Wissenschafts-Journalismus heute

Dagny Lüdemann: Wer darf leben?

Ein einfacher Bluttest revolutioniert die Pränataldianostik: Aus dem Blut einer werdenden Mutter kann man heute ab der zehnten Schwangerschaftswoche Gendefekte ungeborener Kinder erkennen. Trisomie 21 zum Beispiel. Wie viele Paare, die vom Down-Syndrom ihres Ungeborenen erfahren, entscheiden sich gegen das Kind? Was bedeutet die Entscheidung für oder gegen einen Bluttest für die werdenden Eltern?

Auf emotional und ethisch schwierigem Terrain kann die wissenschaftsjournalistisch neutrale Darstellung verschiedener Perspektiven und wissenschaftlicher Hintergründe nicht nur Informationen vermitteln, sondern Vorbehalte und Tabus brechen und wichtige Diskussionen anstoßen. Dagny Lüdemann ist in ihrem multimedialen Projekt die Gratwanderung gelungen - ihr Projekt stieß auf große Resonanz und wurde z.B. von Behinderten- und Hebammenverbänden zitiert. 2015 folgte eine Nominiert für den Grimme Online Award sowie für einen Lead Award. Das Stück war lange Zeit der meist gelesene Beitrag auf ZEIT Online. 

"Kurz nach dem "Wer darf leben?"-Projekt fing mein schon lange geplantes Sabbatical an: Ein halbes Jahr, in dem ich zuerst in Paris gelebt und später einige Monate auf Bonaire in einer Schutzstation für Meeresschildkröten gearbeitet habe. Ich bin ja ursprünglich Biologin und leidenschaftliche Taucherin. Nach meiner Rückkehr habe ich gemerkt: Es hat sich schon wieder wahnsinnig viel getan im Online-Journalismus: Technisch wie auch inhaltlich. Würden wir jetzt wieder so ein Projekt planen, wäre es noch opulenter, hätte eine bessere Usability auf dem Smartphone und wir würden weitere Social-Media-Kanäle in unsere Überlegungen einbeziehen - also mehr als Twitter und Facebook." 

Dagny Lüdemann – Biologin und Wissenschaftsjournalistin – leitet bei ZEIT ONLINE seit 2011 die Ressorts Wissen, Digital und Campus.
Nach dem Studium in Hamburg und Montpellier schrieb sie frei für Spektrum der Wissenschaft, GEO und andere und volontierte beim Tagesspiegel in Berlin. Ihr Multimedia-Dossier "Wer darf leben?" wurde 2015 für den Grimme Online Award nominiert und erhielt eine Lead-Award-Auszeichnung. Das komplette Dossier erschien zusätzlich in Leichter Sprache.

  • Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

„Was, eins zu vierzig?!“. Seitdem Freundinnen von mir zum ersten Mal schwanger wurden – und keine war zu diesem Zeitpunkt jünger als 34 – habe ich immer wieder den Schock miterlebt, wenn sie erfuhren, wie hoch ihr statistisches Risiko sei, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Fast allen wurde ein Test nahegelegt. Allein wegen ihres Alters. Erste Reaktion: „Ich hätte nie gedacht, dass es so ein realistisches Risiko ist. Ich dachte, es sei mehr so 1:100.000 – und egal, ob man jetzt 37 oder 42 ist!“ Zweiter Gedanke: „Wo sind die ganzen Kinder mit Down-Syndrom?“ In unserm Umfeld gab es reihenweise Erstmütter jenseits der 40 mit gesunden Kindern, gern auch mal Zwillingen. Keine hatte jemals einen Abbruch wegen einer Behinderung erwähnt. Schon eher hörte man mal von einer Fehlgeburt.

Gleichzeitig werden Tests auf Gendefekte vor der Geburt immer leichter und früher möglich, die Einführung des PraenaTests in Deutschland hat eine Debatte losgetreten: Wer darf leben? Wer entscheidet das? Werden künftig Menschen aussortiert? Der Zeitpunkt schien perfekt, dieses Thema groß anzugehen.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Dass die technische Umsetzung unser kleinstes Problem sein würde. Die ZEIT-ONLINE-Redaktion hat ein von mir ungeahntes Potenzial, was das Umsetzen von Grafiken und Videos, das Programmieren von Features angeht. Auch die Arbeit mit Freien war fantastisch. Ich dachte vorher, ich müsste als Leiterin des Projektes jeden technischen Schritt komplett selbst verstehen. Es war zudem eine gute Entscheidung, einen Kollegen, der nicht im Autoren-Team an den Inhalten mitarbeitet, mit der rein organisatorischen Koordination (Wer macht wann was?) zu betrauen.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Die Zusammenarbeit mit der Ohrenkuss-Redaktion ist daran gescheitert, dass unsere Protagonisten für eine Video-Reportage aus einem Chromosomen-Labor nicht mehr mitmachen wollte. Am Ende konnte ich nicht genug Vertrauen aufbauen, dass die Zusammenarbeit in etwas münden würde, mit dem alle am Ende zufrieden wären.

