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Die Rückkehr der Gewalt

Was treibt Menschen, andere zu terrorisieren und zu töten? Der Publizist Jan Philipp Reemtsma und der Ex-Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan sind sich einig: mit Polizei und Militär allein wird man das Problem nicht lösen.

"Die Rückkehr der Gewalt" - der Titel der ersten gemeinsam vom Stuttgarter Schauspiel, der Stuttgarter Zeitung (StZ) und der Robert Bosch Stiftung veranstalteten Sonntagsmatinee war lange vor den Terroranschlägen in Frankreich gewählt worden. Doch der große Andrang zu dem Gespräch mit dem Hamburger Publizisten Jan Philipp Reemtsma und dem früheren Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, belegt: viele Menschen treibt um, dass Gewalt und Terror immer mehr Opfer in vielen Regionen der Welt fordern. Und sie bekommen Angst, weil die Gewalt näher rückt. Doch ist es wirklich eine Rückkehr der Gewalt?

"Gibt es das Böse?" fragt Tim Schleider, der Leiter der StZ-Kulturredaktion, der gemeinsam mit dem StZ-Politik-Chef Rainer Pörtner das Gespräch moderiert. Doch darauf möchte sich Reemtsma nicht einlassen. Er verweist darauf, dass es keine gewaltfreie Kultur auf der Welt gibt. "Die Gewalt ist kein Wesen, das verschwunden war und nun den Sargdeckel wieder aufmacht", sagt er. Gewalt sei auch nicht nur beunruhigend, sondern auch beruhigend - etwa in Form von Polizei und Justiz. Reemtsma unterscheidet lieber zwischen "verbotener und erforderlicher Gewalt". Ex-General Schneiderhan glaubt allerdings, dass sich die Wahrnehmung seit 1990 geändert hat. Bis dahin sahen sich die Deutschen an der Peripherie des Ost-West-Konfliktes; mit Bosnien und später mit Afghanistan habe sich nicht nur die Konfliktlage geändert, sondern auch die Hinwendung von staatlicher zu nichtstaatlicher Gewalt. "Und heute stellen wir entsetzt fest, dass wir das fast nicht mehr kontrollieren können", beschreibt Schneiderhan die Sorge, denn "es gibt nicht einmal ein Regelwerk des zivilisatorischen Minimalkonsenses".

"Wir reden eher über Preise als über Werte"

Es gibt zwar die UN und die Menschenrechtskonvention, aber Reemtsma warnt vor Illusionen: "Kern der Beunruhigung ist doch, dass wir nicht mal wissen, wie wir ein mordendes Regime wie den IS dazu bringen können, mit dem Morden aufzuhören." Ein Grund zum Resignieren ist es für ihn gleichwohl nicht: "Dass uns das im 18., im 19., im 20. und bisher im 21. Jahrhundert nicht gelungen ist, soll nicht bedeuten, dass man das Projekt aufgibt." Reemtsma sieht den Grund für das Scheitern in Überzeugungen, die bisher immer eine Übereinkunft verhindert haben: "Mal hieß es, eine Basishumanität sei der Trick der Bourgeoisie, die Nazis hielten es für einen jüdischen Trick; universelle Werte zu behaupten, hält man für einen Trick des Westens, hinter dem Imperialismus steckt."

Angesichts so viel pessimistischer Analyse fragt Rainer Pörtner, ob es denn gar keine tragende politische Idee mehr gebe, ob alle gemeinsamen Werte erodierten? Nein, ganz so schwarz sieht Schneiderhan nicht. Er fragt sich eher: "Stehen wir schon alle aufrecht ein dafür?" Ihn treibt aber auch die Frage um, "was fehlt bei uns, dass Zivilisationsbruch attraktiv ist? Was fehlt bei uns, was andere vermeintlich bieten können?" Schneiderhan sagt, er habe keine fertige Antwort, aber einen Ansatz: "Wir reden eher über Preise als über Werte."

Die beiden Experten machen aber auch konkrete politische Fehler für Gewalt verantwortlich. Der Völkermord in Ruanda etwa sei nicht nur vorhersehbar gewesen, man hätte ihn wohl auch mit nur einigen Tausend UN-Soldaten mehr verhindern können, meint Reemtsma; doch die USA hätten sich nicht reinziehen lassen wollen. Und Schneiderhan ist überzeugt davon, man "hätte der postheroischen Gesellschaft erklären müssen, dass man legitimierte Gewalt anwenden muss". Auf dem Balkan sei dies besser gelungen, im Irak weniger. Aus den Einzelfällen Regeln abzuleiten, sei gleichwohl sehr schwierig; in jedem Einzelfall, so gibt Reemtsma zu bedenken, müsse man vielmehr die Frage beantworten, "richtet man mit einem Eingreifen mehr an als man verhindert?".

Der Triumph, Herr über Leben und Tod zu sein

Doch auch die differenzierte Herangehensweise erklärt nicht Gräueltaten wie beispielsweise die der IS. Gibt es also doch das Böse, wie es Shakespeare in seinem "Richard III." thematisiert. Reemtsma kennt seinen Shakespeare gut, aber er liest anderes heraus. "Man kommt mit Gewalt weit, aber nicht weit genug", am Ende jedenfalls steht der Bösewicht Richard III allein da. Auf die Reduzierung auf Gut und Böse will sich auch Schneiderhan nicht einlassen. In Afghanistan habe er viel Tee trinken müssen mit Regionalfürsten, erzählt er; diese Gespräche seien ihm oft nicht leicht gefallen, weil diese Regionalfürsten "nach allen Seiten Wasser getragen haben". Seine Lehren daraus: "Wir müssen interkulturelle Kompetenz trainieren", um die Menschen in anderen Kulturkreisen besser zu verstehen. In Afghanistan sei der Bundeswehr bei ihrem Einsatz dabei einiges gelungen.

Doch was treibt junge Menschen in die Gewalt? Religiöse Motive? Reemtsma greift dafür auf die Rote Armee Fraktion zurück. Er konstatiert Faszination; Propaganda, die verfängt. Dazu komme "fehlgeleiteter Idealismus" und Waffenfetischismus. Er hält wenig davon, die Terroristen als Deklassierte zu sehen, denn Terroristen kämen aus allen Schichten. Es verändere einen Menschen, wenn er eine Waffe trage. Hinzu komme ein "triumphalisches Gefühl", Herr über Leben und Tod zu sein. Das halte auch eine Gruppe zusammen. Reemtsma: "Die Täter in Paris haben sich nie besser gefühlt, das hat ihrem Leben Sinn gegeben." Dazu passe, dass sie selber die Türe geöffnet hätten und der schießenden Polizei entgegen gegangen seien. "Leben ist nicht das höchste Gut für solche Menschen". Ruhm und Ehre sei wichtiger. Deshalb könne man Terrorismus auch nicht militärisch ausmerzen: "Gegen Terrorismus kann man nicht impfen." Auch General Schneiderhan ist skeptisch; aber machtvoller Protest oder die Aktion "Je suis Charlie" ermutigen ihn wie Lehrer, die das Thema in der Schule aufgreifen: "Wir müssen noch sehr viel miteinander reden."

(Barbara Thurner-Fromm, Stuttgarter Zeitung, Januar 2015)

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