Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Dominik Bretsch:

Dominik Bretsch, geboren 1982 in Heidelberg, studierte Philosophie, Geschichte und Politik in Berlin. Er ist Autor für Radio und TV. 2013 gründete er die Produktionsfirma „Weltrecorder“. Für Sender wie ARTE, WDR, SWR, Deutschlandradio, RBB und NDR hat Dominik Bretsch zahlreiche Reportagen und Features im In- und Ausland realisiert. Unter anderem berichtete er ein Jahr aus der Türkei, Israel und Palästina. Zuvor war er Redakteur beim rbb kulturradio. Dominik Bretsch lebt in Berlin und ist Stipendiat der Herbert-Quandt-Stiftung.
Abzocke im Schatten der Freizügigkeit – Über mafiöse Geschäfte mit Leiharbeitern in der EU

Briefkastenfirmen in Slowenien haben sich darauf spezialisiert, Arbeiter aus Ländern wie Serbien, Bosnien oder Mazedonien nach Deutschland und in andere europäische Länder zu entsenden. Monatelang schuften sie dort auf Baustellen, ohne Geld zu bekommen. Schließlich müssen sie pleite in ihre Heimatländer zurückkehren. Die Hintermänner der Briefkastenfirmen dagegen kassieren von den deutschen Auftraggebern ab, melden Konkurs an und verschwinden von der Bildfläche. Kurz darauf gründen sie eine neue Firma und das Spiel beginnt von vorne. Möglich machen es Schlupflöcher in den EU-Regelungen zur Freizügigkeit und die wirtschaftsliberale Haltung der slowenischen Regierung. Ein mafiöses System mit hohen Gewinnmargen und geringem Risiko. Tausende solcher betrügerischen Firmen existieren in Slowenien bereits. Die deutschen Auftraggeber interessiert das nicht, sie profitieren von den Dumpingangeboten. Ebenso der slowenische Staat, denn die vielen Schattenfirmen lassen die Wirtschaftsleistung des Landes gut aussehen.

SWR 2
Redaktion: Wolfram Wessels
Regie: Karin Hutzler
Erstausstrahlung: 20.05.2015, 22:03 Uhr

Bildergalerie

Fotos: Dominik Bretsch
Besonders in Ljubljana blüht das Geschäft mit entsendeten osteuropäischen Arbeitern.
Geschäftssitz einer slowenischen Briefkastenfirma.
In diesem Gebäude in Frankfurt sind mehrere dutzend Baufirmen ansässig. Einige kooperieren mit Subunternehmen aus Osteuropa.
In diesem Gebäude in Frankfurt sind mehrere dutzend Baufirmen ansässig. Einige kooperieren mit Subunternehmen aus Osteuropa.
Tür zum "Büro" eines deutschen Bauunternehmens, das Verbindungen zu einer slowenischen Briefkastenfirma hat.
Die größte Herausforderung bei der Recherche war es, Kontakt zu betroffenen Arbeitern herzustellen. Viele haben Angst vor Repressalien ihrer Arbeitgeber, dazu kommt die allgemeine Orientierungslosigkeit: Oftmals wissen die Arbeiter fast nichts über ihre Auftraggeber, den Ort an dem sie sich befinden und die Verträge, die in ihrem Namen geschlossen wurden - nicht selten mit gefälschten Unterschriften. Fehlende Sprachkenntnisse tragen zur allgemeinen Verunsicherung bei.

Mir war es wichtig, das Thema über eine persönliche Geschichte zu erzählen. Nur so ließ sich das abstrakt erscheinende Ausbeutungssystem sichtbar machen, das sich im Schatten der europäischen Freizügigkeit entwickelt hat. Im Rahmen des Grenzgänger-Stipendiums war es mir möglich, die Recherche auf die Herkunftsländer der Arbeiter auszudehnen. In Serbien wurde ich schließlich fündig. Ein Arbeiter, der mehrfach schlechte Erfahrungen mit Entsendeunternehmen gemacht hat, ließ sich von mir während eines erneuten Arbeitsaufenthalts in Deutschland begleiten. Auch seine Familie war bereit, über die mit der Entsendung verbundenen Konsequenzen zu berichten.

Während meiner Recherchen in Deutschland hatte sich herausgestellt, dass gerade in Slowenien besonders viele Briefkastenfirmen im Baugewerbe ansässig sind. Auch hier wollte ich so nah wie möglich herankommen: Wer sind die Hintermänner der Briefkastenfirmen? Warum blüht das Betrugssystem gerade in Slowenien? Wie hängt das mit den EU-Entsenderegelungen zusammen? Große Unterstützung bei der Recherche erhielt ich vom DGB und der slowenischen Gewerkschaft ZSSS, die sich im Rahmen des Projektes "Faire Mobilität" seit Jahren mit der Problematik auseinandersetzen. Ich reiste nach Slowenien, traf mich mit Arbeitsinspektoren, Gewerkschaftern, Mitarbeitern aus Ministerien. Ich verfolgte die Spuren einzelner Firmen aus Deutschland bis nach Ljubljana, versuchte die Zusammenhänge zu verstehen. Auf diese Weise ergab sich nach und nach ein Bild, das die Schwachstellen des europäischen Entsendesystems deutlich erkennen lässt.