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"Europa erfahren" - ein interkultureller Dialog per Zugticket

"Die Zukunft aller Balkanstaaten liegt in der Europäischen Union. Und Sie alle sind Botschafter dieser Zukunft. Denken Sie daran, wenn Sie in den nächsten Wochen durch Europa reisen." Mit diesen Worten verabschiedet sich Doris Pack von ihren 150 jungen Zuhörern. Ein eigentlich unspektakuläres Resümee. Und doch fernab von selbstverständlich, wenn das EU-Mitglied Ungarn eine riesige Mauer errichtet, um jegliche Migration aus den Balkanländern zu unterbinden. Wenn 40 Prozent der in Deutschland Asylsuchenden vom Balkan kommen und in neun von zehn Fällen abgewiesen werden.

Pack, die 63-jährige Christdemokratin, arbeitete viele Jahre als Mitglied des Europäischen Parlaments und war dabei vor allem mit den politischen Prozessen auf dem Balkan befasst. Sie kennt Europa. Die Studenten aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, dem Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien, mit denen sie in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften diskutiert – sie kennen es kaum. Vielleicht als politische Idee, als Wirtschaftsversprechen oder abgeriegelte Festung. Aber nicht als kulturellen Raum. Denn selbst erleben konnten sie Barcelona, Brüssel oder Stockholm bisher nicht. Sei es aufgrund fehlender Mittel oder Visabeschränkungen. In den kommenden vier Wochen aber sollen sie "Europa erfahren". Seit 2007 fördert die Robert Bosch Stiftung das gleichnamige Projekt in Partnerschaft mit dem Balkan Trust for Democracy. Für eine vierwöchige Reise durch die Länder der Europäischen Union werden den Studenten Krankenversicherung, Interrail-Tickets und Tagegeld zur Verfügung gestellt -  und soweit erforderlich auch kostenlose Schengen-Visa. Ein interkultureller Dialog per Zugticket kann beginnen. Ein dringend benötigter Dialog, wie sich bereits bei der Auftaktveranstaltung in Berlin zeigt.

Zum Beispiel als Dino aus Sarajevo die Europapolitikerin fragt: "Wer kann die Situation meines Landes verbessern? Wer kann Serbien in Europa stabilisieren?" Packs Antwort klingt leidenschaftlich und pragmatisch zugleich: "Nur Sie, die Jugend. Sie müssen die richtigen Parteien wählen, die sich ernsthaft um Demokratie und eine Mitgliedschaft in der EU bemühen. Von außen lässt sich diese Frage nicht lösen." Jurastudentin Maria aus Bosnien und Herzegowina stört sich an so viel Selbstüberlassenheit: "Unser Bildungssystem ist aber völlig korrupt. Die Schulbücher und Universitäten von alten, nationalistischen Denkmustern durchsetzt. Und jeder, der das kritisiert, begibt sich in Gefahr. Wie sollen wir völlig auf uns allein gestellt den politischen Wandel schaffen? Das finde ich nicht fair. Da lässt uns die EU mit einer riesigen Bürde allein."

Packs Standpunkt ist klar. Für die Balkanländer gib es langfristig keine ernsthafte Alternative zur EU. Zuvor müssen die einzelnen Staaten aber ihre verschieden bedingten demokratischen und wirtschaftlichen Defizite angehen. Und ihren Nationalismus. "Ein Nationalismus, der die Aussöhnung nach all den Gräueltaten verhindert."

Ginge es nach Biljana, der 25-jährigen Medizinstudentin aus Mazedonien, sollte ihr Heimatland der EU gar nicht erst beitreten: "Ich habe Angst, dass die Mitgliedschaft Mazedonien völlig verändern würde. Ich befürchte, dass wir wegen des Euros in eine ähnliche Krise wie Griechenland geraten". Auf ihre erste Reise durch Europa freut sich Biljana aber trotzdem riesig. Besonders auf die skandinavischen Staaten: "Ich bin keine Politikerin, aber ich bewundere die Werte dieser Länder. Zum Beispiel respektvoll mit den Nachbarländern umzugehen und ihnen zumindest nichts Schlimmes anzutun." Eine schöne Botschaft, die die junge Frau aus Skopje in den kommenden Wochen durch Europa tragen will.

(Dmitrij Kapitelman, Juli 2015)

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