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Übersetzerkunst in der Sprechblase

Schüler erhalten Einblicke in den Beruf des Comicübersetzers - "Passeurs d’histoires" in Stuttgart

Für Comicsprache begeistern - dieses Unterrichtsziel verfolgen die Übersetzer Horst Berner und Elisabeth Willenz mit einem Besuch in der Stuttgarter Louis Leitz Schule. Gleich morgens in der ersten Stunde geben sie Einblicke in ihre Arbeit als Comicübersetzer und beantworten die Fragen der Schüler. Anlass für diese Änderung des Stundenplans bietet die einwöchige deutsch-französische Übersetzerwerkstatt "Passeurs d’histoires", organisiert vom Institut Français Stuttgart. Welche Hürden und Herausforderungen sind zu bewältigen, wenn Comics vom Deutschen ins Französische oder umgekehrt vom Französischen ins Deutsche übertragen werden?

"Bei Comics ist der Text eine Brücke zwischen den Bildern", erklärt die Pariserin Willenz das Prinzip guter Übersetzung. "Der Übersetzer soll unsichtbar sein. Am Ende muss die Sprache so sein, als wäre es das Original." Das bedeutet, dass alle Feinheiten in einen anderen sprachlichen und kulturellen Kontext übertragen werden müssen. Computer- und Softwareprogramm können das nicht leisten. Sie unterstützen Übersetzer bei ihrer Arbeit, für die Feinjustierungen bleiben menschliche Übersetzer aber unverzichtbar. Besonders deutlich wird das anhand von Redewendungen. Der deutsche Ausspruch "Vergiss es!" wird im Französischen zu "Lass es fallen!". Wörtern wie Sehnsucht oder Heimat fehlt eine französische Entsprechung gänzlich. Umso wichtiger werden in solchen Fällen Übersetzer, die im wahrsten Sinne des Wortes zu "Passeurs" (übersetzt: Fährleute) von Geschichten, Sprache und Kultur werden.

Eine permanente Herausforderung für Comicübersetzer ist der Platzmangel. "Das, was der Zeichner macht, ist für uns die Vorgabe", so Berner, der sich nicht nur als Übersetzer, sondern auch als ausgebildeter Schriftsetzer mit Druckverfahren und Schriften auskennt. "Der deutsche Text ist in der Regel länger, muss jedoch in dieselben Sprechblasen und Textfelder hineinpassen." Dass auch der umgekehrte Fall eintreten kann, beweist der Film "Der Pferdeflüsterer". So lautet dessen französische Übersetzung "l'homme qui murmurait à l'oreille des chevaux". 

Anders als in Deutschland besteht in Frankreich schon lange eine lebendige Comic-Kultur. Pro Jahr erscheinen rund 6.000 neue Comics bzw. "bandes dessinées". Gelesen werden sie nicht nur von Kindern und Jugendlichen. Für jedes Alter und jedes Interesse gibt es eigene Subgenres: Krimi, Komödie, Science Fiction, Musik oder Biografie. Die große Beliebtheit von Comics ist laut Willenz und Berner darauf zurückzuführen, dass Frankreich eine visuelle Kultur sei. Deutschland hingegen sei durch die großen klassischen Komponisten wie Bach, Beethoven und Schumann eher auditiv geprägt.

Insgesamt besuchten Übersetzerteams im Raum Stuttgart drei Schulen und den Fachbereich Romanistik der Universität Stuttgart. Die Besuche gehörten zur einwöchigen Übersetzerwerkstatt "Passeurs d’histoires", die in diesem Jahr zum zweiten Mal von der DVA-Stiftung, einer unselbstständigen Stiftung unter dem Dach der Robert Bosch Stiftung, gefördert wurde. Ausrichter war das Institut Français in Stuttgart. Im Rahmen des Seminars hatten acht Übersetzerinnen und Übersetzer die Möglichkeit, gemeinsam an konkreten Texten zu arbeiten und sich mit Kollegen zu spezifischen Fragen des Genres auszutauschen. Im jährlichen Wechsel beschäftigt sich die Übersetzerwerkstatt entweder mit Kinder- und Jugendliteratur oder mit Comics und Graphic Novels.

(Carolina Zishiri, Dezember 2015)