Wissenschafts-Journalismus heute

Digitaler Neustart in der Krise

Patricia F. de Lis, Gründerin esmateria.com
Von Dirk Böttcher

Patricia F. de Lis ist müde. Ein Flug aus Südamerika steckt der spanischen Journalistin und Publizistin in den Knochen, der Jetlag ist der Preis für ein ansehnlich vorangekommenes Projekt, das einst aus der Not heraus geboren wurde. „Mal sehen, wie weit wir heute kommen“, sagt sie zu Beginn des Workshops.

Mit dieser Einstellung gründete Sie auch das digitale Wissenschaftsmagazins „Materia“. Die resolut auftretende Spanierin mit den brünetten langen Haaren möchte es langfristig als das renommierteste Online-Angebot für spanischsprachigen Wissenschaftsjournalismus entwickeln. Dass sie mit diesem Vorhaben bereits ein gutes Stück voran gekommen ist, davon zeugen die häufiger werdenden Dienstreisen auch nach Südamerika. Gerade kehrte sie aus Kolumbien zurück.

Sie begann mit der Arbeit am Online-Magazin Materia, als Spanien den Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise erlebte, in deren Folge auch die Tageszeitungen einen Großteil der Belegschaft abbauten. Die Redaktionen für Wissenschaftsjournalismus waren dabei die ersten, die eingespart wurden. De Lis verließ Spaniens führende Tageszeitung El Pais von allein und mit einer publizistischen Idee.

Wenn Print sich von der Wissenschaft verabschiedete, wollte sie die Wissenschaft online wieder zurück zu den Lesern bringen. Neue Ideen, glaubt sie, seien in der wirtschaftlich schwierigen Situation wie derzeit in Spanien nur in digitaler Form umsetzbar. Das sagt sie ohne Wehmut. Die Abkehr vom gedruckten Journalismus sei längst die Option, mit der sie journalistisch ungleich vielseitiger arbeiten könne. „Wir dürfen die Vergangenheit nicht idealisieren, das digitale Format erlaubt uns heute ein weltweite Vernetzung und Vermarktung. Früher wäre das für ein kleines Team wie uns unmöglich gewesen.“

Das Startkapital für ihr Online-Projekt warb sie bei institutionellen Geldgebern ein, anfangs ausgerechnet bei einer Bank. Das publizistische Modell basiert darauf, dass sich möglichst viele traditionelle Medien für die Themen interessieren und die Artikel nachdrucken sowie auf einer konsequenten Vernetzung im gesamten spanischsprachigen Raum. Bislang existiert neben Materia kein anderes relevantes Wissenschaftsmagazin in der gesamten spanischsprachigen Welt.

Im Jahr 2012 ging das Materia-Magazin online. Den Weg dahin erzählt de Lis in einem faszinierenden Vortrag nach. Am Ende ist sie wieder munter.

 

Die Ausgangslage:
Die Tageszeitungen in Spanien sparen bei den Wissenschaftsseiten. Überdies ist der gesamte spanischsprachige Raum für den Wissenschaftsjournalismus ein weißer Fleck. Die Folge: Leser, die nicht auf Englisch oder in anderen Sprachen Medien konsumieren können, sind vom Wissensfluss nahezu abgeschlossen. Auf der anderen Seite bleibt viel Wissen aus der hispanischen Wissenschaftler-Community unveröffentlicht.

Das Vorhaben:
Materia soll das beste spanischsprachige Wissenschaftsangebot im Netz sein. Dabei geht es weniger um die Zahl der Klicks, sondern darum, dass viele andere Medien, auch die aus dem Bereich Print, die Artikel von Materia nachdrucken oder darauf verweisen.

Die Umsetzung:
Sechs feste Redakteure arbeiten derzeit für Materia, dazu kommen freie Autoren, die Texte und Ideen liefern. Texte werden von Redakteuren und Autoren geschrieben, ein bis zwei werden pro Tag veröffentlicht. Materia lädt andere Medien ein, diese Texte im Rahmen einer Zweitverwertung nachzudrucken. Diese Honorare sind ein Standbein der Vermarktung, die Autoren und die Plattform profitieren davon finanziell, aber auch durch die Reputation und steigende Bekanntheit. Die größten spanischen Tageszeitungen wie El Pais und El Mundo nutzen regelmäßig Texte von Materia.

Das digitale Konzept:
Der wichtigste Weg zu Materia ist Facebook. Texte, die dort geteilt und geliked werden, führen die meisten Leser auf die Webseite. Um dies zu fördern, legt Materia bei der Auswahl der Texte ein Augenmerk auf Aktualität, um sich in bestehende Informationsflüsse im Web einzuklinken. Dafür ist auch der Fokus auf wichtige Termine, Jahrestage und Events hilfreich. Ebenso zeigt es sich, dass Geschichten mit starken persönlichen Perspektiven größere Erfolgsaussichten im Netz haben.

Das Dogma:
„Online is forever“ lautet eine der Thesen von de Lis. Ihre ganz praktische Schlussfolgerung daraus ist, niemals einen Text zu veröffentlichen, dessen Fakten nicht hundertprozentig belegt werden können.

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Ein inhaltlich und gestalterisch sehr ambitioniertes Online-Magazin.Das Layout der Themen gerät regelecht künstlerisch. Inhaltlich wird jeden Monat ein einzelner Schwerpunkt behandelt, zu dem jeweils Donnerstags ein neues Thema veröffentlicht wird. Die Texte verbinden Wissenschaft, Kultur und Philosophie, die Autoren sind meist hochrangige Wissenschaftler, Künstler und Denker. Eine Auswahl dieser Artikel erscheint zudem vierteljährlich in einer aufwendig gestalteten Printausgabe, die weltweit vermarktet wird. Gefördert wird das Projekt durch die Templeton Foundation, der Simons Foundation und das Howard Hughes Medical Institute. Sitz der Redaktion ist New York, Chefredakteur John Steele.
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