Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Sven Töniges:

Sven Töniges, geboren 1976, studierte Angloamerikanische Geschichte und Literaturwissenschaften in Köln und Barcelona. Er ist seit 15 Jahren als freier Journalist und Autor hauptsächlich für den WDR und den Deutschlandfunk tätig – Reportagen und Features unter anderem aus Mexiko, Mittelamerika, Russland, Belarus, Kosovo, dem Südkaukasus und Israel. Sven Töniges war Redakteur bei der Deutschen Welle, ist freier Onlineredakteur beim Deutschlandfunk und als Medientrainer für die DW-Akademie in Südamerika unterwegs. Zudem setzte er zahlreiche Regie-Arbeiten für den ARD-Hörfunk um. Er lebt aktuell in Köln und war Stipendiat der Heinz-Kühn-Stiftung sowie der Film- und Medienstiftung NRW.
Schüsse im Schwarzen Garten
Der gefrorene Krieg um Berg-Karabach

Auch wenn die Welt diesen Konflikt längst vergessen hat: Zwei Jahrzehnte nachdem Armenier und Aserbaidschaner blutig um Berg-Karabach kämpften, herrscht in der Kaukasus-Region immer noch kein echter Frieden.

So belauern sich an Europas südöstlichem Rand zehntausende Soldaten entlang einer waffenstarrenden Grenze. Es geht um einen selbsterklärten Staat, kaum halb so groß wie Thüringen – den kein Land der Welt anerkennt. Doch der Streit um Berg-Karabach ist mehr als nur einer der vielen Folgekonflikte nach dem Zerfall der Sowjetunion. Er spielt vor der großen Leinwand der Historie: Den Kulturkämpfen zwischen Christen und Muslimen und dem Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren. Und die Anzeichen mehren sich, dass aus dem gefrorenen Konflikt wieder ein heißer Krieg werden könnte.

WDR
Länge: 55:00
Redaktion: Thomas Nachtigall
Erstausstrahlung: 05.04.2015, 11:05 Uhr, WDR
06.04.2015, 20:05 Uhr, WDR5

Weitere Informationen

Bildergalerie

Fotos: Sven Töniges
Überreste des aserbaidschanischen Dorfs Chiragli: Hinter diesen Fenstern verläuft die Front; siebzig Meter entfernt sind armenische Stellungen
Airport: Der neue Flughafen von Stepanakert: Betriebsbereit aber verwaist – Aserbaidschan droht mit dem Abschuss aller Flugzeuge, die hier starten und landen
Akram Aylisli: Der Schriftsteller war 2013 einer offenbar staatlich organisierten Verfolgungskampagne ausgesetzt. Er hatte in einer Erzählung für Empathie für die Armenier geworben
Eine Frau in Shushi: Die noch immer vom Krieg gezeichnete Stadt beherbergt viele aus Aserbaidschan vertriebene Armenier
Line of Contact: Ein armenischer Soldat in einem Unterstand an der Waffenstillstandslinie
Memorial: Kinder bei den Siegesfeiern am 9. Mai in Stepanakert
Musafer Babaiev mit dem einzigen Bild, das ihm von seinen Großeltern geblieben ist: Der 63-jährige Aserbaidschaner wurde 1992 aus Berg-Karabach vertrieben
Kinder in Shushi
Stepanakert: Der Sitz des Präsidenten der nicht anerkannten Republik Berg-Karabach
Armenische Veteranen des Karabach-Krieges
Veteranen feiern am 8. Mai die Eroberung von Shushi vor 22 Jahren
Das Kriegs-Museum in Stepanakert: Die Wände mehrerer Räume sind mit den Bildern gefallener Armenier bedeckt
Im Winter 2013 und im Frühjahr 2014 reiste Sven Töniges nach Aserbaidschan, Armenien und in die selbsterklärte Republik Berg-Karabach. Von beiden Seiten näherte er sich der wohl undurchdringlichsten Grenze Europas. Hier belauern sich seit mehr als zwei Jahrzehnten abertausende armenische und aserbaidschanische Soldaten – tief eingegraben in einem hunderte Kilometer langen System von Schützengräben. „Eine bedrückende Realität – einmal mehr 2014, im Jahr des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren“. Der Autor erlebte eine beeindruckende, fast zärtliche Gastlichkeit auf beiden Seiten der Konfliktregion. Zugleich aber überstiegen Ausmaß und Allgegenwart eines tiefen ethno-nationalistischen Hasses die Erwartungen, oder besser: Befürchtungen. „Es gibt diese Tendenz zur Dehumanisierung, ja 'Vertierung' des Gegners, des Feindes – besonders in der jungen Generation, die nie einen Aserbaidschaner und Armenier persönlich zu Gesicht bekommen hat“. Ein Grund, weshalb der ohnehin brüchige Frieden im Südkaukasus erneut in Krieg umschlagen könnte. „Die internationale Staatengemeinschaft sollte sich nicht darauf verlassen, dass der Waffenstillstand schon irgendwie auch noch weitere 20 Jahre halten wird.“ Und im Zeichen der Ukraine-Krise werden in der Region nun die Karten neu gemischt.