Wissenschafts-Journalismus heute

Ein Mann für Mammutwerke

Jens Harder, Comiczeichner
Von Dagny Lüdemann

Angst vor der großen Geschichte? Comic-Zeichner Jens Harder hat das sicherlich nicht. Nichts Geringeres als die komplette Evolution des Menschen zu erzählen, hat er sich vorgenommen. In Bildern. Als Comic.

Vom Urknall bis in die Zukunft in vier Bänden – umfassender geht es kaum noch. Gerade deshalb ist die Arbeit des Zeichners intensiv, die Recherche aufwendig, manche Bilder vereinen in sich Millionen an Jahren, andere dehnen Sekundenbruchteile in die Länge. Knapp vier hat Harder am ersten Band Alpha gearbeitet. An Beta volume I sogar fünf. Dieses Jahr wird der Zeichner 45.

Die Natur hat ihn immer fasziniert. Als Kind schon packt ihn das Dinofieber, beeindrucken ihn Umwälzungen der Umwelt. Er wächst in der Oberlausitz auf, wo die Vergletscherung der letzten Eiszeit noch sichtbar ist und Kohleflöze von urzeitlichen Wäldern zeugen. An der Oberfläche findet heute Waldwirtschaft statt; Kiefern wachsen dort, die schnurgeraden Reihen nur unterbrochen von Bombenkratern aus dem Zweiten Weltkrieg. Eine menschgemachte Landschaft. Warum sieht es hier so aus? Was steckt darunter? Wie verändert sich die Landschaft? Solche Fragen gehen Harder als Kind im Kopf herum und er stellt sie. Seinen Eltern zum Beispiel. Mit ihnen verbringt er auch Zeit in den Bergen oder am Strand. Gemeinsam sammeln sie Fossilien, schauen sich Archäologie- und Kunst-Ausstellungen an.

Nach dem Abi geht Harder nach Berlin, studiert Grafik-/Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Weißensee: Typographie, Layout, Ausstellungsdesign und Fotografie lernt er dort. Und er entdeckt das Genre der Comicreportage. Mit Kommilitonen gründet er das Kollektiv Monogatari. Fünf Jahre lang konzipiert, zeichnet und veröffentlicht die Gruppe Stadtreportagen – in Eigenregie oder im Auftrag von Institutionen (Comicfestival Luzern, Karikatur- und Cartoonmuseum Basel).

Die Comicreportage
Comicreportagen kommen in den Neunzigerjahren auf, maßgeblich angestoßen vom US-amerikanischen Journalisten und Zeichner Joe Sacco. Heute gibt es sie etwa über den Krieg in Afghanistan, den Völkermord in Ruanda, zum Teil entstehen die Arbeiten in Bildern wie Reportagen von "embedded journalists“, die in Krisengebieten an vorderster Front recherchieren.

Harder verfeinert dieses Genre, macht kürzere Geschichten für verschiedene Zeitungen, etwa den Tagesspiegel, und Zeitschiften wie mare. 2003 erscheint sein erstes Buch – im französischen Verlag Éditions de l’An 2. Für das opulente 150-Seiten-Werk über einen Pottwal namens Leviathan hatte er keinen deutschen Verleger gefunden. Beachtung findet es trotzdem. Beim Comic-Salon Erlangen 2004 wird Harder mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet – für die beste deutschsprachige Comic-Publikation. 2005 arbeitet er für das Goethe-Institut Tel Aviv an einer Comicreportage über Jerusalem, die als Teil der Anthologie Cargo veröffentlicht wird. 2011 erhält er für seine Arbeiten den Hans-Meid-Preis für Buchillustration.

Nachdem Alpha veröffentlicht ist – der Band umfasst 14 Milliarden Jahre, mithin den Zeitraum vom Ursprung des Universums bis zu den ersten Hominiden –, ist Beta dran. Das Comic-Album beschreibt die Entwicklung des Menschen von den Primaten an. Diesmal teilt Harder den Band in zwei Teile. Der erste deckt den Zeitraum bis zum Beginn unserer Zeitrechnung ab; der zweite Band reicht bis heute. Gamma wird dann von der Zukunft handeln.
Um den Fortgang der Evolution optisch zu beschreiben, wechselt Harder in den Bänden die Farben seiner Zeichnungen. So wird Beta komplett mit drei Metallfarben koloriert. In Alpha hingegen ändert sich die Schmuckfarbe entlang der Regenbogenfarben, um dem Betrachter ein Gefühl für geologische Abläufe zu geben. Die Reinzeichnungen seiner Entwürfe macht er in Schwarz, später am Rechner wird eine zweite Farbe hinzugefügt.

Die innere Struktur der Bücher folgt streng der paläontologischen Fachliteratur. Die grafische Darstellung ist im Gegensatz dazu ein wildes Getümmel aus Quellen und Inspirationen. „Ich habe für alles Vorlagen aus dem bildnerischen Schatz, den wir in den letzten 30.000 Jahren angehäuft haben“, sagt der Comic-Zeichner. Höhlenmalereien, Renaissancegemälde, Röntgenaufnahmen. Seine Arbeit sei eher eine Darstellung dessen, wie sich der Mensch seinen eigenen Werdegang vorgestellt habe. „Anders geht es kaum“, sagt er. Gibt es keine Dokumentation, muss die Fantasie herhalten.

Mit hoch konzentrierten Sätzen werden die gezeichneten Szenen ergänzt. „Ich nehme den Text als roten Faden, damit ich mich im Datenwust nicht verliere“, sagt Harder. Ein Satz pro Seite – mehr nicht. Aufrechter Gang, Feuer, Metallurgie, Schrift, Krieg.

Dazu gruppiert er alle Bilder, die eine Thematik abdecken –manches kommt ausführlich vor, anderes gerafft. Zwischen den Bildern liegen oft Jahrtausende der zivilisatorischen Entwicklung. Auch Tangenten zur Popkultur kommen vor, etwa zu Godzilla, den Flintstones oder Star Wars. Als Quellen nutzt Harder Bücher, Videos, die Google-Bildersuche, Fundstücke aus Zeitungen und Archiven oder andere Comics. Eine weitere Leidenschaft verfolgt er nämlich seit seiner Kindheit: Das Sammeln: früher hortete er Versteinerungen, Münzen und Comicstrips. Heute sind es Ausschnitte, Referenzen und Quellen. Alles fließt in seine Mammutwerke ein. Die nächsten Jahre sind schon ausgeplant.