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Gute Nachbarn oder Rivalen? China und Indien am Scheideweg

In China und Indien lebt über ein Drittel der Weltbevölkerung. "Die Geopolitik dieser Länder, aber auch ihre ökonomischen Entwicklungen und der Ressourcenhunger prägen unsere Zeit. China und Indien sind nicht nur Nachbarn, sondern auch Konkurrenten“, sagte Christian Hänel, Leiter des Programmbereichs "Völkerverständigung Amerika und Asien" der Robert Bosch Stiftung.  In der Berliner Repräsentanz der Stiftung eröffnete er die Veranstaltung "China – India relations under Xi and Modi: Paradigm Shift or Business as Usual?".

Von außen betrachtet könnte man denken, dass China und Indien normale Beziehungen miteinander führen: Beide investieren in die Wirtschaft des anderen und kooperieren eng im Energiesektor. Multilateral haben sie die "New Development Bank", die sogenannte BRICS-Bank, mitgegründet und auch bei den Vereinten Nationen arbeiten sie regelmäßig zusammen. Wer genauer hinsieht, so die Moderatorin und Spiegel-Journalistin Susanne Koelbl, erkennt jedoch deutliche Risse und Gegensätze im Verhältnis beider Länder. Besonders offensichtlich sind laut Koelbl die vollkommen unterschiedlichen politischen Systeme: "Indien ist stolz auf seine chaotische, aber trotzdem funktionierende Demokratie, Chinas politisches System ist dagegen eine Blackbox."

Außenpolitische Charme-Offensive Indiens

Ein besonders heikler Punkt ist das Verhältnis zu Pakistan. Traditionell pflegt China gute Beziehungen zu Indiens historischem Rivalen. Chinesische Firmen bauen und investieren in Infrastrukturprojekte wie den Hafen von Gwadar, aber auch im pakistanischen Teil der umstrittenen Region Kaschmir. Zudem gab es 1962 einen Grenzkrieg zwischen Indien und China, bei dem über 2.000 indische Soldaten starben und den China gewann. "Viele normale Bürger verurteilen die Unterstützung Pakistans und halten China generell für aggressiv", fasst Kabir Taneja die Stimmung in der indischen Bevölkerung zusammen. Der Journalist und Wissenschaftler aus Delhi forscht zurzeit am Fridtjof Nansen Institute in Oslo. Jedoch setze die indische Regierung unter Premier Narendra Modi alles daran, um China als Handelspartner und Nachbarn mit der längsten Landesgrenze positiv darzustellen, sagt Taneja. Indiens Premier bemüht sich öffentlichkeitswirksam um die andere Seite: Seine Botschaften schickt er auch über den chinesischen Mitteilungsdienst Weibo. "Ist China also ein Vorbild für Modi und pflegt er ein besonderes Verhältnis zur chinesischen Führung?", wollte die Moderatorin vom indischen Experten wissen. "Nein", antwortete der. Modi habe sich zwar bereits als Ministerpräsident des Bundestaates Gujarat von der chinesischen Wirtschaftspolitik inspirieren lassen. "Als Vorbild können aber weder der chinesische Staat an sich, noch die chinesische Führung im Besonderen gelten." Generell sei Modi anderen Staatslenkern zugewandt, dies gehöre zu seiner außenpolitischen Charme-Offensive.

Und wie beurteilt man das Verhältnis der beiden Staaten in China? Wang Chengzhi, Historiker und Dozent an der Shanghaier Akademie für Sozialwissenschaften, bleibt gelassen: "China ist ein großes Land, das auch mit anderen Nachbarn Grenzstreitigkeiten hat". Dies läge in der Natur der Sache und sei nicht zentraler Fokus der chinesischen Außenpolitik. Bereits in den 1980er Jahren habe Deng Xiaoping dem Nachbarn gemeinsame Erkundungen in den umstrittenen Territorien vorgeschlagen, etwa um gemeinsam Rohstoffe zu fördern und so eine Win-Win-Situation für alle herzustellen. Dies, so Wang, belege die Bereitschaft der Chinesen zu Kompromissen mit seinen Anrainern. Im Übrigen könne China zukünftig auch als Vermittler zwischen Indien und Pakistan auftreten.

"China sagt, man wolle nichts Böses, doch die Taten sprechen dagegen."

Das Streben nach Hegemonie, das zeige eindrücklich die Geschichte, führe zu Widerstand anderer Staaten und zu verheerenden Konflikten. "Ich denke nicht, dass China diesen Weg einschlagen will", sagte Wang. "Aber wie passt diese Aussage zu Chinas steigendem Verteidigungshaushalt und der aggressiven Rhetorik gegenüber Taiwan und den Machtdemonstrationen im Südchinesischen Meer?", fragte die Moderatorin Susanne Koelbl. Obwohl es eine globale Sicherheitsarchitektur gebe, könne man nie absolut sicher sein, antwortete Wang: "Die USA investieren ja auch weiter ins Militär, dabei stehen sie längst unangefochten an der Spitze". Indien sei angesichts dieser Entwicklungen sehr beunruhigt, betonte Kabir Taneja. "China sagt, man wolle nichts Böses, doch die Taten sprechen dagegen." Wie würde sich Indien in einem möglichen Krieg zwischen den USA und China positionieren? "Das ist ziemlich unklar", antwortet er, "denn es gibt in der politischen Klasse Indiens viele Vorbehalte gegenüber den USA".

Und welche Rolle könnten Deutschland und die Europäer in den Beziehungen der Länder einnehmen? Wang erinnert an Deutschlands Erfahrungen bei der Gründung der EU. Die sollte man nutzen, um Ideen für ein harmonisches Zusammenleben in Asien zu entwickeln. Taneja hingegen beklagte, dass Deutschland und die EU in Indien nicht sichtbar seien. "Es wird höchste Zeit, dass Europa Indien ernst nimmt", so der Forscher.

(David Weyand, September 2015)

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