Wissenschafts-Journalismus heute

Bernhard Albrecht: Lufts Traum - Comic über Bluthochdruckforschung

Er ist 73, hat ein erfülltes Forscherleben hinter sich, genug Preise, genug Renommé. Der Bluthochdruck-Forscher Friedrich Luft vom Berliner Max Delbrück-Zentrum für molekulare Medizin könnte seinen Ruhestand genießen - wäre da nicht diese türkische Familie aus einem Dorf an der Küste des Schwarzen Meeres. Mit ihrer Hilfe wollen Luft und sein Team die Volkskrankheit Bluthochdruck entschlüsseln - und eine neue Gruppe von Medikamenten aus der Taufe heben.
Bernhard Albrecht zeigt, dass die gut erzählte Wissenschaftsreportage mit den Möglichkeiten einer modernen Bebilderung immer einen Platz im Wissenschaftsjournalismus haben wird.

Unter anderem auch für diesen Beitrag erhielt Bernhard Albrecht 2016 den Holzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus im Bereich Print. 

Zum Projekt

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  • Zeit: 3 bis 4 Monte (6 Wochen netto)
Bernhard Albrecht studierte Medizin und Publizistik in Bochum, Uppsala, Barcelona und Straßburg. Seit 1994 schrieb er nebenher für Tageszeitungen und Zeitschriften, entschied sich aber zunächst für eine Tätigkeit als Arzt in der Neurologie. Im Jahr 2000 absolvierte er die Evangelische Journalistenschule in Berlin. Anschließend arbeitete er für verschiedene Fernsehanstalten und schrieb u.a. für Spiegel und Geo. Mehrfach wurde er für seine Arbeiten ausgezeichnet, u.a. mit dem Adolf-Grimme-Preis 2010 und dem Deutschen Reporterpreis 2013. Im Jahr 2013 erschien sein Buch "Patient meines Lebens - von Ärzten, die alles wagen". Er lebt heute als Redakteur des Stern in Hamburg und München.

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  • Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Im November 2013 trafen am Max Dellbrück-Zentrum für molekulare Medizin Mitglieder der türkischen Großfamilie ein, die an einer Erbkrankheit litten. Sie sollten untersucht werden, ich führte Interviews. Nach einer Bedenkzeit lehnten sie Fotos ab – aus Furcht, man könnte sie erkennen und der Makel des erblichen Bluthochdrucks würde die Heiratschancen ihrer Kinder mindern. Ohne Fotos war ihre Geschichte im stern nicht erzählbar. Als ich von der Masterclass hörte, fasste ich den Plan, den Forschungskrimi mit hochwertigen Illustrationen zu erzählen.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Die Entdeckung der Illustratorin Sonja Danowski. Sie hatte die entscheidenden Fähigkeiten für dieses Projekt, konnte Menschen und ihr Gefühlsleben so realistisch darstellen, als zeichne sie anhand von Fotos. Doch die Gesichter entstammen ihrer Fantasie, denn die Familienmitglieder durften nicht erkennbar sein. Sie musste Bildvorlagen recherchieren, die kaum zu bekommen sind: Wie sah eine Hochzeit in der ländlichen Türkei im 19. Jahrhundert aus? Wie ein türkisches Grab um das Jahr 1960? Sonjas Malstil ist ein Novum in den deutschen Medien.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

1. Themenwahl-bedingt: Ein Langzeit-Forschungsprojekt in der Endphase live zu begleiten, ist ein gewagtes Unterfangen, weil die Zeiträume, in denen Wissenschaftler denken (müssen), andere sind als die von Journalisten. Zum Zeitpunkt meiner Masterclass-Bewerbung schienen die Forschungsarbeiten abgeschlossen. Die Wissenschaftler traten exklusiv an die renommierte medizinische Fachzeitschrift New England Journal of Medicine heran. Bis die Fachgutachter dort geprüft und die Arbeit schließlich leider abgelehnt hatten, vergingen zwei Monate. Die nächste Fachzeitschrift zeigte sich interessiert, forderte aber zusätzliche Experimente. Auch konnte ich auf Bitte der Wissenschaftler zu keinem Zeitpunkt mit der Fachzeitschrift Kontakt aufnehmen, um die Annahme der Publikation nicht zu gefährden. Dies erschwerte jedoch die Planung des Stern, weil eine so lange Geschichte (ohne Werbeanzeigen!) möglichst einige Wochen vorher eingeplant werden sollte.

2. Storytelling-bedingt: Ich habe ein „Drehbuch“ für die Bilderzählung geschrieben, das gut funktionierte – bis auf das Aufmacherbild, das zwar wunderschön war, aber nicht geeignet, um schnell deutlich zu machen, wohin diese Geschichte will. Das habe ich erst beim Texten von Titel und Vorspann bemerkt. Bei einer Reportage mit Fotos würde man nun aus einem großen Pool ein neues Aufmacherbild wählen, hier aber war alles so fein abgestimmt und in Form gegossen, dass ein neues Bild in Auftrag gegeben und die Bilderzählung umgebaut werden musste – was sowohl kostentechnisch als auch erzählerisch eine größere Herausforderung ist, als einen Text komplett umzuschreiben.

3. Technisch bedingt: Stern online hatte noch nicht das nötige Tool, um diese Geschichte als One-Pager zu erzählen. Die Entwicklung oder Anpassung der nötigen Werkzeuge hätte nach vorläufigen Schätzungen womöglich einen fünfstelligen Betrag gekostet. Mithilfe der Programmierfähigkeiten eines Diplom-Informatikers, der temporär für Stern online tätig war, sowie auf Basis des open source-Tools Aesop schafften die Online-Redakteure Florian Gossy und Patrick Rösing die nötigen Voraussetzungen.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Elliptisch erzählen und sich dabei von Bildideen leiten zu lassen. Eine ambitionierte Zusammenarbeit zwischen Print und online in einem großen Verlagshaus durchführen. Die Masterclass hat mich aus dem Jahr 2000 (dem Abschlussjahr meiner Journalistenschule) binnen 5 Tagen Crashkurs in Kopenhagen in die Gegenwart katapultiert.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Die Zusammenarbeit mit Sonja Danowski und den Teams von stern Print und stern online. Alle Beteiligten waren von Anfang an entzündet für die Idee. Es gab, das ist ein besonderes Glück, keine Reibungsverluste, obwohl das Projekt einen Wechsel der Chefredaktion von stern und stern online überleben musste.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres multimediales Projekt vorgenommen hat?

Als festangestellter Redakteur hatte ich das Privileg, alle beteiligten Mitarbeiter jederzeit kontaktieren zu können. Die Schnittstellenfunktion zwischen online und Print habe ich übernommen. Dies wäre als freier Autor kaum leistbar, ich würde mich dann auf eine Medienart konzentrieren. Angesichts hoher Entwicklungskosten würde ich künftig von vorne herein eine internationale Verwertung anstreben, so wie dies im Dokumentarfilmsektor üblich ist. Als freier Autor würde ich ein angemessenes Honorar für meine Leistung einkalkulieren – die Budgets der online-Redaktionen stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand, der geleistet werden muss.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Mit einem großzügigen Stipendium können wir zeigen, dass sehr viel möglich ist. Die große Aufgabe aber besteht jetzt darin, ein tragbares Geschäftsmodell für große Multimediaprojekte zu entwickeln, das auch ohne Stipendium funktioniert. Die internationale Verwertung wäre hier ein Weg.

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