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Stadtentwicklung der Zukunft: "Die Bürger müssen gefragt werden"

Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten, Tendenz steigend. Wohnungsnot, Umweltverschmutzung und Bürgerbeteiligung sind nur einige der Herausforderungen der Zukunft. Stadtentwickler aus Nordafrika und Deutschland tauschten sich in Berlin über die Städte von morgen aus. Das Treffen gehört zum Programm "Baladiya - Neue Wege in der Stadtentwicklung", mit dem die Robert Bosch Stiftung marokkanische, tunesische und algerische Führungskräfte aus dem Bereich der Stadtentwicklung unterstützt, ihre Managementkompetenzen weiterzuentwickeln und Lösungen für aktuelle Herausforderungen in ihren Heimatstädten zu finden.

Teilnehmerin Meriem Chabou aus Algier spricht im Interview über bürgernahe Stadtplanung und erklärt, was Deutsche und Algerier voneinander lernen können.
 
  • Wie kam es dazu, dass Sie sich für Baladiya beworben haben?

Chabou: Die Hochschule hat mich kontaktiert, weil es so schwierig war, Teilnehmer aus Algerien zu bekommen. Die Zusammenarbeit von Algerien und Deutschland hat, anders als mit Frankreich, keine Tradition, daher gibt es keinen Ansprechpartner im Innenministerium, an den man sich mit Programmen für den Austausch von Forschung wenden könnte. Baladiya hat mich sofort interessiert, weil ich mich mit Bürgerbeteiligung und Strategien für Stadtentwicklung beschäftige.

  • Warum ist es wichtig, sich mit der Entwicklung von Städten auseinander zu setzen?

2030 werden mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben. Diese Entwicklung verläuft rasant, daher muss sie unbedingt begleitet werden.

  • Welche Herausforderungen betreffen Algier?

Algier sieht sich zurzeit sehr vielen Herausforderungen gegenüber. Die Bevölkerung wächst sehr schnell und es ist wichtig, diese Entwicklung städtebaulich zu begleiten. Gerade wird sehr viel gebaut, zum Beispiel die Große Moschee, Parks und Sporthallen. Der Flughafen und das Netz von Straßen- und U-Bahnen werden erweitert. Auch der Umweltschutz spielt langsam eine größere Rolle. Durch Algier fließt der Fluss El-Harrach, in den die Abwässer der Stadt geleitet wurden. Früher war er schwarz vor Schmutz, jetzt hat man begonnen ihn zu säubern. Immerhin kann man bald darauf Kanu fahren. Entlang der Ufer sind Parks, Sportflächen und Schwimmhallen geplant.

Der Umweltschutz ist grundsätzlich immer noch ein großes Problem. Es gibt viele Umweltgesetze, aber deren Anwendung ist oft unklar. Öl- und Gasraffinerien liegen manchmal mitten in Städten. Das erhöht die Brandgefahr, es gab auch schon Unfälle. Außerdem bebt in Algerien immer häufiger die Erde, denn am Mittelmeer treffen Erdplatten aufeinander. Alle Häuser müssen deshalb erdbebensicher gebaut werden, aber leider werden die Bauregeln oft nicht respektiert.

Und dann gibt es natürlich noch die langfristigen Fragen: Wie können wir in 20 Jahren mit anderen Ressourcen leben? Algeriens finanzielle Grundlage ist das Öl. Wenn die Preise sinken, kommt es zur Krise. Die Folge: Viele Bauprojekte könnten nicht mehr umgesetzt werden, darum müssen wir uns rechtzeitig nach anderen Ressourcen umsehen.

  • Gibt es für Algier ein langfristiges Gesamtkonzept?

Ja, das gibt es. Alle Bauprojekte sind Teil eines großen strategischen Städtebauplans, allerdings ist die Planung manchmal weit weg von der Realität. Einige Projekte zeigen auf lokaler Ebene keine Wirkung, weil sie nicht in die lokalen Gegebenheiten integriert sind. Manchmal frage ich mich auch, ob das Geld, das für die luxuriösen Uferbauten ausgegeben wird, nicht an anderer Stelle besser aufgehoben wäre. In Algier leben beispielsweise viele Arme ohne Dach über dem Kopf.

Neben dem Masterplan gibt es einen strategischen Plan, der aber viel zu schnell umgesetzt wird. Die Flächennutzungspläne, also die Zwischenschritte, die so ein Prozess braucht, fehlen. Vom strategischen Plan direkt zur Umsetzung zu schreiten, das geht nicht.

