Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Jan Böttcher:

Jan Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren, war zunächst als Songtexter und Sänger auf diversen CDs mit der Berliner Band Herr Nilsson zu hören. Seit 2003 hat er vier Romane veröffentlicht. Mit "Nachglühen" gewann er 2008 den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, sein Roman "Das Lied vom Tun und Lassen" stand 2011 an der Spitze der SWR-Bestenliste. "Y" ist sein fünfter Roman. Jan Böttcher lebt mit Familie in Berlin.
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Auf einer Hamburger Party finden Jakob Schütte und seine Jugendliebe Arjeta Neziri endlich zusammen, da bricht in Arjetas Geburtsland der Krieg aus. Und als sich die Lage auf dem Balkan beruhigt, wird in Arjetas Vater ein alter Traum lebendig: Er will in die Heimat zurück, um im allgemeinen Bauboom ein Hotel zu errichten. Seine Tochter muss mit nach Prishtina. Nur lässt sich Jakob Schütte davon nicht beeindrucken - er fliegt Arjeta hinterher.

Jahre später sind die beiden längst kein Paar mehr. Jakob lebt in Berlin, Arjeta ist im Kosovo geblieben. Er produziert Computerspiele und will ausgerechnet aus dem blutigen Kosovokrieg Kapital schlagen. Sie kämpft als politische Künstlerin für eine bessere Zukunft ihres Landes. Ihr gemeinsamer Sohn aber findet nirgendwo Halt - und macht sich selbst auf die Reise.

Ein europäischer Roman, der drängende Fragen unserer Zeit neu stellt: Wie frei können wir sein, ohne die eigene Herkunft zu verleumden? Wie viel Verantwortung übernehmen wir im Leben - füreinander, für unsere Kinder, für die Gesellschaft? Und was macht uns eigentlich zu guten Eltern? "Das Y war der einfachste aller Bäume, aller Stammbäume auch. Lasst uns die Stammbäume neu beschriften, dachte ich und legte meinem Sohn eine Hand auf die Schulter."

"Ein Roman, der grenzübergreifend relevant sein wird."
Sasa Stanišić

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Aufbau Verlag 2016, ISBN: 978-3351036409
Kosovo, 2013-2014

Nach vier Romanen, die fast vollständig auf bundesdeutschem oder ehemals ost- und westdeutschem Boden spielten, habe ich mich in "Y" der europäischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gewidmet. Die Bundesrepublik Deutschland als Kernland des EU-Bündnisses und das Kosovo als jüngste Demokratie Europas, die gerade erst die EU-Beitrittsgespräche begann - das waren die Pole, zwischen denen ich mich aufhielt. Womit identifiziert sich der Mensch hier wie dort, was erhofft er sich von der Zukunft, welche Mentalität liegt seinen Wünschen zugrunde?

Ich war 2010 zu einem Literaturfestival nach Prishtina eingeladen, hatte dort flüchtige Freundschaft mit Schriftstellern und Kulturinteressierten geschlossen. In Prishtina erlebte ich damals einen Starkregen, den die Kanalisation kaum bewältigen konnte und stieß beinahe zwangsläufig auf die Problematik der „illegalen Architektur“, die aus Prishtina nach dem Krieg 1999 einen dysfunktionalen Stadtraum gemacht hat. In einer Zeit ohne Gesetze und Genehmigungen hatte, so schien es, die halbe Bevölkerung gebaut, was sie konnte und wollte. Öffentlichen Raum gab es nicht, keine Park- oder Spielplätze, dafür wurden Strom-, Telefon- und eben Kanalisationsnetze durch immer höheres Bauen überfordert.

Neben dem grundsätzlichen oralen Interesse für Migrationsverläufe zwischen Kosovo und Deutschland und vertiefender Recherche zur Stadtplanung hatte ich natürlich Grundsätzliches im Sinn. Ich erfuhr vom Alltag im Kosovo - ich sah die saubersten Wohnungen meines Lebens, hörte von Tränengas im Parlament. Ich erfuhr vom alten und neuen Rollenverständnis der Geschlechter und davon, dass Traumatisierung und Heldenverehrung keine widersprüchlichen Folgen des Krieges sind. Innerhalb des Romans spielte in den Planungen bereits ein Computerspielentwickler eine Rolle, der ein Kosovo-Kriegsspiel über Waffenschmuggler schreibt. Hierfür bereiste ich auch das Bergland zwischen Albanien und Kosovo.