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Erinnerungen an einen Brückenbauer

Diskussionsrunde zum Gedenken an Bundespräsident Richard von Weizsäcker

Richard von Weizsäcker hätte es so gewollt: Eine Gedenkveranstaltung in Washington für den zu Jahresbeginn verstorbenen Altbundespräsidenten drehte sich nicht nur um die zentrale Rolle, die er in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands gespielt hat. Weggefährten und Beobachter der "moralischen Richtschnur", wie Richard von Weizsäcker vom deutschen Botschafter Peter Wittig bezeichnet wurde, mutmaßten auch darüber, wie von Weizsäcker auf aktuelle außenpolitische Herausforderungen reagiert hätte.

Daniel Hamilton, Direktor des Center for Transatlantic Relations an der Johns Hopkins University, wies darauf hin, dass von Weizsäcker sich Zeit seines Lebens darum bemüht habe, Schranken zu überwinden. Seiner Meinung nach hätte der Altbundespräsident deshalb alles daran gesetzt, um die "Kultur der Oberflächlichkeit" zu überwinden, die derzeit im transatlantischen Verhältnis zwischen Europa und den USA herrsche. "Wir müssen uns bemühen", sagte Hamilton auch angesichts der Spannungen am östlichen Rand der EU, "die Beziehungen auf ein neues Fundament zu stellen". Deutschland spiele eine andere Rolle als noch während des Kalten Krieges: Damals verkörperten das geteilte Deutschland und geteilte Berlin die Teilung Europas; heute ist das vereinte Deutschland, fest verankert im Westen, auch Mittelpunkt des noch fraglichen Prozesses der Vereinigung Europas.

Dieser Aussage schloss sich John Kornblum an, der in den späten Neunzigern US-Botschafter in Deutschland war. In seinen Augen sei dieser - für Deutschland "sehr schwierige" - Prozess noch nicht abgeschlossen, sagte Kornblum. Er sprach von einer "großen Unsicherheit", die er in Deutschland spüre, wenn die Rede auf die strategische Neupositionierung des Landes komme. Umso mehr fehle nun eine Figur wie von Weizsäcker, der sich stets beharrlich für die transatlantische Verständigung eingesetzt und die Versöhnung ehemaliger Feinde vorangetrieben habe.

Friedbert Pflüger, ehemaliges Mitglied des Bundestages und langjähriger Mitarbeiter des Altbundespräsidenten, wies allerdings auch darauf hin, dass von Weizsäcker in erster Linie ein Realpolitiker gewesen sei, der sich auch immer wieder die Freiheit genommen habe, Amerika zu kritisieren. Christoph Bertram, ehemaliger Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, beklagte sich darüber, dass sich "die politische Klasse" in Berlin weigere, eine Debatte über die strategischen Interessen Deutschlands zu führen. Von Weizsäcker hätte sich daran gestört, zeigte sich der ehemalige Redakteur der "Zeit" überzeugt.

Organisiert wurde die Veranstaltung am Hauptsitz des German Marshall Fund of the United States, an der drei ehemalige US-Botschafter in Deutschland teilnahmen, von Dan Hamilton und der Robert Bosch Stiftung. Hamilton war von 2002 bis 2010 Richard von Weizsäcker Professor an der Johns Hopkins University - ein Lehrstuhl, der mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung geschaffen wurde. 2013 war Hamilton Richard von Weizsäcker Fellow an der Robert Bosch Academy in Berlin.

(Renzo Ruf, Mai 2015)