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Ideen und Konzepte für Bildung, die Grenzen überwinden

Andreas Schleicher: "Die besten Bildungssysteme heute sind die, die am meisten von anderen lernen"

Gute Ideen und innovative Konzepte für die Bildung sind auf der ganzen Welt vorhanden - aber wie kann es gelingen, dass sie sich verbreiten? Darüber diskutierten am 8. Mai rund 70 internationale Bildungsexperten auf Einladung der Robert Bosch Stiftung in Berlin. "Bildung als globale Herausforderung braucht viele gute Ideen und die Zusammenarbeit aller Akteure", erklärte die Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, Dr. Ingrid Hamm, zur Eröffnung. "Wir glauben fest daran, dass Verantwortliche voneinander lernen können. Gemeinsam mit den Stakeholdern aus aller Welt wollen wir eine produktive Plattform entwickeln, um den Transfer bestmöglich zu unterstützen."

Eine Besonderheit der Konferenz war, dass sie vier Perspektiven zusammenbrachte: Politik, Praxis, Stiftungssektor und Wissenschaft. Die Experten, die diese vier Bereiche vertraten, stammten u.a. aus den USA, China, Australien und Pakistan. Unter ihnen waren hochrangige Vertreter von Stiftungen und Nicht-Regierungsorganisationen, Bildungsforscher und Politiker ebenso wie Lehrer und Schüler. Auf der Tagung entwickelten alle Teilnehmer gemeinsam Ideen, wie innovative Ansätze aus unterschiedlichen Bildungsräumen für andere Länder und Systeme fruchtbar gemacht werden können.

Ein Beispiel für ein weltoffenes und schnell lernendes Land ist Singapur

"Die besten Bildungssysteme heute sind die, die am meisten von anderen lernen", sagte Andreas Schleicher, OECD-Direktor für Bildung und PISA-Koordinator, in seiner Keynote. Als ein Beispiel für ein weltoffenes und schnell lernendes Land nannte er Singapur. "Dort sucht man gezielt nach Erfolgsfaktoren in anderen Ländern und überträgt sie auf das eigene Bildungssystem." In einer Welt, die sich so schnell verändert, sei es notwendig, auch in der Bildung international voneinander zu lernen und zusammenzuarbeiten. "Das ist eindeutig möglich - auch über Kulturgrenzen hinweg - und der Erfolg ist messbar."

Einen wichtigen Faktor, damit gute Ideen sich verbreiten, sieht Schleicher in einer verbesserten Zusammenarbeit unter den Lehrern. "In den meisten Ländern arbeiten die Lehrer immer noch viel zu isoliert, sie haben zu wenig Zeit, ihren Unterricht gemeinsam mit anderen Lehrern vorzubereiten, und sie bekommen zu wenig Feedback." Drei von vier Lehrern auf der Welt empfinden ihre Umgebung als innovationsfeindlich. "Wir müssen eine Kultur schaffen, in der Zusammenarbeit und neue Ideen in Schulen positiv bewertet werden."

Drei große Herausforderungen, die sich überall auf der Welt stellen

Roberto J. Rodriguez, Berater von US-Präsident Barack Obama in Bildungsfragen, nannte drei große Herausforderungen, die sich überall auf der Welt stellen: "Wie schaffen wir gleichberechtigten Zugang zu Bildung für alle, wie passen wir unsere Unterrichtsmethoden an den technologischen Wandel an, welche Fähigkeiten brauchen die Schüler im 21. Jahrhundert?" Als eine der effektivsten Maßnahmen, um Bildung weltweit zu verbessern, nannte er verstärkte Investitionen in die frühkindliche Bildung.

Xavier Prats Monné, Generaldirektor Bildung und Kultur der Europäischen Union, sieht einen Hemmfaktor für die Verbreitung guter Ideen in der Bürokratie. "Bürokratie hat eine Tendenz zu zentralisierten Entscheidungen und Gleichförmigkeit." Die Behörden müssten sich stärker für neue Ideen öffnen und enger mit den Akteuren vor Ort zusammenarbeiten. Er lobte das finnische Modell: Hier verbringen Schulleiter ein Drittel ihrer Arbeitszeit im Ministerium - dadurch ist der Kontakt der Behörden zur Praxis enger.

Stephan Dorgerloh, Kultusminister von Sachsen-Anhalt, benannte als eines der Probleme in Deutschland die "Tradition des geschlossenen Klassenraums". Viele Lehrer agierten nach der Devise "ich kritisiere dich nicht, dann kritisierst du mich auch nicht". "Wir brauchen eine neue Kultur des Feedbacks".

Bildung findet nicht nur in der Schule statt

Aber Bildung findet nicht nur in Klassenräumen und Schulen statt: Darauf wies die Inderin Urvashi Sahni hin. "Schüler lernen so viel außerhalb der Schule. Wie schaffen wir es, das Umfeld der Schüler mit einzubinden?" Die Projekte, die ihre Stiftung "Study Hall Education Foundation" betreibt, gehen vom konkreten Leben der Kinder aus und behandeln ganz konkrete Probleme wie sexuellen Missbrauch. "Dadurch wird Bildung relevant für die Kinder und trägt zu ihrer Emanzipation bei. Das ist viel wichtiger als alle Statistiken zu ihren Mathematik-Leistungen."

Auch Laurence Nodder, Leiter des UWC Robert Bosch Colleges in Freiburg, betonte den Stellenwert der persönlichen Bildung. "An meiner Schule versuche ich ein Ethos zu entwickeln, das intellektuelle Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Diversity wertschätzt." Seine Schülerin Phyllis Leong Miao Lin, die mehrere Jahre das Bildungssystem in Singapur durchlaufen hat, stimmte zu: "In Singapur kam es vor allem aufs Auswendiglernen an und darauf, in Prüfungen gut abzuschneiden. Das tötet auf Dauer die Neugier!"

Stiftungen können Ideen auf Reisen schicken

Stiftungen haben eine Katalysator-Funktion bei der Verbreitung neuer Ideen, darin waren sich die Teilnehmer der Diskussion zur "Perspektive der Stiftungen" einig. "Die Rolle von Stiftungen ist es, neue Lösungen anzustoßen, die verschiedenen Gruppen zusammenzubringen und gemeinsam zu testen, welche Lösungen effektiv sind", sagte Jon Schnur, Mitbegründer von "America achieves" und Berater von Bloomberg Philanthropies. Denn nur wenn unterschiedliche Gruppen - Lehrer, Wissenschaftler, Politiker, Stifter und möglichst auch Schüler - zusammenarbeiten, können gute Ideen und Projekte Strahlkraft entwickeln und Grenzen überwinden.

Unter den Teilnehmern der Konferenz waren unter anderem:
  • Hans Anand Pant, Leiter des Instituts zur Qualitätsentwicklung (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin und Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie
  • Noor Masood, Geschäftsführerin Teach for Pakistan
  • Kai-ming Cheng, Lehrstuhlinhaber für Bildung an der Universität Hong Kong
  • Stephen Dinham, Lehrstuhlinhaber für Lehrerbildung und Direktor für Bildung und Lehre an der Universität Melbourne
  • Sylvia Löhrmann, stellvertretende Ministerpräsidentin und Kultusministerin Nordrhein-Westfalen
  • Stephan Dorgerloh, Kultusminister Sachsen-Anhalt