Grenzgänger

Pawel Siczek:

Pawel Siczek wurde 1977 in Warschau geboren. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in Libyen und der Schweiz. Er studierte Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik, Schwerpunkt Regie, an der Hochschule für Fernsehen und Film München und arbeitet heute als freier Autor und Regisseur.

Bisherige Dokumentarfilme (Auswahl)
  • Die Häfte der Stadt, 2015, 85 Minuten
  • Fußgängerzone, 2010, 59 Minuten
  • Bassiona Amorosa, 2008, 98 Minuten
Die Hälfte der Stadt

Die Hälfte der Stadt ist die Suche nach der verlorenen Geschichte des polnisch-jüdischen Fotografen Chaim Berman.

Er kommt 1890 im polnischen Städtchen Kozienice zur Welt. Bereits sehr früh begeistert er sich für Fotografie und lernt sein Handwerk vom eigenen Vater. Schon vor dem 1. Weltkrieg portraitiert er die Bewohner von Kozienice - es sind Polen, Juden und Deutsche, die hier weitgehend friedlich nebeneinander leben. Berman  lebt das Ideal der friedlichen Koexistenz.

Seine Überzeugungen stoßen jedoch auf Widerstände, als sich das politische Klima in den 1930er Jahren verfinstert und der brutale Chauvinismus sich immer weiter in Europa durchsetzt. Bis zum Schluss weigert sich Berman, Polen zu verlassen, da er an eine friedliche Lösung in Europa glaubt. Diese Haltung wird ihm zum Verhängnis, als seine Familie dem Holocaust zum Opfer fällt. Bermans ehemalige Freunde werden plötzlich zu seinen Feinden, während Menschen, die er vorher nicht sonderlich schätzte, zu seinen Rettern werden.

Während die Nazis seine Heimat durch ihre Raub- und Mordzüge verwüsten, wird Berman von seinem polnischen Freund Antoni Kaczor in einem winzigen Keller versteckt. Als der Fotograf von einer tückischen Krankheit befallen wird, die sein Gehirn angreift, beginnt er laut zu schreien und bringt damit die Familie seines Retters in Lebensgefahr. Antoni Kaczor muss handeln...

"Chaim" bedeutet auf Hebräisch "Leben" - so erklärt sich die außergewöhnliche formelle Herangehensweise des Regisseurs. Als animierte Figur wird der Fotograf Chaim Berman wieder zum Leben erweckt. Die minutiöse und aufwändig gestaltete Animation, die durch die Werke des Malers Marc Chagall und die polnische bäuerliche Malerei inspiriert wurde, gestattet uns einen Einblick in eine längst vergessene Welt. Im Dokumentarfilmteil wird Bermans Lebensgeschichte mit den Geschichten der Bewohner von  Kozienice aus der Gegenwart und den Schicksalen der Überlebenden der Shoah verbunden. Dabei geht es vor allem um die Frage: wie lebendig ist Chaims Geschichte heute? - Die Hälfte der Stadt nimmt die Zuschauer mit auf eine filmische Reise durch die Gezeiten eines turbulenten europäischen Jahrhunderts und erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen Überzeugungen fortschrittlicher waren, als die Zeit in der er gelebt hat.

© 2015
Buch und Regie: Pawel Siczek Produktion: Nicole Leykauf und Grit Wißkirchen
Kamera: Daniel Samer
Montage: Ulrike Tortora
Production Design Animation: Agnieszka Kruczek und Dorota Gorski
Komponist: Roman Bunka
86 Minuten
Produktion: Leykauf Film in Koproduktion mit Balance Film, Rundfunk Berlin-Brandenburg und in Zusammenarbeit mit ARTE
Welturaufführung 28.4.2015 im POLIN Museum, Warschau
Deutschlandpremiere 8. Mai 2015 Dok.Fest München

Auszeichnung

Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) zeichnete "Die Hälfte der Stadt" als besten Dokumentarfilm des Monats September 2015 ("Prädikat besonders wertvoll") aus.

Weitere Informationen

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Kontakt

Leykauf Film Dokumentarfilmproduktion
Telefon 089 2727 2164
Chaim Berman im Atelier 1938
Hinterhof in Kozienice, Polen. Auf dieser Treppe portraitierte Chaim Berman seine Kunden bis 1942
Portraits auf der Treppe im Hinterhof in Kozienice, Polen
Die größte Herausforderung der Recherchen zu „Die Hälfte der Stadt“ war das schwarze Loch, vor dem ich zu Beginn stand: Von den Menschen, von denen ich erzählen wollte, gab es nicht mal ein Grab; einige von Ihnen waren völlig unbekannt, sie waren abgetaucht im Sog des Vergessens - ihre Gesichter und Namen waren ausradiert.

Ich wollte nicht über Auschwitz oder Warschau erzählen. Ich hatte das Gefühl, dass diese Orte als Erinnerungsstätten zu floskelhaft geworden waren, da man sich ihrer häufig in herzlos institutionalisierter, kommerzialisierter oder politisierter Weise bediente.

