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Aktuelle Themen 2015

Neue Chancen für neue Talente

50 Jugendliche erhalten Unterstützung auf dem Weg zum Abitur

Hände schütteln, Urkunde empfangen, weitergehen. So einfach und doch so bedeutend verlief für 50 Jugendliche die Aufnahme in das Stipendienprogramm "Talent im Land". Florentin kann kaum glauben, dass er dazugehört: "Dieses Blatt Papier bedeutet so viel für mich. Es eröffnet mir neue Chancen, die ich sonst nicht gehabt hätte. Und diese Chancen will ich jetzt nutzen!". Mit dem Stipendium unterstützen Robert Bosch Stiftung und Baden-Württemberg Stiftung begabte Jugendliche wie Florentin, deren Lebensverhältnisse die Chancen auf gute Bildung erschweren.

Auch 2015 ist die Gruppe der jungen Talente ein Melting Pot unterschiedlicher Begabungen und Kulturen. Das spiegelt sich im Programm des Abends wider: Mathangi begeistert die Gäste mit einer tamilischen Tanzeinlage, die so professionell wie in einem Bollywood-Streifen wirkt. Gleiches gilt für Marie, die mit einer pantomimischen Clownerie die Lacher auf ihrer Seite hat.

In ihrer Begrüßungsrede schlägt die baden-württembergische Ministerin Silke Krebs einen Bogen zur aktuellen Flüchtlingsdebatte und sagt, dass "Talent im Land" für sie ein Beispiel für funktionierende Integration sei.

Lernen Sie vier der neuen Stipendiaten kennen:
Richard beeindruckte die Auswahljury mit seiner Bewerbung zutiefst: Nachdem seine Großmutter, bei der er in Ghana aufwuchs, verstorben war, kam er 2013 als 16-Jähriger nach Filderstadt. Erst hier lernte er seine Mutter, die nach Deutschland gegangen war, als er noch klein war, und seine jüngeren Halbschwestern kennen. Innerhalb kürzester Zeit hat Richard Deutsch gelernt und seinen Haupt- und Realschulabschluss mit sehr guten Noten abgelegt - und das alles, obwohl er in Ghana aus Kostengründen keine richtige Schule besucht hat. Inzwischen geht er in die 11. Klasse eines Gymnasiums in Stuttgart, wo vor allem Englisch und Mathe zu seinen Lieblingsfächern zählen. Wie viele andere Jungs in seinem Alter interessiert er sich für Computer und liebt es, Fußball zu spielen. Für seine Zukunft hat Richard bereits große Pläne: Er möchte nach seinem Abitur Maschinenbau studieren, um ausreichend Geld zu verdienen und einen Teil davon nach Ghana schicken zu können. So will er den Kindern dort die Möglichkeit geben, eine Schule zu besuchen.
Die 16-jährige Ivona lebt erst seit 2014 zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Ulm, nachdem ihr Heimatdorf in Kroatien durch eine Flutkatastrophe größtenteils zerstört wurde - wenige Wochen vor ihrem Schulabschluss und dem bevorstehenden Wechsel auf ein Gymnasium. Deutsch hatte sie sich selbst als Kind vor dem Fernseher beigebracht, was ihr in Kroatien im Fremdsprachenunterricht ab der 4. Klasse einen Vorteil gegenüber den Klassenkameraden einbrachte. So fiel der exzellenten Schülerin in Deutschland der direkte Einstieg in die 9. Klasse des Gymnasiums vergleichsweise leicht, trotz der großen kulturellen und sprachlichen Umstellung. In Kroatien tanzte Ivona in einer Volkstanzgruppe und spielte Klavier im Kirchenchor. Nachdem sie in Deutschland inzwischen auch in ihrem Alltag angekommen ist, möchte sie gerne Volleyball spielen und ihre stimmlichen und schauspielerischen Talente entfalten. Ivona hat einen großen Ehrgeiz und liebt das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Auch deshalb möchte sie nach ihrem Abitur studieren.
Kiril kam als Zweijähriger 2001 mit seiner Mutter aus Lettland nach Deutschland. Hier wohnen sie zusammen mit dem Lebensgefährten der Mutter in Heddesheim. Der 16-jährige Kiril besucht die Kursstufe 1 eines Gymnasiums in Mannheim und interessiert sich sehr für Sprachen und Geisteswissenschaften. Neben Englisch, Französisch und Spanisch fasziniert ihn die chinesische Sprache, weshalb er in seiner Schule eine Chinesisch-AG besucht. Und auch Geschichte und Ethik sind Fächer, die Kiril begeistern. Diese Interessen versucht er zu vereinen, indem er Nachrichten in verschiedenen Sprachen anschaut und Geschichtsbücher und Zeitschriften über Weltpolitik liest. Im Oktober nahm er deshalb auch bei der TiL-Veranstaltung mit der Ministerin im baden-württembergischen Staatsministerium Silke Krebs teil, die mit Stipendiaten eine angeregte Diskussion über Bildung und Flüchtlinge führte. Seit 13 Jahren besucht Kiril außerdem die "Internationale Kulturschule Rhein-Neckar". Hier lernt er die russische Sprache, Geschichte, Geographie und Literatur kennen, übt Theaterstücke ein, hilft außerdem Grundschulkindern bei den Hausaufgaben und ist immer wieder als Moderator bei Veranstaltungen tätig. Eine weitere Leidenschaft von Kiril ist American Football. Bereits seit sechs Jahren spielt er bei den "Rhein-Neckar-Bandits" in der U17- und U19-Mannschaft und hat es letztes Jahr als einer der Jüngsten in die U17-Auswahl in Baden-Württemberg geschafft.
Kurz vor dem Abitur steigen die schulischen Anforderungen in aller Regel deutlich. Umso beeindruckender, wie viel Zeit sich die 17-jährige Marie aus Nürtingen neben der Schule noch für ihre Hobbys und ihr Engagement nimmt: Sie spielt Theater und singt in einem Chor, im Schulzirkus ist sie der Clown, tanzt außerdem gerne und besucht die Jugendkunstschule in Nürtingen, seitdem sie zehn Jahre alt ist. Neben der Betreuung ihres pflegebedürftigen Großvaters, mit dem sie - zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder - in einem Haushalt lebt, macht sie sich für die sozialen Projekte "Be a Slip-power - wir sagen Stopp gegen weibliche Genitalverstümmlung" und das Projekt "WirMachtSchule" stark. Darüber hinaus engagiert sie sich für Flüchtlinge, indem sie ihnen die deutsche Sprache beibringt. Zusätzlich ist sie Schülersprecherin im Leitungsteam der SMV der Rudolf-Steiner-Schule in Nürtingen. Marie beschreibt sich selbst als "kreativer und verträumter Mensch", was nicht nur ihr soziales Engagement und ihre Freizeitgestaltung zeigen. Auch ihre Zukunftspläne sind vielsagend: Nach der Schule möchte sie eine Ausbildung zum Klinikclown machen, da „Humor die beste Medizin ist“. Auch eine Tätigkeit in der Entwicklungshilfe kann sie sich vorstellen: "Mein Wunsch ist es, für die Erde ein Geschenk zu sein und mich nicht nur beschenken zu lassen".