Wissenschafts-Journalismus heute

Jeder hat eine Geschichte

Laura lo Forti, A Fourth Act
 Von Christiane Löll und Marianne Falck

„Jeder hat eine Geschichte, aber nicht jeder ist ein Geschichtenerzähler”, erklärt Laura Lo Forti. Die ehemalige Printjournalistin ist Mitgründerin von „A Fourth Act“, einem Kollektiv aus Forschern, Designern, Technikern, Mediendienstleistern und Geschichtenerzählern. Gemeinsam ermöglichen sie es sozialen Interessensgruppen, mit verschiedenen Tools und Projekten eine packende multimediale Ausdrucksform für ihre Anliegen zu finden und so mehr Engagement von Bürgern zu ermutigen.

In Kopenhagen hält Lo Forti ein Plädoyer dafür, Leser aktiv in den Journalismus einzubinden und dessen traditionellen, eher starren Grenzen zu erweitern -  um somit den Weg vom „Journalismus als Vorlesung“ hin zu einer „Konversation mit den Lesern“ zu gehen. „Es gibt viele Begriffe dafür, was ich mache“, sagt Lo Forti. „Man kann es partizipativen Journalismus nennen, Bürger-Journalismus oder Netzwerk-Journalismus.“

Die gebürtige Italienerin lebt und arbeitet seit langem in den USA und bezeichnet sich selbst als „story midwife“, als eine Art Hebamme für Geschichten. Während andere Journalisten noch zurückschrecken vor den Kommentaren und dem Engagement ihrer Leser, sucht sie gerade das: die aktive Auseinandersetzung und ein Miteinander mit ihrem Gegenüber. Einen Teil ihrer Arbeitszeit gestaltet sie mit ihrem Ehemann Andrew deVigal zusammen, einem ehemaligen Multimedia-Redakteur der New York Times und Mitgründer von „A Fourth Act“. Auch er ist wie Lo Forti einer der Mentoren der Masterclass in Kopenhagen.

Rund 13 Jahre schrieb und arbeitete Lo Forti für verschiedene Magazine in Italien und fühlte sich zunehmend unwohl mit ihrer Funktion. „Journalisten sollen immer zwei Seiten einer Geschichte zeigen und neutral bleiben – doch wer entscheidet darüber, was neutral ist?“, fragt sie. „Und wer entscheidet darüber, was Nachrichtenwert hat?“ Sie empfand es als schwierig, soziale Themen unterzubringen. Als multimediale Medien um das Jahr 2000 an Fahrt aufnahmen, tauchte sie ein in deren Möglichkeiten.

Bei ihrer Arbeit denkt und handelt Lo Forti immer wie eine klassische Journalistin: Fakten zu checken, die Quellen zu hinterfragen und den Spannungsbogen der Geschichte festzulegen, das gehört für sie ganz selbstverständlich dazu. Und sie kennt die Bedenken vieler Kollegen, dass deren Handwerk überflüssig werden könnte in einer Welt, in der jeder via soziale Medien zuweilen oft belanglose Informationen schneller verbreiten kann.

Doch Lo Forti entgegnet: „Es geht nicht darum, dass ‘gewöhnliche‘ Menschen durch Blogs oder soziale Medien die Arbeit der Journalisten übernehmen, denn sie haben andere Wege als Journalisten, ihre Geschichten zu erzählen.“ Doch ihre Ansichten sollten eine größere Rolle spielen. Aus Lo Fortis Perspektive macht partizipatorischer Journalismus das Handwerk der Journalisten nicht überflüssig . Im Gegenteil: Ihre Arbeitsweise erweitert sich eher. Journalisten übernehmen neue Rollen, zum Beispiel die eines Kurators, wie der Journalistik-Professor und Medienvordenker Jeff Jarvis es nennt, wenn Medienmacher auf Ihren Online-Seiten Links zu besonders interessanten Videos, Blogeinträgen oder Fotosammlungen im Internet setzen.

Als herausragendes Beispiel für partizipativen Journalimus nennt Lo Forti ein Projekt des arabischen Senders Al Djazeera, der gezielt Stimmen von Bürgern aus dem Kriegsgebiet im Gazastreifen einholte, um die Lage in diesem Gebiet zu beschreiben.  Oder das multimediale Projekt „I see change“ (siehe unten), in dem sich Wissenschaftler und Bürger über den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Leben in den USA austauschen.

Bald entfaltet sich in der Masterclass eine intensive Diskussion um dem Umgang mit Leserkommentaren auf Online-Medien: Sind diese nicht oft sehr destruktiv? Nehmen sie nicht zu viel Arbeitszeit in Beschlag, vor allem wenn sie einen Artikel zu Unrecht kritisieren?  Muss man alles zulassen, was sich da Bahn bricht nach einem kritischen Artikel? Und wie kann man aus der Flut von Kommentaren diejenigen herausfischen, die die Diskussion vorantreiben und sie bereichern?

Medienexpertin Lo Forti hat Antworten: „Natürlich muss man nicht jeden in eine Diskussion einbinden, das geht auch gar nicht. Man darf selektiv sein.“ Am besten sei es, eine Tonalität festzulegen und den Lesern Fragen zu stellen, bevor sie sich selbst mit Kommentaren einschalten können. Idealerweise sollten auf einer Webseite keine anonymen Kommentare möglich sein, und Kommentare sollten moderiert und angeordnet werden. Durch technische Möglichkeiten gebe es Wege, „troll comments“ weniger sichtbar zu machen.

Dass ihr Weg des gemeinsamen Geschichtenerzählens gefragt ist, zeigt die Liste an namhaften Referenzen, etwa das Center for Digital Storytelling, Hollywood Theatre, Adobe Youth Voices  sowie eine Kooperation mit der World Press Photo Award-Gewinnerin Brenda Ann Kenneally.

Es geht Lo Forti aber nicht nur darum, durch partizipatorischen Journalismus für mehr Demokratie zu sorgen im Angebot der Informationen. Die Zahl und Qualität der Kommentare markiere schließlich auch das Interesse der Leser an einem Thema, die sich zunehmend daran gewöhnen, gehört zu werden. „Es geht eben auch ums Business. Und dafür muss man Zahlen über das Engagement der Leser vorlegen können. Wir müssen uns fragen: Wem wollen wir mit dem Journalismus eigentlich dienen?“ Lo Forti ist überzeugt: „Wir müssen uns mit unseren Leser-Communities in Verbindung setzen; auch, damit wir gehört werden und unsere Geschichten verkaufen können.“