Wissenschafts-Journalismus heute

Astrid Viciano: Ich werde so verrückt im Kopf

Rund 44 Millionen Menschen leiden weltweit an Demenz, und Schätzungen zufolge werden es bis zum Jahr 2050 dreimal so viele sein. Viele Demenzkranke erhalten heute Medikamente, die nicht für sie geeignet sind. Schlafmittel, die ihnen schaden, Antipsychotika, die manche von ihnen aggressiv machen und sogar ihre Lebenszeit verkürzen. Eine der renommiertesten Pflegeeinrichtung weltweit in den Niederlanden wirbt damit, anders mit Demenzkranken umzugehen, mit viel persönlicher Zuwendung und wenig Medikation für ihre Bewohner zu sorgen. Doch selbst dort erhielt ein Patient unzählige Medikamente, bis er elendig verstarb. Wie konnte es dazu kommen? Eine Spurensuche.

Astrid Viciano zeigt, wie wichtig der Mut für investigative Recherchen zu wissenschaftsnahen Themen ist. 

  • Budget: 4.000 € bis 5.000 €
  • Zeit: 4 bis 5 Monate
"Nach der Masterclass gehört Multimediales Storytelling inzwischen zu meinem festen Repertoire an Erzählformen, über die ich im Laufe einer Recherche nachdenke."

Dr. med. Astrid Viciano arbeitet als Redakteurin beim Wissen am Wochenende der Süddeutschen Zeitung. Zuvor hat sie fast vier Jahre als freie Wissenschaftsjournalistin in Paris gelebt, sich dort auf investigative Recherchen und Cross-Border-Journalismus spezialisiert. Zuvor war sie Redakteurin bei Focus, Die Zeit und stern, arbeitete zuletzt für zwei Jahre für den stern in Los Angeles. Dort hat sie auch einen Master in Specialized Journalism an der renommierten Annenberg School of Journalism absolviert. Ihr Medizinstudium hat sie in Regensburg, Würzburg und Zaragoza verbracht, ihr Praktisches Jahr in Bordeaux, Sevilla und Salamanca. Sie recherchiert auf Deutsch, Spanisch, Französisch, Englisch und Niederländisch. 

 

  • Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Die Idee entstand im Austausch mit meiner niederländischen Kollegin Stella Braam, deren Vater vor seinem Tod an Alzheimer gelitten hat.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Der Enthusiasmus der Kollegen bei Spiegel Online war überraschend. In den Treffen, persönlich oder über Skype, kamen viele, interessante Ideen auf. Der Wunsch, gemeinsam etwas ästhetisch Anspruchsvolles und inhaltlich Wertvolles zu schaffen, stand sofort im Vordergrund. Die Zusammenarbeit mit den Videojournalisten von Spiegel Online war extrem bereichernd für mich. Der stetige Austausch über Form und Inhalt, der Wille, Video und Text nicht einfach nebeneinander zu stellen, sondern "miteinander sprechen zu lassen", war eine Herausforderung, der wir uns gemeinsam gestellt habe, was sehr viel Freude bereitet hat.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Eine der Hürden war zunächst, wie sich eine investigative Recherche in ein multimediales Projekt umsetzen lässt. Wie kann ein großes, faktenreiches Thema jenseits eines langen Textes und Infografiken ansprechend aufbereitet werden? Wie ziehen wir die Aufmerksamkeit möglichst vieler Leser auf uns? Außerdem standen wir vor der Herausforderung, gleichzeitig auch Ratgeber-Elemente in das Projekt einzubauen - Informationen über Demenz, deren Behandlung. Den Mittelweg zwischen investigativer Recherche und Ratgeber-Stück zu finden und dabei den Leser emotional anzusprechen, das war die größte Herausforderung.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Ich kann heute besser beurteilen, welche Themen für ein multimediales Projekt geeignet sind. Zudem fällt es mir leichter zu sehen, an welchen Stellen eines solchen Projekts Foto, Video und Text miteinander verzahnt werden können.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Die Verbindung von Bild und Text. Wir wollten uns nicht damit zufrieden geben, dass zum Beispiel Videos oder Fotos lediglich einen Aspekt des Textes genauer beleuchten. Stattdessen wollten wir eine Dramaturgie entwerfen, in welcher der Aufbau des Textes direkt in das darauffolgende Video führt. Oder in welcher das Video neugierig macht auf den Fortgang des Textes. Diese direkte Verzahnung der multimedialen Elemente war die größte Herausforderung und gleichzeitig der interessanteste Aspekt des Projekts.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres multimediales Projekt vorgenommen hat?

Ich würde ihm oder ihr raten, genau zu prüfen, warum er/sie das Thema multimedial aufbereiten möchte. Was kann man bei dem Thema multimedial erzählen, was nicht allein in Text oder nur im Video darstellbar ist? Zudem sollte rasch klar werden, wie ein emotionaler Zugang zum Thema möglich sein könnte. Wer sind die Hauptpersonen? Eignen sie sich für Text, Bild und Video? Tragen diese Hauptpersonen alle Aspekte des Themas durch die gesamte Geschichte?
Jenseits der inhaltlichen Fragen würde ich empfehlen, mir ein kompetentes Team zu suchen, das ehrliches Interesse am Thema hat und daran, sich an neuen Ausdrucksformen zu versuchen. Es sollten offene, kreative Kollegen sein, die mit Enthusiasmus und Teamgeist an dem Thema arbeiten wollen.
Schließlich würde ich den Kollegen raten, sich um die Finanzierung des Projekts zu kümmern. Denn leider ist die Bezahlung der Multimedia-Projekte sehr dürftig und ohne Crowdfunding oder Stipendien finanziell kaum zu bewältigen.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Dass viel Kreativität gefragt ist, um Geschichten neu anzugehen. Dass man aber selbst als Printjournalist schnell in der Lage ist, in multimedialen Erzählsträngen zu denken, Kapitelstrukturen zu entwerfen und geeignete Erzählformen miteinander zu verweben. Zudem habe ich auch gelernt, dass eine multimediale Erzählform einen Magazinjournalisten nicht in seinen Möglichkeiten beschränken muss, weiterhin lange und tiefgründige Stücke zu verfassen. Stattdessen werden diese Texte anders strukturiert und durch andere, multimediale Elemente komplettiert und bereichert. Multimediale Erzählformen ermutigen selbst traditionelle Printjournalisten in neue kreative Prozesse einzusteigen, sich für neue Tools, neue Darstellungsformen im Journalismus zu begeistern. Multimediales Storytelling macht Hoffnung auf einen noch reicheren, anspruchsvolleren Wissenschaftsjournalismus in den kommenden Jahren.