  • Was möchten Sie in Algier verändern?

Ich würde gerne die Qualität der Wohnungen und damit auch die Lebensqualität verbessern. Unsere Bevölkerung wächst schnell, daher ist es wichtig, neu zu bauen. Genauso wichtig ist es aber, das, was bereits da ist, zu erhalten. Algier hat wunderschöne Gebäude, die zum Teil noch aus der Kolonialzeit stammen. Es sind große Häuser mit Innenhöfen, wie geschaffen für die algerischen Großfamilien, zu denen traditionell die Großelterngeneration gehört. Viele der Neubauten sind aber eher nach europäischem Vorbild gebaut und viel zu klein. Ich würde mir wünschen, dass die neuen Gebäude an die Familienverhältnisse in Algerien angepasst würden. Die Wohnungsnot in Algerien ist groß, bis 2029 oder 2030 sollen daher 2 Millionen Wohnungen gebaut werden. Weil es so schnell gehen muss, werden viele in schlechter Qualität gebaut. Das Bauland findet man außerhalb der Stadt auf Agrarflächen, was weder für die Landwirtschaft noch für die Umwelt gut ist. In einigen Jahren könnte das Wohnungsproblem für Algerien zur großen Bewährungsprobe werden.

  • Inwieweit sind Bürger an der Stadtentwicklung beteiligt?

In Algerien haben Kommunen nicht die Möglichkeit mitzuentscheiden. Das ist vor allem bei Bauvorhaben ein Problem, die zwar gut gemeint, in den Kommunen aber weder gebraucht noch gewünscht sind. Das müssen wir ändern, die Bürger müssen gefragt werden. Dafür setze ich mich ein. In Deutschland will ich lernen, wie man Bürgerbeteiligung institutionell ermöglichen kann. Denn den Kommunen zu vertrauen heißt den Bürgern zu vertrauen. Außerdem gibt es hier viele Bottom-up-Initiativen von Bürgern, die gefördert werden sollten. Wenn die Kommunen zum Beispiel in einem Stadtviertel nicht regelmäßig reinigen, dann machen die Bewohner das selbst. Sie legen auch Gärten an, das sind zum Teil ganz kleine Projekte. Würden die Menschen gefördert und dürften sie mehr mitentscheiden, würden sie mehr Verantwortung für ihre Stadt übernehmen. Und irgendwann könnte man dann vielleicht auf höherer Ebene davon träumen, dass alle Entscheidungen zusammen getroffen würden.

  • Was können deutsche Stadtplaner von algerischen lernen?

Deutschland ist sehr weit entwickelt, daher können wir viel von den deutschen Stadtplanern lernen. In Algier gefällt mir, wie gut traditionelle und moderne Baustile miteinander verbunden werden. Auch wie Algerier leben und wohnen, könnten sich deutsche Stadtplaner ansehen. In Algerien werden öffentliche Räume viel mehr genutzt, das soziale Leben ist reicher.

  • Was nehmen Sie mit aus Berlin?

Ich habe schon einmal längere Zeit in Deutschland gelebt und kenne es gut, aber das Projekt ermöglicht mir, eine ganz andere Realität von Deutschland kennen zu lernen. Vorher hatte ich keine Gelegenheit, mir ein Rathaus von innen anzuschauen und mit den Architekten zu sprechen. Auch von der Dezentralisierung in Deutschland hatte ich nur wenig Ahnung. Immer wieder beeindruckt bin ich von der Geschichte der Stadt. Hätten Sie mich gefragt, was meine zweitliebste Stadt nach Algier ist, hätte ich Berlin gesagt. Ich liebe diese Stadt. Jedes Mal, wenn ich dort bin, entdecke ich etwas Neues. In Algier werde ich schon „die Deutsche“ genannt, weil ich so viel über Deutschland und Berlin spreche.

(Interview: Anne Novotny, September 2015)

Zur Person

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Meriem Chabou, 48 Jahre, ist in Algier aufgewachsen und dort Lehrbeauftragte an der Polytechnischen Hochschule für Architektur und Stadtplanung. Sie promovierte von 1998-2003 an der TU Berlin. "Algier, c’est ma ville, das ist meine Stadt, meine Mutter, mein Sohn, meine Familie. Ich habe auch schon woanders gelebt, aber ich werde immer wieder nach Algier zurückkehren."

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