dafür ein besonders starkes Signal. Heute sitzen viele der damaligen Aktivist*innen im Gefängnis, alte und neue Diktatoren sind an der Macht, Millionen Menschen fliehen vor Bürgerkrieg, Hoffnungslosigkeit und den Mördern des sogenannten Islamischen Staates. Die arabische Welt befindet sich in einer tiefen Krise, die zu einer europäischen zu werden droht: Hunderttausende Flüchtlinge, blutige Terroranschläge, diplomatische Hilflosigkeit.

Julia Gerlach hat über Jahre hinweg die gesellschaftliche Entwicklung Ägyptens begleitet. Durch die Porträtierung von Aktivist*innen der Revolution, Politiker*innen und ganz normalen Menschen gelingt ihr eine ebenso persönliche wie informative Beschreibung der Ereignisse, die zum Scheitern der hoffnungsvollen Anfänge führten. Ein spannender, differenzierter Einblick in die jüngste arabische Geschichte, die uns mehr denn je betrifft.

Der Verpasste Frühling - Woran die Arabellion gescheitert ist
CH Links, 2016 ISBN: 978-3-86253-868-4

Bildergalerie

Es ist eines der berühmtesten Graffitis des Arabischen Frühlings: Omar Fathy malte 2011 das erste Mal die ineinanderverlaufenden Gesichter von Hosni Mubarak und dem neuen Herrscher Ägyptens Mohammed Hussein Tahtawi. In der Folge hat er es dann immer wieder aktualisiert, um vor der Rückkehr der alten Garden zu warnen. Heute arbeitet Omar Fathy als Dekorateur und spricht lieber nicht mehr über Politik: "Ich habe eine Familie, da kann ich mir das nicht leisten", sagt er.
Flüchtlingsboote vor dem Hafen von Teboulba, Tunesien. Oft stoßen die Fischer auf Boote voller Flüchtlinge, die aus Libyen gestartet sind und auf ihrer Fahrt nach Europa in Seenot geraten. Natürlich helfen die Fischer, doch die Flüchtlinge sind ihnen nicht immer dankbar, wenn sie mit ihren Booten nach Tunesien geschleppt werden.
Während des Aufstands 2011 spielte die Bloggerin Lina Ben Mhenni eine wichtige Rolle und war dafür für den Friedensnobelpreis im Gespräch. Wenn heute Tunesien als einziges Land der Region gelobt wird, in dem der Arabische Frühling Früchte getragen hat, sieht sie dies mit gemischten Gefühlen: Um das Erreichte nicht zu gefährden, hätten viele aufgehört, die Regierung zu kritisieren. Genau das sei aber nötig, um Tunesien tatsächlich in Richtung Demokratie zu führen.

Tunesien/Ägypten, Juli - Oktober 2015

Ausgangspunkt und Grundlage des "verpassten Frühlings" sind Serien von Interviews, die die Autorin seit 2011 geführt hat. Aktivisten der Revolution, Politiker, Islamisten und ganz normale Menschen hat sie durch die turbulenten Zeiten begleitet und um ihre Einschätzung gebeten. Mithilfe des Grenzgänger-Stipendiums wurde die Schlussphase dieses Projektes unterstützt, in der alle Interviewpartner noch einmal aufgesucht und befragt wurden. Es war nicht möglich, wirklich alle zu treffen, da nicht wenige im Gefängnis sitzen, ihre Heimatländer verlassen oder sich ins Privatleben zurückgezogen haben und aus Angst vor Repression nichts mehr sagen wollen.

Dies zeigte sich vor allem bei der Reise nach Ägypten im Oktober 2015. Deutlich verschlechtert hatte sich dort die Stimmung. Während im Sommer viele der Aktivisten noch die Hoffnung hatten, dass sie durch Projekte im sozialen oder Bildungsbereich doch noch zur Demokratisierung beitragen und eine Veränderung von unten anstoßen könnten, sahen sie sich im Herbst auf die hintersten Zuschauerränge abgedrängt. "Die Situation lässt sich mit einer Zirkusvorstellung vergleichen", beschrieb die Aktivistin Esraa Abdelfattah ihre Lage: "In der Manege vollführen die Clowns - also die Regierung und die ihr ergebenen Journalisten - ihre billigen Tricks und die Bevölkerung schaut fasziniert zu. Von uns Aktivisten wollen sie nichts mehr wissen. Sie glauben der Propaganda der Regierung, dass wir Schuld sind an der schlechten Wirtschaftslage, an Terror und Bürgerkrieg in der Region". Allerdings sei sie davon überzeugt, dass die Menschen irgendwann genug haben werden von dem Unterhaltungs- und Ablenkungsprogramm der Regierung. "Dann werden sie sich daran erinnern, dass sie einmal Hoffnung auf Freiheit und Demokratie hatten und die Köpfe nach uns umdrehen", sagt sie. Schon jetzt seien erste Kopfbewegungen zu beobachten. Was sie aber davon abhalte, sich umzudrehen, sei, dass sie, immer wenn sie nach rechts oder links schauen, Libyen oder Syrien entdeckten und vor lauter Schreck über die grauenvollen Kämpfe dort doch wieder schnell auf die Clowns blicken.

Die Reise fand während des Wahlkampfes zur Parlamentswahl statt; auch dies ein eher ernüchternderes und frustrierendes Ereignis. Viele Wähler hatten das Gefühl, dass sie keine wirkliche Wahl haben, da fast ausschließlich Parteigänger der Regierung antraten, die versuchten, sich gegenseitig in ihren Treuebezeugungen zu Präsident Abdelfattah al-Sisi zu übertreffen.

Auch die andere Recherchereise, die durch das Stipendium ermöglicht wurde, führte in ein Land, in dem viele frustriert und mit Sorgen in die Zukunft schauen. Tunesien im Sommer 2015 war gezeichnet vom Schock über den blutigen Anschlag auf Touristen in Sousse. Viele der interviewten Aktivisten des Aufstands von 2011 machten sich nicht nur Sorgen darüber, dass ihr Land Opfer weiterer Anschläge werden könne: "Unser größtes Problem ist, dass die Menschen Angst haben, die Regierung zu kritisieren" fasst es Lina Ben Mhenni zusammen. So erließ die Regierung Anti-Terrorgesetze, die Grundfreiheiten beschnitten und den Sicherheitskräften weitgehende Rechte gaben. Zu anderen Zeiten hätte dies zu wütenden Protesten geführt, so Ben Mhenni. Nun allerdings hielten die Menschen still, da sie Angst hätten, die Regierung zu stürzen und Tunesien damit womöglich noch angreifbarer zu machen.

Besonders eindrücklich war auch das Gespräch mit Raschid al-Ghannouchi, dem Führer und Gründer der islamistischen al-Nahda-Bewegung, der Strategien und Erfolg seiner Partei erklärte.