Wissenschafts-Journalismus heute

Marianne Falck: Die dunkle Seite des Zuckers

Brasilien ist der weltweit wichtigste Zuckerproduzent und –exporteur sowie der zweitgrößte Ethanol-Hersteller. Auch in Europa landen immer mehr billiger Zucker und Agrarsprit aus Brasilien in Tellern und Tanks. Die großen Gewinner sind internationale Konzerne. Trotz aller Bemühungen und Beteuerungen von Nachhaltigkeit leiden Umwelt und Menschen vor Ort, wie die Situation im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco zeigt. Marianne Falck zeigt mit ihrem Projekt, wie wichtig internationale Recherchen sind und warum Journalisten öfters grenzüberschreitend zusammenarbeiten sollten.
Marianne Falck ist freie Journalistin, Autorin und Filmemacherin, u.a. arbeitet sie für BR, MDR, ZDF, Süddeutsche Zeitung und verschiedene Produktionsfirmen. Sie berichtet über Ernährung, Umweltschutz, Lobbyismus, Überwachung sowie Zeitgeschichte. Außerdem hält sie Vorträge auf Konferenzen wie etwa der Akademie für Politische Bildung Tutzing oder der belgisch-niederländischen Vereinigung für investigative Journalisten (VVOJ). Ihr Studium der Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie in Aachen und Nijmegen, Niederlande schloss sie 2004 erfolgreich ab. Ein Stipendium der Filmförderungsanstalt (FFA) zur filmberuflichen Weiterbildung führte sie 2010 nach Los Angeles, USA. Marianne Falck ist Mitglied im netzwerk recherche e.V. für investigative Journalisten und der Vereinigung Mörderische Schwestern e.V. für Autorinnen.
  • Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Bei aktuellen Recherchen zur Zuckerindustrie fiel mir auf, dass eigentlich nur wenig über die Umweltfolgen des Anbaus bekannt ist. Und das, obwohl unser Hunger nach billigem Zucker und Ethanol in der EU wächst und dafür immer mehr Flächen im Ausland, insbesondere für Zuckerrohr, benötigt werden. So entstand die erste Idee für die Recherche in Brasilien.

  • Was war die größte Überraschung während der Realisierung?

So viel kreativen Freiraum seitens der Redaktion für mein Projekt zu bekommen - nochmals ein großes Dankeschön dafür.

  • Welche unerwarteten Hürden gab es?

Dass diese Recherche nicht einfach werden würde, war von Beginn an klar. Die Zucker- und auch die Ethanolindustrie haben ja weltweit eine extrem einflussreiche Lobby. Dass einige staatliche Stellen oder Verbände in Brasilien Anfragen nicht beantworten würden, war schon fast zu erwarten.
Doch mit diesem krassen Klima der Angst hatte ich so nicht gerechnet. Die Verflechtungen und Abhängigkeiten sind einfach immens. Wir trafen auf eine Mauer des Schweigens. Viele Arbeiter lehnten auf den Feldern jedes Gespräch mit uns ab, riefen sofort ihren Supervisor. Einige Angestellte eines lokalen Gesundheitszentrums verleugneten, dass überhaupt Arbeiter aufgrund von Pestizidvergiftungen zu ihnen kamen. Nicht einmal eine halbe Stunde später wurde meine Rechercheurin dann von einem Polizeiwagen und zwei bewaffneten Wachmännern eines bekannten Zuckerunternehmens draußen „in Empfang“ genommen.

  • Was können Sie heute besser als vor dem Projekt?

Jedes einzelne Element, in meinem Fall also Text, Grafik, Bild und Video, sofort daraufhin zu überprüfen: Ergänzen sich die Inhalte? Bringen sie dem Nutzer einen Mehrwert? Kurzum: Wie kann ich die Story in der bestmöglichen Weise multimedial erzählen?

  • Was hat am meisten Freude bereitet?

Endlich konnte ich alle Medien, für die ich als Journalistin und Filmemacherin für gewöhnlich unabhängig voneinander tätig bin, in einem Projekt zusammenbringen. Ich fand es toll, von der Recherche über den Text bis hin zur Entwicklung von Infografiken, Auswahl von Fotos und Videomaterial ein Gesamtbild für dieses Thema entwickeln zu können.

  • Was würden Sie einem Kollegen raten, der sich ein größeres multimediales Projekt vorgenommen hat?

Gut planen. Am besten mit einem überdimensionalen Storyboard ausgerüstet Inhalt und visuelle Form immer wieder aufeinander abstimmen und sich dafür genügend Zeit nehmen. Sich die bestmögliche Unterstützung bei anderen Kollegen und in der Redaktion suchen. Teamwork ist bei einem größeren multimedialen Projekt alles.

  • Was haben Sie über die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gelernt?

Für mich persönlich steht fest: Die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus ist international und interdisziplinär. Wissenschaftsjournalismus sollte sich immer auch auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beziehen. Nur so lassen sich die vielen, oft widersprüchlichen Facetten abbilden. Den „einen“ Wissenschaftsjournalismus gibt es nicht mehr. Und der öffentliche Diskurs zu den drängenden Fragen unserer globalisierten Welt kann dadurch nur gewinnen.