Grenzgänger Europa und seine Nachbarn

Barbara Lehmann:

Barbara Lehmann lebt in Berlin und schreibt als freie Autorin Features und Reportagen für "Die Zeit" sowie für verschiedene Rundfunkstationen. Zudem ist sie Dramaturgin, Projektmanagerin und Moderatorin. Aus dem Russischen übersetzte sie Stücke von Tschechow bis Sorokin sowie Prosa des russischen Skandalautors Eduard Limonow.
Eine Liebe in Zeiten des Krieges

In einer vom Krieg geprägten Welt begegnen sich die deutsche Journalistin Doro und der kaukasische Freiheitskämpfer Aslan. Sie geben einander Halt, während Tschetschenien in Angst und Gewalt versinkt.

Sie sind verliebt, aber von einer glücklichen Beziehung weit entfernt. Denn während Doro mit ihrer Vergangenheit kämpft, verliert sich Aslan immer mehr im Fanatismus des rebellischen Kriegers. Um Abstand zu bekommen, nimmt Doro Reportage-Aufträge auf der ganzen Welt an, bis sie erfährt, dass Aslan in Gefangenschaft geraten ist. Doro bricht sofort nach Tschetschenien auf und schafft es, in die höchsten politischen Kreise vorzudringen. Sie kann nur an Aslan denken und tut alles dafür, ihn zu befreien.

Roman
352 Seiten
Verlag LangenMüller 2015
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7844-3370-7
Krieg ohne Spuren?
Ramsan Kadyrows "Neues Tschetschenien"

Einerseits durchpflügen Tschetschenien bis heute die Spuren zweier Kriege: Traumatisierte, Invaliden, Minen, Massengräber und Militärstützpunkte sind das eine Gesicht Tschetscheniens - und eine tschetschenische und russische Soldateska mit nahezu unbeschränkter Gewalt und Vollmacht. Andererseits gibt es Ramsan Kadyrows Wiederaufbauprogramm "Krieg ohne Spuren." Innerhalb von ein paar Monaten verwandelten rund um die Uhr arbeitende Baukolonnen die Ruinenwüste Grosny nicht nur in eine frisch geweißte Glitzermetropole, selbst in den entlegensten Bergregionen werden täglich neue Krankenhäuser und Schulen eröffnet. Ein Teil der Bevölkerung erwacht aus Lethargie und Depression und schöpft wieder Hoffnung. Für andere wiederum ist das Land ein Gefängnis und Folterkeller, dem man lieber heute als morgen entfliehen möchte.

Einerseits zeigt das Feature mit Angehörigen von Entführungsopfern und den kritischen Stimmen von russischen und tschetschenischen Bürgerrechtler die verdrängte Realität hinter den schönen neuen Fassaden. Andererseits präsentiert es die neuen Machthaber in ihrem Arbeitsumfeld, Minister, Parlamentsmitglieder und den Bürgermeister von Grosny und zeigt den 31jährigen Präsidenten Ramsan Kadyrow bei der Besichtigung der größten nordkaukasischen Zementfabrik und der anschließenden Fahrt durch die Ebenen des wiederaufgebauten Tschetscheniens. Daneben schildert es die lebensgefährliche Aufbauarbeit in den – gesperrten – Bergregionen, in denen sich nach wie vor die tschetschenischen Seperatisten, Kadyrow-Milizen und Russen Kämpfe liefern.
Das Feature zeigt die vielen Facetten das neuen Tschetschenien, seine unzähligen Wahrheiten und Wirklichkeiten zwischen den Fronten und Lagern.

WDR 5, Feature, 27.01.08, 11:05 Uhr
SWR 2, Wissen, 12.02.08, 08:30 Uhr
BR 2, Nahaufnahme, 19.02.08, 15:30 Uhr

Bildergalerie

Fotos: Musa Sadulajew
Barbara Lehmann war insgesamt viermal für jeweils zweieinhalb Wochen in Tschetschenien, das letzte Mal im Herbst 2007 mithilfe eines Grenzgänger-Stipendiums. Über diese Zeit schreibt sie:

"Der Terror war überall. Der Terror war in den riesigen Freiflächen, Häuserskeletten und in den weißen Fassaden, die über Nacht in Windeseile hochgezogen worden waren. Der Terror war in den Gesichtern der Menschen, die allen Schrecken zum Trotz ruhig über die Straßen flanierten. Der Terror war sogar in der Landschaft, in den Parks, wo die Bäume massakriert worden waren und nur noch Stümpfe ragten. Der Terror war selbst in den alltäglichsten Floskeln, die ich mit den Menschen tauschte. Der Terror war in mir. Und während ich durch Tschetschenien fuhr, die sogenannte Anti-Terror-Zone am Rande Europas, wo auf dem Bodensatz der Gewalt die Grenzen zwischen Tätern und Opfern längst verwischt waren, sah ich, dass dieser Krieg an der Peripherie schon bei uns war: im Zentrum."