Wissenschafts-Journalismus heute

Der Inhalt ist König

Andrew de Vigal, früherer NYT-Multimediachef
Von Kai Kupferschmidt und Astrid Viciano

Andrew de Vigal schüttelt es fast, wenn er von dem spricht, was viele Kollegen gemeinhin unter multimedialer Gestaltung verstehen. Da dächten viele an Fotos zum Text, an Videos, die einen Artikel begleiten, sagt er. Dabei ginge es um viel mehr. „Durch eine innovative Darstellung möchten wir einen Artikel verständlicher machen oder auch den Usern ermöglichen, mit der Geschichte zu interagieren“, sagt de Vigal.

Der Amerikaner gilt als Pionier des multimedialen Storytelling, als Big Shot der transatlantischen Entwicklerszene. Im Juni 2014 reiste er nach Kopenhagen, um seine Erfahrungen mit der Masterclass der Robert-Bosch-Stiftung zu teilen.

Die wirkliche Innovation bei Projekten wie zum Beispiel Snowfall sei kulturell gewesen, sagt de Vigal: Redakteure mussten plötzlich anders darüber nachdenken, wie sie eine Geschichte produzieren, und Autoren mussten sich plötzlich von Kollegen aus anderen Bereichen hineinreden lassen.

De Vigal glaubt fest an Teams: „Sucht Euch Kollegen, die Eure eigenen Schwächen ausgleichen“, rät er. Um ein Team aufzubauen, nutzt er sein persönliches Netzwerk, sieht sich jedoch auch an Universitäten um, zum Beispiel in technischen Studiengängen, die mit Journalistenschulen zusammenarbeiten. Auch Hacker-Festivals stellen eine gute Gelegenheit da, talentierte Programmierer für ein Projekt zu gewinnen, sagt er.

Bevor die Projektentwicklung beginnt, müssen zentrale Fragen beantwortet werden: Worum soll es in dem Artikel gehen, welche Mittel brauche ich, um das Thema anschaulich zu vermitteln? „Der Inhalt ist König“, sagt de Vigal. Daher sollte man sich stets fragen, ob die Elemente aus Video, Foto oder Infografik für das Thema tatsächlich nötig seien. Storytelling als technische Spielerei hat für ihn keinen Wert.


De Vigal erwähnt eine Reihe von Online-Tools, die bei der Erstellung eigener Projekte helfen können:
  • Cowbird: Diese Webseite bietet Storytelling-Tools kostenlos an, allerdings nur Text und Fotos, keine Videos.
  • Klynt - Deutschlandradio, Deutsche Welle, Ärzte ohne Grenzen, AFP und die Universität zählen zu den Kunden der französischen Firma, die innovative Tools zur Erstellung von Storytelling gegen Bezahlung anbietet.
  • Zeega: Unter anderem von der Knight Foundation unterstützt, erlaubt dieses Tool ebenfalls, Storytelling-Projekte zu erstellen, mit Dateien aus der Cloud - GIFs, Audio-Dateien, Fotos.


Zunächst gelte es jedoch, einen Wireframe des Projekts zu erstellen -  eine visuelle Darstellung also, die eine Hierarchie der verschiedenen Elemente des Projekts ergeben soll.  Dabei riet De Vigal davon ab, nicht-lineare Erzählformen zu verwenden. „Es muss in der Geschichte einen zentralen roten Faden geben, zu dem die User stets zurückkehren können“, sagt er.

Auch die Startseite sollte dem User nicht viele Wahlmöglichkeiten bieten, da er sich sonst schnell im Projekt verirrt. Bei Snowfall zum Beispiel hätten die New York-Times-Kollegen einen streng linearen Erzählstrang gewählt, der User scrollt einfach nur stetig nach unten.

Bei der Auswahl der Elemente sollte man sich klar darüber sein, welchen Effekt die Darstellung hervorrufen kann. Videos beispielsweise schockieren Menschen tendenziell mehr als Fotos, sagte de Vigal. Doch stoßen sie den User auch eher ab. Fotos dagegen bewirken, dass die User näher rücken, dass sie mehr wissen, mehr sehen wollen.

Häufig sei die einfachste Herangehensweise die beste. Als Beispiel dafür zeigt er ein Video über das Leben eines an Alzheimer Erkrankten aus der New York Times, das mit minimalen Mitteln beim Leser und Zuschauer maximale Effekte erzielt.

Zur Person

Seit Andrew de Vigal als College-Student in Kalifornien für die Tageszeitung Contra Costa Times zu arbeiten begann, ging es mit seiner Karriere stetig bergauf. Nach dem Studium heuerte er als Praktikant bei der Chicago Tribune an, nach acht Monaten wurde er übernommen. Dort kümmerte er sich um Infografiken, überlegte, wie er Geschichten mit Hilfe des digitalen Storytellings neu erzählen konnte.

Nach drei Jahren stellte er Entwickler ein, um die Internetseite der Zeitung aufzubauen. Ein Jahr später, im Jahr 1994, ging die Seite chicagotribune.com online. Nach zwei weiteren Stationen ging er im Jahr 2006 zur New York Times, leitete ein Multimedia-Team aus Journalisten, Entwicklern, Grafikern und Programmierern.

Mit seiner Mannschaft gewann er gleich zwei Emmy Awards – den ersten Preis für „One in 8 million“ über den Alltag der Menschen in New York, den zweiten für „A year at war“ über den Krieg in Afghanistan. Er leistete auch die Vorarbeit für das renommierte Snowfall-Projekt der Times.

De Vigal zog es dann nach Portland, Oregon, um bei der Firma Second Story zu arbeiten – einem jungen, innovativen Unternehmen, das sich mit neuen Formen des interaktiven Storytelling befasst. Im Februar 2014 gründete de Vigal seine eigene Storytelling- und Design-Agentur Fourth Act und präsentierte im April vergangenen Jahres seine App Harvis auf einem Filmfestival. Im Juli 2014 wurde er zum Professor für journalistische Innovation und bürgerliches Engagement der Universität Oregon ernannt.

Beispiele für komplexe Projekte

Firestorm (The Guardian)
In sechs Kapiteln erzählt das Projekt die Geschichte einer Familie, die einen verheerenden Waldbrand in Tasmanien überlebt. In einem wunderschönen Layout verschmelzen Text und zahlreiche Videoclips, Fotos und Audiodateien zu einem nahtlosen Ganzen.
Bear 71
Eine interaktive Dokumentation, die die Geschichte eines Grizzlybärs im kanadischen Banff-Nationalpark erzählt.
Riding the New Silk Road (New York Times)
Das Projekt hat ein besonders simples und schönes Ordnungsprinzip. Der Leser scrollt von oben nach unten eine Karte entlang, einen Abschnitt der Seidenstraße, und bewegt sich dabei auch durch Fotos und kurze Videos entlang dieser Route.
Inside the Haiti Earthquake
Der User kann die Nachwehen des Erdbebens in Haiti aus der Sicht einer Überlebenden, eines Helfers oder eines Journalisten erleben. Dabei muss er immer wieder Entscheidungen über sein Verhalten treffen und bestimmt so selbst das Szenario. Ein solches Projekt könne inzwischen mit den Tools von Klynt erstellt werden, sagt de Vigal.