Meine Szenerie war die provinzielle, dörfliche Landschaft, aus der meine Familie stammt, ein Gebiet entlang der Weichsel etwa 100 km südöstlich von Warschau. Doch hier gab es aus der Zeit vor und während des 2. Weltkriegs keine Filmaufnahmen und nur sehr wenige Fotografien. Auch die schriftlichen Dokumente – Chroniken, Berichte, Tagebucheinträge - waren rar. Das Gebiet war vom herrschaftlichen Standpunkt aus gesehen zu randständig und zu unbedeutend, als dass Chronisten oder Archivare tätig geworden wären – egal  ob unter russischer, österreichischer, polnischer oder deutscher Herrschaft. Dennoch war die Verwüstung hier nicht kleiner als in den Metropolen, als in den weltbekannten Orten der Vernichtung. Die jüdische Bevölkerung war nahezu vollständig in Arbeits-, Konzentrations- oder Vernichtungslagern umgebracht worden. Die Polen waren zu Sklaven degradiert, ihre Anführer deportiert und zu Hunderten hingerichtet worden. Die Synagoge und das Stadtschloss samt ihren regionalen Archiven – Bestände der kollektiven Erinnerung – waren niedergebrannt worden. Die alteingesessene deutsche Bevölkerung der Region war vor der anrückenden Roten Armee geflohen, ihre zurückgelassenen Habseligkeiten waren geplündert und verwüstet worden.

Insofern grenzt es an ein Wunder, dass die Portraits aus Chaim Bermans Atelier als filigrane Glasnegative erhalten geblieben sind. Wir verdanken dies Saturnin Mlastek, der die Glasplatten im feuchten Keller vorgefunden, über Jahrzehnte auf seinem trockenen Dachboden gelagert und so vor der Zerstörung bewahrt hatte. Die Gesichter auf diesen Portraits – ihre Lebendigkeit, die zu mir vorrückte, als würden diese Menschen im gleichen Moment und in derselben Straße leben, waren der Ausgangspunkt für meine Arbeit. Ich begann zu forschen. Ich wollte erfahren, wer diese Bilder gemacht und in welcher Welt der Fotograf gelebt hatte – und ich wollte diese Welt der Menschen auf den Bildern kennen lernen. Denn diese Menschen schienen mir so nah, so alltäglich, und gleichzeitig waren sie Wesen einer anderen, nahezu vergessenen Epoche: Bürger eines Polens, das heute unwahrscheinlich erscheint – als Kosmos voller unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Lebensweisen, das über Jahrhunderte den Alltag von Polen bildete und heute so unendlich fern und unwiederbringlich vergangen scheint.

Immer wieder reiste ich nach Kozienice, in die Heimatgemeinde des Fotografen Chaim Berman - in das Städtchen, in dem er geboren worden war und den größten Teil seines Lebens verbracht hatte. Ich suchte die wenigen schriftlichen Dokumente zusammen: Tagebücher von Lehrern, Aufzeichnungen der überlebenden jüdischen Bürger, die Chronik des evangelischen Pfarrers, diverse Briefe, Dokumente von kirchlichen und staatlichen Stellen, lokal veröffentlichte Erinnerungen alter polnischer Einwohner, Arbeiten lokaler Historiker – ich durchforstete die regionalen Museen, Bibliotheken und Archive.

Parallel dazu traf ich nach und nach die Zeitzeugen. Manche von ihnen waren beinahe hundert Jahre alt, sie hatten die Zeit vor dem 2. Weltkrieg als erwachsene Menschen erlebt; andere waren etwas jünger und hatten die Jahre vor und während des Krieges als Kinder oder Jugendliche erfahren. Die Polen unter ihnen lebten noch in der Region von Kozienice, die Juden und Deutschen waren längst emigriert - nach Amerika, Deutschland oder in die Schweiz.

Ihre Erzählungen vermengten sich in mir mit den gesammelten Dokumenten und Fotografien. Nach und nach ließen sie in mir die Welt der Menschen auf den Portraits, die Welt ihres Fotografen aufleuchten und erklingen. Monat für Monat reicherten sich die Bilder und unterschiedlichen Klänge in mir an, bis ich schließlich am Rande des schwarzen Lochs die Konturen meiner eigenen Vorstellung bemerkte.

Dieser Rechercheprozess dauerte von den ersten Wintermonaten 2009 bis zum Sommer 2013. Einen Teil der Recherchen - etwa die Hälfte - habe ich mit eigenen Mitteln finanziert. Die andere Hälfte konnte ich dank Zuwendungen mehrerer Stiftungen, Institutionen und Förderanstalten realisieren. Die erste und deshalb so entscheidende Zuwendung bildete das Grenzgänger Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Es wurde mir zu einem Zeitpunkt zuerkannt, als das Projekt am Anfang stand. Die großen Recherchen, die eingehenden Texte und Skizzen standen erst noch bevor. Das schwarze Loch wirkte omnipräsent und entmutigend trist - der Film war noch in weiter Ferne. Umso bemerkenswerter ist, dass dem Projekt Vertrauen geschenkt wurde.