Zudem war für mich von Anfang an klar: Das Multimedia-Dossier muss nebenbei entstehen. Das Daily Business geht weiter. Mehrarbeit nachts und am Wochenende hatte ich schon eingeplant. Ich musste also effizient denken – das tun, was zur Umsetzung unmittelbar nötig war. Bei aller Liebe zum Thema: Für mich blieb es an irgendeinem Punkt ein Job, der in manchen Momenten einfach pragmatisch „erledigt“ werden musste.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Definitiv: Im großen Team arbeiten und loslassen. So ein Projekt muss man in Einzelteile und auf mehrere Leute aufteilen und dann auch das Vertrauen haben, dass die Team-Mitglieder ihren Teil richtig und gut machen werden. Meine Aufgabe war mehr, die Grundidee, die gedankliche Richtung, den Ton der Sprache, das Gefühl für das Thema, also ein Gerüst zu vermitteln, damit alle in etwa in eine ähnliche Richtung arbeiten. Ich habe mich dann ja sogar entschieden, keinen der Haupttexte selbst zu schreiben. Ich war der Überzeugung, dass die Kollegen, die nicht zusätzlich die inhaltliche Koordination machen und dabei das Ressort leiten müssen, den Kopf dafür eher frei haben. Ich habe ihnen dann dafür die Freiräume geschaffen. Ich habe dann alles verbunden, gedanklich und strukturell.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Zu sehen, wie am Ende alles ineinander gegriffen hat. Das ganze Team hat außerdem eine irre Leidenschaft für das Thema entwickelt. Zum Schluss gab es noch ein bisschen Chaos und Panik, weil noch viele Kleinigkeiten zu tun waren: Da haben alle zusammengehalten und es durchgezogen. Und: Die Reaktionen. Ich habe noch nie etwas veröffentlicht, was do viel positives, emotionales und fachlich hochwertiges Feedback erzeugt hat. Über viele Ecken habe ich erfahren: Es wurde geredet in Deutschland über dieses Projekt. Als alles fertig und online war und wir durch eine glückliche Fügung am Folgetag noch das tolle eingesprochene ZEIT-Audio der Reportage über die Erdingers bekommen, saßen die Kollegen, die am engsten mitgearbeitet hatten, in der Küche. Wir haben den ganzen Text noch einmal angehört. Vorgelesen wie ein Hörbuch. Alle haben geweint, obwohl wir die traurigen Passagen zigmal gelesen, redigiert und besprochen hatten. Solche Momente in der journalistischen Arbeit haben wir normalerweise nicht.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres multimediales Projekt vorgenommen hat?

Vieles anstoßen und am Ende den Mut haben, wegzulassen. Ansprechpartnern gleich sagen: Es kann sein, dass Ihr Input nicht verwendet wird. Alles, was planbar ist (Infografiken, Zahlen, Fakten) sehr früh komplett fertigstellen. Monate vor Abgabe. Inklusive Korrekturen und allem. Zum Schluss Zeit für Unerwartetes lassen. Die grobe Richtung (Was soll das Ganze am Ende aussagen? Welche Bedingungen haben wir uns gesetzt?) einhalten, aber an Kreuzungen zwischendurch neue Wege einschlagen. Wenn die Zeit knapp wird, pragmatisch denken: Als die Zusammenarbeit mit Ohrenkuss scheiterte, waren wir enttäuscht, weil wir so dringend wollten, dass Betroffene vorkommen in dem Dossier. Und wir hatten plötzlich keinen Ort mehr auf der Seite, an dem die Trisomie 21 erklärt wird – denn das hatte ein Mitglied der Ohrenkuss-Redaktion im Video machen sollen. Ich habe dann überlegt: Jetzt einen völlig neuen Partner suchen? Einen Verein, eine Institution mit Menschen mit Down-Syndrom und alles von vorne besprechen – mit dem Risiko, dass es nicht klappt? Oder einfach ein klassisches Erklärvideo aus dem eigenen Haus produzieren? Ich habe mich dann angesichts der Zeit für Variante zwei entschieden.

