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Otsuchi in Japan: "Unter einem Dach"

Im 2011 fast völlig zerstörten Otsuchi im Nordosten Japans gibt eine neue Werkstatt den Menschen die Möglichkeit, sich handwerklich zu betätigen und für zukünftige Beschäftigungen zu qualifizieren.

Sieben Meter über dem Meeresspiegel, etwa sieben Kilometer von der Küste entfernt liegt die von der Robert Bosch Stiftung finanzierte Werkstatt in Otsuchi in Nordjapan. Bis hierher reichte die zerstörerische Kraft der Tsunami im März 2011 nicht. Direkt neben der behindertengerechten Einrichtung steht ein vor wenigen Monaten eröffnetes Gemeindehaus ("Community Center"). Und nur wenige hundert Meter entfernt befindet sich eine der 48 provisorischen Wohnanlagen, in denen die Bewohner Otsuchis untergebracht sind, die noch nicht weggezogen sind oder sich noch kein neues Heim aufbauen konnten. Auch Ryoichi Usuzawa, einer der Gründer von Magokoro Net (etwa: Netzwerk der Aufrichtigkeit/Herzlichkeit), lebt in einem solchen Provisorium einige Kilometer entfernt.

Usuzawa eröffnet an diesem Freitagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein die Einweihungsfeier der behindertengerechten Werkstatt "Unter einem Dach". Anwesend sind lokale Prominenz, viele freiwillige Helfer des Netzwerks und die Menschen aus dem Ort. Ein Vertreter der deutschen Botschaft und zwei Mitarbeiter der Stiftung sind ebenfalls dabei. In der Werkstatt gibt es Geräte zur Bearbeitung von Holz, Nähmaschinen, aber auch einen 3D-Plotter und eine Laser-Graviermaschine. Die Einrichtung steht für alle offen, sie soll den durch die Tsunamikatastrophe traumatisierten Menschen Beschäftigung und Hoffnung bringen. Wer möchte, kann sich hier unterrichten lassen oder auch "sein eigenes Ding" machen.

Kazuhiko Tada, ebenfalls von Magokoro Net, selbst von der Katastrophe nicht betroffen, widmet sich mit vollem Einsatz der gemeinnützigen Organisation. Als äußerst arbeits- und zeitaufwendig beschreibt er den Aufwand, der betrieben werden muss und musste, um von den Behörden Genehmigungen für ihre Initiativen zu erhalten. Neben der Werkstatt hat das Netzwerk das Gemeindehaus und Teestuben aufgebaut, die in den provisorischen Wohnanlagen oft die einzigen Begegnungsorte für weniger mobile Menschen darstellen. Zudem organisiert Magokoro Net einen eigenen Fahrdienst, damit die Bewohner der schlecht angebundenen Wohnanlagen mobil sind. Die Zentrale des Netzwerks bietet gleichzeitig Unterkunft für freiwillige Helfer, die noch immer aus dem ganzen Land anreisen, um einige Tage beim Wiederaufbau mitzuhelfen.

Die Eröffnungszeremonie mit sieben Grußworten, Verlesung von Glückwunschnoten, der feierlichen Durchschneidung des Bandes und traditionellem Reisküchlein-Werfen ist nach nur einer Stunde vorüber. Nach den förmlichen Feierlichkeiten ist nicht nur die lokale Presse an den Besuchern aus dem fernen Deutschland interessiert, von allen Seiten erreicht sie herzlicher Dank. Die Stiftung hat mit dieser für sie ungewöhnlichen Art der Unterstützung einen kleinen, aber wichtigen Beitrag geleistet, wie im Laufe des Nachmittags und Abends beim Besuch provisorischer Wohnanlagen immer deutlicher wird: Den Menschen in Otsuchi, denen auf einen Schlag die ganze Stadt genommen wurde (über 90 Prozent der Stadt wurden zerstört), gibt die Werkstatt die Möglichkeit, sich handwerklich zu betätigen und für zukünftige Beschäftigungen zu qualifizieren.

(Julian Hermann, Oktober 2014)

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