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Aktuelle Themen 2014

Gläserne Spracharbeit

Anlässlich des Hieronymustags am 30. September 2014 organisierte der Verein Weltlesebühne ein besondere Aktion: In 31 Städten weltweit fanden an einem Tag rund 40 Veranstaltungen zum Thema Übersetzen statt. Ziel der Aktion ist es, die Arbeit von Literatur-Übersetzern sichtbarer zu machen. Die Vereinsvorsitzenden Martina Kempter und Gabriele Leupold erläutern, was die Aktion, die von der Robert Bosch Stiftung gefördert wird, so einzigartig macht.
  • Die Veranstaltungen am Hieronymustag sind im Format des „Gläsernen Übersetzers“ geplant – was genau kann man sich darunter vorstellen?

Gabriele Leupold: Der „Gläserne Übersetzer“ ist eine Art Installation, die nahezu überall realisiert werden kann. Der Übersetzer tut, was er immer tut: Er hat den Originaltext vor sich und arbeitet an seiner Übersetzung, in diesem Fall jedoch vor Publikum. So wird für die Zuschauer transparent, welche Passagen dem Übersetzer Schwierigkeiten bereiten, welche Nachschlagewerke er zurate zieht und wie viel Einfallsreichtum bei der Übersetzung von Begriffen, die im Deutschen nicht existieren, gefragt sind.

  • Auf diese Art können die Zuhörer den Übersetzungsprozess also hautnah miterleben. Woher kommt die Idee des „Gläsernen Übersetzers“ ursprünglich?

Martina Kempter: Eine Kollegin, die aus dem Schwedischen übersetzt, hat die Idee aus Skandinavien mitgebracht. In Deutschland wurde der „Gläserne Übersetzer“ zum ersten Mal 2005 im Übersetzerzentrum der Frankfurter Buchmesse realisiert. Seitdem ist das Format fester Bestandteil der Messe.

  • Wählen die teilnehmenden Übersetzer die Texte selbst aus oder schlagen Sie die Texte vor?

Gabriele Leupold: Alle beteiligten Übersetzer wählen die von ihnen präsentierten Texte selbst aus – häufig sind es die, an denen sie gerade arbeiten, oder solche, die ihnen besonders spannende Einsichten für das Publikum zu versprechen scheinen.

  • Insgesamt werden 19 Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum stattfinden. Darüber hinaus gibt es Veranstaltungen in 18 Goethe-Instituten, zum Beispiel in Buenos Aires, Istanbul, Kairo, Kiew, Peking oder Wellington. Wie kam es zu diesem breiten Spektrum?

Gabriele Leupold: Dem Verein Weltlesebühne gehören seit seiner Gründung Übersetzer an, die in verschiedenen Städten leben und arbeiten, und unsere Veranstaltungen finden überall dort statt, wo wir wohnen.

  • Was erhoffen Sie sich vom Hieronymustag?

Gabriele Leupold: Wir glauben, dass eine große Aktion wie diese noch einmal verstärkte Aufmerksamkeit für die kulturelle Bedeutung des Übersetzens und die Leistung der Übersetzer wecken kann. Dabei haben wir die Unterstützung von acht großen Förderern, ohne die wir ein solches Programm nicht stemmen könnten. Hinzu kommen auch Kooperationspartner jeweils vor Ort, die sich an den einzelnen Veranstaltungen beteiligen.

  • Organisiert werden die Veranstaltungen vom Verein Weltlesebühne, einem überregionalen Zusammenschluss von Literaturübersetzern im deutschsprachigen Raum, den Sie im März 2009 mitbegründet haben. Welche Idee stand hinter der Gründung des Vereins?

Gabriele Leupold: Vor gut fünf Jahren haben wir gemeinsam mit anderen Übersetzerkollegen den Verein Weltlesebühne ins Leben gerufen, um unsere Arbeit der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Hinter der Gründung steht die Erfahrung, dass ein breites literaturinteressiertes Publikum den Einblick genießt, den es bei derartigen Veranstaltungen in die Entstehung eines deutschen Textes bekommt.

Martina Kempter: Oft steht bei den Zuhörern das Interesse an einem bestimmten Buch im Zentrum. Sie kommen zu uns, weil sie mehr über das Buch erfahren möchten. Bei uns erleben sie dann oft die Überraschung, dass hinter dem Text des Buches neben dem Autor auch noch der Übersetzer steht. Wir zeigen den Anteil, den die Übersetzer an der Entstehung der Bücher haben, vor allem die Spracharbeit, die in den übersetzten Büchern steckt. Dafür möchten wir die Öffentlichkeit sensibilisieren.

(Interview: Katrin Ritte)

Die Interviewpartner

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Gabriele Leupold und Martina Kempter