Wissenschafts-Journalismus heute

"Der Journalist wird zum Dirigenten"

Christian Schwägerl arbeitet seit 25 Jahren als Wissenschafts- und Politikjournalist. Der Biologe und Buchautor war sieben Jahre in Frank Schirrmachers "Wissenschaftsfeuilleton" tätig, später hat er beim SPIEGEL Umwelt- und Forschungspolitik betreut. Früh hat er begonnen, auch Online-Geschichten zu schreiben. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, auch mit dem Georg-von-Holtzbrinck-Preis. Seit 2014 leitet Christian Schwägerl die Masterclass "Zukunft des Wissenschaftsjournalismus". Hier zieht er eine Zwischenbilanz. 
  • Wie sieht für Sie die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus aus?
    Sie ist bunt, hart, vielfältig, anstrengend – und positiv! Ein Szenario: Trotz der sogenannten Medienkrise erhalten wir die Kernqualitäten von Wissenschaftsjournalisten und bauen sie sogar aus: tiefe Sachkenntnis, Distanz zu allen Akteuren, genaues Hinsehen und Verstehen wollen. Mit diesen Kompetenzen sprengen wir in Zukunft mit unseren Themen die Ressortgrenzen, erzählen Wissenschaft noch viel stärker auch im Kontext von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Wir verweigern uns der Rolle als verlängerte PR der Wissenschaft und emanzipieren uns weiter vom reinen Verkünden neuer "Ergebnisse". Wir nutzen das ganze Spektrum neuer Erzählweisen, vom analogen Comic bis zum aufwändigen Multimediaprojekt. Und schließlich entwickeln wir neue Plattformen, auf denen Verlage und  freie Wissenschaftsjournalisten  für gute Arbeit auch gutes Geld bekommen.
  • An welchen Zukunftsideen haben sich die Stipendiaten der Masterclass versucht?
    Bei dieser ersten Masterclass ging es vor allem darum, mit neuen Erzählformen zu experimentieren: mit Spielen, Datenvisualisierungen, partizipativen Formaten, Comics, dem Einbinden von Videos in längere Texte, oder einer Sound-Landschaft.
  • Sie blicken jetzt auf fast ein Jahr Arbeit in der Masterclass zurück – was ist Ihr wichtigstes Fazit?
    Zuerst einmal, dass sich das Engagement von Bosch Stiftung und Reporter Forum gelohnt hat. Die Masterclass hat nicht nur tollen Kolleginnen und Kollegen Freiraum für innovative Projekte geschaffen, sie hat die Debatte um neue Erzählformen in den Redaktionen beflügelt und damit das eigentliche Ziel erreicht. Die Projekte, angefangen mit Dagny Lüdemanns Feature "Wer darf leben?" auf ZEIT Online, wurden in großartigen Medien toll präsentiert und haben auch viel Resonanz gefunden. In manchen Redaktionen haben wir eine regelrechte Multimedia-Begeisterung ausgelöst. Zum Fazit gehört für mich auch, dass die Masterclass-Idee selbst innovativ bleiben sollte. Wir werden das Format also nicht einfach wiederholen, sondern aus Erfahrungen lernen und genau untersuchen, wo 2016 der Bedarf liegen wird.
  • Was konnten die Teilnehmer – allesamt erfahrene Wissenschaftsjournalisten – in der Masterclass lernen?
    Was das journalistische Handwerk betrifft, hätten alle Stipendiaten wohl selbst als Dozenten auftreten können. Es ging aber um etwas anderes, nämlich aus der eigenen Komfortzone der vertrauten Erzählweisen, vor allem des linearen Printtextes, herauszutreten, und etwas Neues auszuprobieren, etwa eine Multimediaproduktion zu planen oder Motive mit einer Comiczeichnerin zu entwickeln. Da ist mehr erforderlich als reine Reportertugenden, da geht es um Teamarbeit, Budgetmanagement und Ablaufpläne. Der Journalist wird zum Dirigenten. Die Masterclass hat mit dem intensiven Unterricht in Kopenhagen und dem Mentoring durch die Dozenten und durch Cordt Schnibben Wissen vermittelt, wie man größere, komplexere Projekte gemeinsam mit vielen Akteuren anpackt.
  • Oft scheitern größere journalistische Stücke an der Zeit und am Budget – waren das auch die größten Hürden für die Teilnehmer der Masterclass? Oder vor welchen Herausforderungen standen die Teilnehmer bei der Umsetzung ihrer Projekte?
    Journalistische Projekte scheitern am ehesten dann, wenn Journalisten zu früh dabei aufgeben, für ihre Ideen das richtige Umfeld und die richtigen Partner zu finden. Genau diese Widerstände zu überwinden hat die Masterclass ermöglicht: jedem das extra Stückchen Freiraum zu geben, um seine Idee zu verwirklichen und etwas einmalig Neues zu schaffen. Die größte Herausforderung bestand glaube ich darin, geeignete kreative Dienstleister und Partner für die Produktion zu finden, also etwa Programmierer und Designer. Hier brauchen wir im Journalismus insgesamt dringend Job-Börsen, auf denen man auch sehen kann, wie gut und belastbar kreative Dienstleister wirklich sind.
  • Multimediales Storytelling mit einem Budget von 10.000 € statt 200.000 €. Wie soll das gehen?
    10.000 Euro ist ja für die meisten von uns schon ein Traumbudget. In der Tat ist dies das große Dilemma: die meisten Verlage agieren noch immer zu kurzfristig und kurzsichtig, wenn sie den Lesern vermitteln, dass online gleich kostenlos ist. Zugleich dämmert aber allen, dass multimediales Geschichtenerzählen mit dem Niveau von Urlaubsvideos nicht klappen wird. Klar, ein Video im Text hier, eine Bildstrecke da, das geht auch mit deutlich weniger als 10.000 Euro. Aber aufwändiges Online-Erzählen kostet richtig Geld, für Programmierer, Designer, Künstler – und um den Autoren Honorare zu bezahlen, von denen sie leben können. Die Verlage sollten sich endlich ehrlich machen: Qualität kostet Geld. Dem Leser muss eine tolle Multimedia-Geschichte mindestens den Preis eines Cappuccinos wert sein. Das gemeinsam offensiv den deutschen Lesern zu vermitteln  ist unumgänglich, will man nicht zum Anhängsel von Google und Facebook werden.
  • Welche Zutaten gehören in ein gutes Rezept für multimedialen Wissenschaftsjournalismus?
    Wichtig ist zunächst, dass man sich von den ganzen Tools und digitalen Möglichkeiten nicht blenden lässt und weder die Geschichte noch das Handwerkszeug des Reporters aus dem Blick verliert. Man sollte die Techniken von der Geschichte her denken, nicht umgekehrt. Und wie Andrew de Vigal sagte, ist weniger meistens mehr. Wichtig sind auch die Übergänge: ein Video etwa soll den Leser dazu bringen, den Text weiterzulesen, statt ihn hinauszukatapultieren, wie es oft passiert. Die Chancen liegen auf der Hand: Gerade in der Wissenschaft können wir Daten, Phänomene, Ergebnisse und Infrastrukturen hochästhetisch inszenieren, wir können Überraschungen einsetzen, damit die Leser dran bleiben, wir können digital zoomen von der Nanosphäre bis zur Dimension von Galaxien und können die Welt aus der Perspektive von Vögeln oder sogar Pflanzen zeigen. Dazwischen können wir immer wieder ins Zentrum stellen, worum es letztlich auch in der Wissenschaft geht: den Menschen und seinen einzigartigen Blick auf die Welt.
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SEA CHANGE von Craig Welsh
 
