Wissenschafts-Journalismus heute

Dirk Boettcher: Die Ökonomie des Penicillium chrysogenum

Weltweit nehmen die Resistenzen im Kreise bakterieller Erreger gegen unsere Medikamente zu. Der Wettlauf zwischen Bakterien und Antibiotika schlägt zu Ungunsten des Menschen aus. Die Medizin benötigt dringend neue Wirkstoffe. Wer die Geschichte und das Dilemma der Antibiotika aber verstehen will, der muss als Kaufmann auch die Wissenschaft oder als Mediziner auch die Ökonomie dahinter kennen.

In einer sinnvollen Verbindung schöpft Dirk Böttcher jeweils die Möglichkeiten von Print und Online aus. Kontinuierlich gepflegte Elemente wie eine Weltkarte auf der man mit einem Klick sehen kann, welches Unternehmen wo an welchem Wirkstoff forscht, machen die aufwändige Seite zu einer dauerhaften Informationsquelle rund um Antibiotika.

  • Budget: ca. 15.000 €
  • Zeit: fast 18 Monate
"Nach der Masterclass denke ich bei jeder Geschichte viel intensiver über verschiedene Formen der Umsetzung nach. Ob es beispielsweise auch Möglichkeiten einer Animation oder Infographik gibt, so dass wir das Thema dann auch Online auf der Webseite – vielleicht auch nur dort – spielen können. Außerdem habe ich eine engere Beziehung zu den "Online-Leuten" im Haus geknüpft, mit denen ich Geschichten jetzt frühzeitig auch mit der Internetperspektive planen."

Dirk Böttcher arbeitet als freier Autor und Redakteur für das Wirtschaftsmagazin brand eins. Er studierte an der Universität Rostock Soziologie und Sportwissenschaften. Danach verbrachte er viele Jahre in Quebec, in Kanada. Heute lebt er in Rostock an der Ostsee. Neben seiner Tätigkeit als Reporter arbeitet Dirk auch als Filmautor im Bereich Reportage/Dokumentation, leitet Seminare für Journalismus und Texten an Universitäten, organisiert und konzipiert Filmfestivals und Ausstellungen. Mit anderen freien Kollegen gründete er das Journalisten-Netzwerk ag text. Im Jahr 2011 wurde Dirk für den Deutschen Reporterpreis nominiert. 2009 erhielt er den Journalistenpreis der Volksbanken und Raiffeisenbanken, Spar- und Darlehenskassen in Rheinland und Westfalen. Er war Stipendiat des Grenzgänger-Programms der Bosch-Stiftung und der Europäischen Journalisten-Fellowships.

  • Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Vor drei Jahren habe ich im Rahmen einer Recherche die Antibiotika-Herstellung bei Sandoz beobachten können. Damals lernte ich, dass eines unserer wichtigsten Medikamente fast ausschließlich in Indien und China hergestellt wird. Am meisten aber wunderte mich, dass dieses Medikament, das die Menschen so dringend brauchen, für die Wirtschaft kaum mehr interessant ist. Dieses Paradox interessierte mich. Ich besuchte fortan Kliniken, um zu erleben, was „Resistenzen“ im medizinischen Alltag eigentlich bedeuten, recherchierte in Indien und China die teilweise grotesken Umweltauswirkungen der Antibiotika-Produktion, sprach mit Ökonomen, warum etwas, das alle brauchen, sich dennoch nicht lohnen kann, hörte von Wissenschaftlern, warum es so schwer ist, neue Medikamente zu entwickeln und was passiert, wenn uns das nicht gelingt. Am Ende hatte ich das Material für eine „große Geschichte“ beisammen, nur noch keine rechte Idee, wie sich dieses komplexe Thema überhaupt erzählen lässt. Die Ausschreibung der Masterclass war dann Anlass, dieses Problem der Umsetzung zu einem Projekt zu machen.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

Wie banal Ökonomie sein kann, ob ein Pharmakonzern ein Antibiotika oder einen Blutdrucksenker entwickelt, ist letztlich ein ziemlich simples Zahlenspiel. Mit Blutdrucksenkern jedenfalls verdient man derzeit einfach mehr Geld. Weiterhin überraschte mich, wie viel Unbekanntes sich zu einem Thema recherchieren lässt, das nahezu täglich in der Presse behandelt wird.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Die Datenlage vor allem, es existieren kaum Daten, etwa zur Entwicklung von Resistenzen an deutschen Kliniken, zu Umsatzzahlen der meist eingesetzten Antibiotika. Diese Recherchen waren mehr als mühsam und mitunter nicht zu leisten. In der Umsetzung zeigte sich, dass die Zusammenstellung eines guten Teams für die verschiedenen medialen Aufgaben, gar nicht so leicht ist, vor allem, wenn es zuletzt doch auf das Engagement der Leute ankommt, da das Budget überschaubar ist.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Den Aufwand für die Umsetzung bestimmter Ideen abschätzen.

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Die Workshops in Kopenhagen waren sehr inspirierend, zum einen aufgrund der tollen Dozenten, aber auch durch das gute Miteinander innerhalb der Stipendiaten und die umfassende und doch genügend Freiraum gebende Organisation.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres multimediales Projekt vorgenommen hat?

Think small! Multimedial der Multimedialität willen macht keinen Sinn. Man kann mittlerweile alles machen – umso mehr muss es unsere Aufgabe sein, die einzelnen Medien bewusst auf ihre Sinnhaftigkeit auszuwählen. Verlangt meine Geschichte nach mehr Emotionen, die sich vielleicht über Videomaterial beisteuern lassen oder fehlen in der bisherigen medialen Diskussion die Daten, weshalb man sich vielleicht auf die grafische Datenaufbereitung konzentriert? Andererseits, habe Mut – es geht heute vieles und mit den richtigen Leuten sogar einfacher als man vermutet. So gesehen – think big in den thematischen Ambitionen, think small in der Komplexität der Umsetzung.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Die digitalen Möglichkeiten sind die Zukunft. Sie führen zu vielfältigen Umsetzungsformen, die eine neue Art des Erzählens erlauben und zudem die Kernelemente des Wissenschaftsjournalismus, nämlich in meinen Augen die Inspiration durch neue Themen, das Verständnis durch die Aufbereitung von Daten und der Erkenntnisgewinn durch das Erklären komplexer Sachverhalte noch besser zur Geltung bringen. Weiterhin glaube ich, dass wir nicht mehr nur in fertigen Stücken denken, sondern viel öfter Plattformen, Foren und langfristig gepflegte Datenbanken produzieren werden. Auch die sinnvolle Ergänzung von Print und Online birgt noch viel Potential. Insgesamt wird der Umgang mit Inhalten künftig spielerischer werden, wir sollten dennoch bemüht sein, dabei eine gewisse Seriosität zu wahren.