Aktuelles
Aktuelle Themen 2015

Städte verändern durch Kultur

Wie kann ein toter Platz wieder zu Leben erweckt werden? Wie baut man eine Infrastruktur für Fahrradfahrer auf? Wie schafft man es, dass sich neu hinzugezogene Bürger als Teil ihrer Stadt empfinden?

Wie die Antworten auf solche Fragen aussehen können, zeigten am 11. Mai in Berlin Vertreter lokaler Initiativen aus zehn Ländern. 18 Monate hatte das Programm Actors of Urban Change der Robert Bosch Stiftung und des Vereins MitOst sie dabei unterstützt, ihren Traum umzusetzen: eine Stadt oder einen Stadtteil nachhaltig durch kulturelle Aktivitäten zu entwickeln.

"Das erfordert Mut", sagt Maja Pflüger, Gruppenleiterin Kultur und Bildung bei der Robert Bosch Stiftung, die die Abschlussveranstaltung eröffnete. "Die Teilnehmer haben sich auf ein Experiment mit offenem Ausgang eingelassen."

Mit unterschiedlichen Ideen zum Ziel

Die Ziele und Wege der Projekte konnten kaum unterschiedlicher sein. So brachte eine Initiative aus Athen Bürger, Politiker, Unternehmer und Künstler zusammen, um den Varvakeios-Platz neu zu gestalten, der nach einem radikalen Umbau vor zehn Jahren verödete und sich zum Sammelpunkt von Drogenabhängigen entwickelte. Die "BikeKitchen" in Bratislava schaffte mit einer Fahrradwerkstatt, Leihrädern und einer dazugehörigen App erste Ansätze dafür, die slowakische Hauptstadt fahrradfreundlicher zu gestalten. Und im georgischen Zugdidi wurde ein "Open House" mit Gesprächsrunden, Fußballturnieren und Kinoabenden zum Ort, an dem Flüchtlinge aus der Nachbarregion Abchasien erstmals die Chance erhielten, am sozialen Leben teilzunehmen.

Gemeinsam war allen Initiativen, dass Kreative, Stadtverwaltungen und Vertreter aus dem privaten Sektor gemeinsam Lösungen erarbeiteten. "Das ist es, was diese Projekte so wichtig macht", sagt Charles Landry, Stadtforscher und weltweit Berater für Stadtentwicklung, der die Festrede auf der Abschlussveranstaltung hielt: "Statt Fachleuten, die eine Stadt so umbauen, wie sie es für richtig halten, kommen hier Menschen zusammen, für die kulturelle Aspekte genauso wichtig sind wie ökonomische." Dies sei ein moderner Ansatz, aber auch ein herausfordernder: "Man kann nicht vorhersehen, welche Gefühle und Reaktionen zu Tage kommen."

Hürden überwinden lernen

Die Erfahrungen der Teilnehmer bestätigten diese These. "Unsere Vorstellungen waren am Anfang etwas abgehoben", sagt Paulina Paga, die im polnischen Lublin den Zusammenhalt in einer vernachlässigten Sozialsiedlung am Stadtrand wieder beleben wollte. Denn niemand aus dem Projekt hatte vor dem Start Kontakt zu den 4.500 Anwohnern aufgenommen. "Die ersten Reaktionen waren darum sehr negativ", sagt Paga: "Wir mussten erst lernen, eine neutrale Position einzunehmen und zuzuhören." Andere Teams übten sich vor allem im zunächst ungewohnten Umgang mit der Stadtverwaltung und alle stellten sich der Herausforderung, aus den Vorstellungen aller Team-Mitglieder ein gemeinsames Ziel zu formen.

Wie kann man Anwohner einbinden, wie bekommt man verschiedene Gruppen an einen Tisch, wie redet man mit Behörden – das zu vermitteln, war Inhalt des Actors of Urban Change-Programms. Regelmäßig trafen sich die verschiedenen Gruppen zu Akademie-Veranstaltungen in verschiedenen Städten. Dort tauschten sich die Teilnehmer aus über ihre konkreten Erfahrungen mit Herausforderungen wie z.B. der Organisation von Führungen oder Treffpunkt-Cafés und sie gaben erprobte Techniken und Methoden, beispielsweise kollektives Mind-Mapping, untereinander weiter. Für viele Teilnehmer war dieser Austausch mit den Mitstreitern der wichtigste Teil des Programms, sagt Kotryna Valiukevičiūtė aus Kaunas in Litauen: "Das hat unser Selbstvertrauen enorm gestärkt. Denn wenn man sah, was die anderen machen oder mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben, fühlte man: wir sind nicht allein."

Bildergalerie

Actors_Teaser_Galerie.jpg

Audio

Stadtforscher Charles Landry über das Spannungsfeld zwischen kulturellem Erbe und Kreativität (Ausschnitt).