  • Die aufsehenerregenden Innovationen im Journalismus kommen in der Regel aus dem angelsächsischen Bereich. Woran liegt das?
    Generell steht in den USA mehr Risikokapital zur Verfügung, deshalb sind ja auch viele der großen Internetfirmen dort entstanden und nicht bei uns. Das gilt auch für den Journalismus: die New York Times hat mit Snowfall eine Art internes Innovationslabor gestartet und schnell Nachahmer selbst bei Regionalzeitungen gefunden, siehe Sea Change von Craig Welch in der Seattle Times. Stiftungen investieren mit deutlich größeren Summen auch in den Wissenschaftsjournalismus, siehe das Beispiel von Nautilus. Und auf Beacon versuchen Wissenschaftsjournalisten, sich von Verlagen unabhängiger zu machen. Bei uns orientieren wir uns zu sehr am Ziel der journalistischen Quasi-Verbeamtung. Deshalb ist es doppelt gut, dass die Firma für eines der führenden deutschen Experimente, Substanz, Fail Better heißt. Es geht um Wagemut und darum, Komfortzonen und alte Denkschemen zu verlassen.
  • Fehlt es an internationalem Wissenstransfer?
    Uns hat es in der Masterclass sehr gut getan, Weltklasse-Dozenten in ihren jeweiligen Disziplinen zu haben. Aber inspirieren lassen von dem, was Kollegen weltweit tun, kann sich jeder jeden Tag, wir Journalisten arbeiten ja öffentlich. Wichtiger fände ich es, dass wir in Deutschland mehr zupacken und experimentieren.
  • In der Intensivphase der Masterclass in Kopenhagen berichteten Experten wie Simon Rogers oder Andrew de Vigal aus ihrer Arbeit – was hat Sie besonders beeindruckt?
    Jeder unserer Dozenten hat phantastische Impulse gegeben. Andrew de Vigal hat dazu motiviert, große, komplexe Projekte anzupacken, Laura lo Forti hat dazu inspiriert, den Leser ins Geschichtenerzählen einzubinden, Simon Rogers gezeigt, wie man Daten zum Leben erwecken kann. Patrizia Fernandez de Lis hat personifiziert, wie man den Weg vom Print- zum Onlinejournalisten erfolgreich geht und Uwe H. Martin, wie man als Fotograph komplexe Inhalte erzählt. Jens Harder hat uns Einblicke gegeben, wie man die gesamte Geschichte von Kosmos, Erde und Mensch in drei Bänden faszinierend darstellt. Und dann war da noch das gemeinsame Skype-Interview mit Paul Salopek, mitten auf seinem Marsch um die Erde, über sein Projekt und dessen Multimedia-Umsetzung. Ich wäre am liebsten durch die Leitung geschlüpft, um wenigstens ein paar Etappen mitzulaufen. Paul symbolisiert als Einzelperson vielleicht am stärksten, was innovativer Wissenschaftsjournalismus leisten kann, analog wie digital.