Wissenschafts-Journalismus heute

Vom Hunger nach lebendigen Geschichten

Uwe H. Martin, Multimedia-Multitalent
Ein Multimedia-Projekt umzusetzen: Für viele Journalisten ist das ein Traum. Für Uwe H. Martin war es vor allem eine Geduldsprobe. „Manchmal muss man dranbleiben und auf sein Projekt warten“, sagt der Hamburger Fotograf, als er im Juni 2014 im Kopenhagener Grand Hotel den Teilnehmern der Masterclass Wissenschaftsjournalismus von seinen Erfahrungen berichtet. Den Stoff für die Geschichte zu sammeln, sei wie auf dem Acker. „Du säst etwas und wartest auf den Regen“, sagt Martin. „Manchmal bekommst Du was zum Ernten, manchmal gehst Du leer aus.“

Die Entstehungsgeschichte seines  „White Gold Project“, einer Foto- und Video-Dokumentation der Baumwollproduktion, an dem er seit 2007 arbeitet, ist denn auch eine vom Warten, vom langsamen Planen und Umdisponieren, vom Ergreifen unerwarteter Chancen und der Hoffnung auf den großen Erfolg. Letztere Hoffnung ging bei Martin, so viel sei jetzt schon verraten, auch in Erfüllung: Seine Bilder und Videos erschienen im Magazin „GEO“. „Das war ein großer Tag für mich“, sagt dazu der Fotograf: „Da ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen.“

Das „White Gold Project“ ist eine Geschichte über das Wesen der Industrialisierung, über die ökologischen und sozialen Umwälzungen, die sie in globalem Maßstab herbeiführt. Denn Baumwolle und Textilien bilden heute nicht nur das Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas: „Baumwolle steckt auch in Ohrenstäbchen und Kaffeefiltern“, sagt Martin.  „Sie macht Eiscreme cremig. Man kann sie an Tiere verfüttern.“ Und die weltweiten Auswirkungen der Baumwollwirtschaft sind gewaltig.

Um all die verschiedenen Aspekte der Baumwoll-Wirtschaft nachvollziehbar darzustellen, teilte Martin sein Projekt in fünf über den ganzen Globus verstreute Geschichten auf. Zwei Monate verbrachte er filmend und fotografierend in Texas, wo riesige Maschinen die traditionelle Feldarbeit der Baumwollpflücker übernommen haben. Eine Maschine ersetze dort hundert Menschen, sagt Martin.

Die erste Station des Projekts lag in Zentralasien, in der Aralsee-Region, wo heute alle Kinder drei Monate im Jahr auf den Baumwollfeldern zwangsweise arbeiten müssen, weil sie billiger sind als Maschinen. Darauf folgten Aufenthalte bei Kleinbauern in Indien, von denen schon viele den Freitod gewählt haben, weil sie von kommerziellem Saatgut und Dünger abhängig geworden sind und deshalb in eine Schuldenspirale gerieten. In Burkina Faso besuchte er Farmen für Bio-Baumwolle. In Brasilien recherchierte und fotografierte Martin zu Tierfutter aus Baumwollsamen, einem Nebenprodukt der Baumwollindustrie.

Von der Idee bis zur Publikation des Projekts vergingen sechs Jahre. Die Finanzierung sei schwierig gewesen, erzählt Martin, trotz Starthilfe in Form einer bescheidenen Förderung durch die Bonner Verwertungsgesellschaft Bildkunst, die die Urheberrechte von Bild-Künstlern durchsetzt und bei deren Kunden Verwertungsgebühren erhebt.

Ihm sei aber wichtig, betont er, stets Chef seines eigenen Projektes zu bleiben, nicht zum bezahlten Dienstleister eines Medienhauses zu werden. Deshalb habe  er ungewöhnliche Arbeitsstrategien erfinden müssen. Dazu gehörte, früh  neue Techniken einzubeziehen: „Als ich angefangen habe, außer Fotos auch noch Ton- und Videoaufnahmen zu machen, haben mir alle gesagt, dass daran niemand Interesse hätte“, sagt der Fotograf. Später zahlte sich die Strategie aber aus. Denn „Geo“ suchte für die iPad-Version seines Heftes genau solche Mischformen.

Das multimediale Arbeiten begann für Martin mit einem Schlüsselerlebnis, das ihn schon zu Studienzeiten ereilte, als er mit einem Fulbright-Stipendium in den USA unterwegs war. „Ich fand keinen Autoren, der mit mir zusammen arbeiten wollte“, so Martin. „Deshalb hatte ich immer hübsche Bilder, aber leider keine Geschichte dazu.“ Dann habe Brian Storm ihm geraten, ein Tonbandgerät zu kaufen. „Dann brauchst Du keinen Autoren!“ Das, sagt Martin heute, „war ein Augenöffner.“ Ebenso unvermittelt kam später das Medium Film hinzu: Die Anleitung für seine erste Filmkamera, erinnert sich Martin, habe er im Flugzeug nach Indien gelesen.

Auch wenn eine Geschichte mehr Zeit braucht als erwartet, lohnt es sich, dranzubleiben – das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis, die die Masterklässler aus Martins Erfahrungen mitnehmen. Und dass es möglich ist, neue Erzählformen und neue Techniken im Alleingang auszuprobieren.