Offen sein für Hinweise, Ideen, Anregungen: Weiterverfolgen, was gut läuft. Weglassen, was schlecht läuft. Dass wir das Audio bekommen, ergab sich zufällig. Unsere Übersetzerin entpuppte sich als Ass – die Version in Leichter Sprache wurde am Ende viel bedeutender als gedacht. Erst im Prozess habe ich gemerkt: Das ist für alle Leser spannend, nicht nur für Behinderte. Ich habe dieser Version dann viel mehr Raum gegeben als es mal angedacht war.

Das Ganze als Prozess verstehen – nicht als abgeschlossenes Mammutwerk. Jetzt, da es online ist, schreiben uns Leser und Protagonisten weitere Geschichten, die wir vorher vergeblich gesucht hatten. Und auf einmal ist die Perspektive der Menschen mit Down-Syndrom doch dabei. Wir werden diese Reaktionen als Leserartikel und Gastbeiträge veröffentlichen – das Projekt weiter leben und sich entwickeln lassen.

Es war glaube ich eine gute Idee, aus dem Dossier mit einer Debatte auszusteigen. Sie aufzumachen, statt zu. Lange hatte ich an einem Essay rumgedoktert, das die ganze gesellschaftliche Tragweite umreißen, die medizinethische Problematik einordnen sollte. Es kam mir aber alles zu oberlehrerhaft vor, zu absolut vor und gleichzeitig langweilig zu lesen. Am Ende haben wir entschieden: Wir lassen das. Die Geschichten der Menschen in den Reportagen sprechen für sich. Die Leser werden verstehen, was das bedeutet und die Debatte von selber führen. Wir müssen Ihnen die möglichen Gedanken dazu nicht vorkauen. Das hat funktioniert.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Ob solche Projekte die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus darstellen, hängt von Faktoren ab, die ich nicht beeinflussen kann. Zum Beispiel davon, wie sich Journalismus im Netz künftig finanzieren wird.

Ich denke, es wird in Zukunft immer wichtiger, wissenschaftliche Themen auf eine Weise zu erzählen, die die Menschen erreicht. Und nicht aus der Perspektive der Wissenschaft selbst. Das Thema wurde wahrgenommen, sogar die Politik hat reagiert. Auch in Kollegenkreisen wurde es sehr positiv wahrgenommen. Von dem Wissen aus dieser Arbeit profitiert das ganze Team nun auch in der täglichen Nachrichtenarbeit. Nicht nur inhaltlich haben wir Expertise gewonnen, auch in der Art, wie wir zusammen arbeiten.

Ich denke zudem, dass Social-Media-Kanäle eine immer wichtigere Rolle spielen, wenn man Nutzer und Leser mit Themen erreichen möchte. Das hat auch Folgen darauf, wie man ein Multimedia-Projekt dramaturgisch aufbaut. Online-Journalismus funktioniert nicht eindimensional über einen Kanal, eine Website, sondern muss alle Wege mitdenken, die User gehen.

In den Seminaren und Tutorials zur Masterclass haben sich zwei Schulen gezeigt. Die eine sagt: Storytelling bedeutet, den Leser durch eine Geschichte zu führen, sodass die verschiedenen Elemente ineinander greifen, einander ergänzen, eines auf dem nächsten aufbaut und am Ende ein in sich geschlossenes Gesamtwerk steht. Ein eigentlich recht klassischer Ansatz aus dem Magazin-Journalismus. Die zweite sagt: Jedes Element eines Multimedia-Beitrags muss alleine für sich sprechen, in sich verständlich sein – denn Menschen werden einzelne Vidoes auf Facebook oder Twitter teilen, wählen intuitiv verschiedene Wege in ein Thema hinein. Redundanzen gibt es dann zwangsläufig, sie sind aber nicht schlimm. Ich bin – vor allem nach der Arbeit an diesem Projekt – eher Anhängerin der zweiten Schule.

Moderner Journalismus zu Themen aus der Wissenschaft sollte diese auf Augenhöhe mit den Lesern bearbeiten. Alles in Leichte Sprache zu übersetzen ist auch ein Schritt in diese Richtung. Die Leser mit ihrer Meinung ernst zu nehmen, zählt auch dazu. Außerdem denke ich, dass relevante journalistische Werke in Zukunft immer stärker in Teamarbeit entstehen werden. Die multimedialen Möglichkeiten kann kein einzelner optimal nutzen, es braucht auch Experten für Technik, Grafik, bewegtes Bild und Dramaturgie. Journalist sein heißt nicht mehr nur Autor sein. Kollegen, die Inhalte programmieren, Grafiken erstellen, Filmen, Fotografieren oder Erzählweisen entwickeln sollten als vollwertige Journalisten wahrgenommen werden. Förderprogramme, Preis-Jurys und Redaktionen sollten diese Sichtweise fördern.